Leben

Unterdrücktes freilegen, sich selbst entdecken und frei werden: Was Psychotherapie und Buddhismus verbindet.

Der Verlauf einer Reise ist häufig nicht vorhersehbar, wie folgende Geschichte zeigt. Eine Klientin, nennen wir sie Frau K., kam wegen eines unerfüllten Kinderwunsches. Sie und ihr Mann ließen sich immer wieder medizinisch untersuchen, doch es konnten keine organischen Ursachen für die Unfruchtbarkeit gefunden werden. Eine Ärztin empfahl Frau K., in Psychotherapie zu gehen. Denn sie merkte, dass Frau K. bei den Terminen gestresst wirkte. Schließlich kann sich lang anhaltender Stress auf die Fruchtbarkeit auswirken. In der Therapie stellte sich heraus, dass die Verantwortung für ihren Bruder eine große Belastung war. Der Bruder war mit einer schweren genetischen Erkrankung auf die Welt gekommen und benötigte viel Unterstützung. Frau K. hatte von den Eltern den Auftrag bekommen, sich um ihn zu kümmern. Schon als kleines Kind wurde ihr gesagt, dass das Wohlbefinden des Bruders das Wichtigste für die Familie sei. Frau K. musste auf vieles verzichten. Nachdem die Eltern verstorben waren, zog der Bruder in eine betreute Wohngemeinschaft. Obwohl er dort gut integriert ist, tat Frau K. weiterhin viel für den Bruder. Denn sie hatte ein schlechtes Gewissen.

Der Therapeut fragte Frau K., wann sie in ihrem Leben so richtig frei gewesen sei. Frau K. wurde traurig und meinte, dies sei nur einmal der Fall gewesen – und zwar als sie mit ihrem Mann auf Hochzeitsreise in Neuseeland war. In diesen sieben Wochen konnte sie innerlich die Verantwortung für ihren Bruder abgeben. Die Therapeutin lud Frau K. ein, sich einen besonders schönen Moment in Neuseeland vorzustellen. Frau K. erzählte von einem traumhaften Sonnenuntergang am Strand in der Nähe von Christchurch, auf der Südinsel von Neuseeland. Dabei begann sie zu strahlen. Der Therapeut schlug Frau K. vor, eine Fantasiereise nach Christchurch zu unternehmen. Dafür sollte sie sich ganz entspannen, tief durchatmen und die Augen schließen. Frau K. stellte sich vor, dass sie sich am Strand in Neuseeland befindet. Sie nahm das innere Bild mit vielen Details wahr. Dazu gehörten das Rauschen des Meeres, die Schreie der Möwen und das Abendrot der untergehenden Sonne. Frau K. fühlte sich in diesem Moment wieder frei. Jeglicher Stress war verschwunden. Sie begann, solche Fantasiereisen nicht nur in den Therapiestunden, sondern auch im Alltag zu unternehmen.

Hinzu kamen die Gespräche mit dem Therapeuten. Hier bearbeitete sie das Verhältnis zu ihrem Bruder und zu den verstorbenen Eltern. Frau K. löste sich langsam vom Auftrag der Eltern, sie müsse sich ständig um den Bruder kümmern. Sie konnte die Verantwortung für den Bruder an die professionellen Betreuer und Betreuerinnen in der Wohngemeinschaft abgeben. Im Verlauf der Therapie sank der innere Stress. Der Prozess hatte auch körperliche Auswirkungen. Es dauerte einige Zeit. Frau K. hatte fast nicht mehr daran geglaubt, doch sie wurde schwanger. Zu Beginn der Therapie war nicht klar, ob das erhoffte Ziel eintreten würde. Denn die Ursachen für Unfruchtbarkeit können vielfältig sein. Letztendlich ging es in der Therapie darum, mehr innere Freiheit aufzubauen. Wäre die Unfruchtbarkeit geblieben, hätte ein Therapieziel lauten können, die Kinderlosigkeit anzunehmen.

Eine Reise zu sich selbst
Fantasie-, Traum- oder Märchenreisen werden nicht nur in Psychotherapien, sondern auch in anderen Kontexten wie in der Pädagogik eingesetzt. Ist jemand traumatisiert, eignen sich Fantasiereisen, um einen sicheren Ort aufzubauen. Imaginative Reisen können die Selbstheilungskräfte aktivieren. Gleichzeitig können Ängste, Stress und Belastungen abgebaut werden. 

Allerdings ist auch Vorsicht geboten. Imaginative Reisen dürfen auf keinen Fall bei Psychosen, Demenzen und bestimmten Persönlichkeitsstörungen durchgeführt werden. Denn hier können sich negative Phänomene verstärken. In einer Fantasiereise werden nicht nur imaginativ Orte zum Entspannen und Wohlfühlen aufgesucht, sondern es können auch Heldenreisen unternommen werden. Anschließend wird in der Therapie mit den inneren Bildern, die in der Reise auftauchen, gearbeitet. Die inneren Bilder sind im Regelfall mit bestimmten Emotionen und Gefühlswelten verbunden. Meist leitet auch der Therapeut oder die Therapeutin eine solche innere Reise an. Die inneren Bilder sind für den weiteren Therapieverlauf hilfreich. Sie können auf tief sitzende Bedürfnisse wie den Wunsch nach mehr Freiheit, nach mehr Abgrenzung oder nach weniger Stress hinweisen.

Im Buddhismus werden Bedürfnisse, Wünsche und Emotionen manchmal negativ gesehen. Denn sie werden teilweise als Anhaftungen interpretiert. Hier gilt es jedoch zu differenzieren. Bedürfnisse müssen grundsätzlich nicht schlecht sein. Oft haben Menschen bestimmte persönliche Anliegen verdrängt. In einer Therapie geht es zunächst darum, die inneren Bedürfnisse und damit verbundenen Gefühle zu erkennen und achtsam zu beobachten. In weiterer Folge ist es sinnvoll, zu erforschen, was hinter einem Bedürfnis steckt. Dazu ist ein Prozess der Einsicht und des Innehaltens notwendig. Im nächsten Schritt kann dann über den Umgang mit dem Bedürfnis nachgedacht werden. Bei einigen Bedürfnissen ist es sinnvoll, das Anliegen zu erfüllen, wie beispielsweise den Wunsch nach weniger Stress, nach größerer innerer Freiheit oder bei einsamen Menschen den Wunsch nach Gemeinschaft. Dann gibt es aber auch Bedürfnisse, bei denen das Loslassen besser ist als das Festhalten an leidvollen Verhaltensweisen. Beim Loslassen kann eine Meditationspraxis helfen. 

In einer Psychotherapie sind der Therapeut oder die Therapeutin und die Menschen, die sich Unterstützung holen, unterwegs. Der Prozess ist mit einer inneren Reise vergleichbar. Der Therapeut oder die Therapeutin sind Begleiter und können bei der Orientierung oder Navigation helfen. Eine solche Reise kann streckenweise abenteuerlich verlaufen. Ob das angestrebte Ziel erreicht werden kann, ist zu Beginn ungewiss. Meist kommen Menschen mit einem großen Leidensdruck und genauen Wünschen in die Therapie. Es kann aber passieren, dass die vorgegebenen Ziele nicht erreicht werden können, weil sich bestimmte Phänomene nicht (mehr) ändern lassen. Dann geht es darum, sich auf neue Wege und Ziele wie beispielsweise auf das Annehmen einer Situation einzulassen. In diesem Sinne bestehen einige Gemeinsamkeiten zwischen Psychotherapie und Buddhismus. Beide können helfen, zu erkennen, dass Leiden und Krankheiten zum Leben gehören. Beide können aber auch Wege aufzeigen, wie Menschen mit dem Leiden und mit Krankheiten umgehen können.

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