Leben

Wenn das Glücklichsein-Wollen zum Unglück wird und Einverstandensein eine gute Lösung ist.

Ich hatte gerade beschlossen, diese Kolumne zu schreiben, wollte nur noch vorher frühstücken und war ganz glücklich über das superscharfe Messer, mit dem ich die Kaki-Frucht für mein Müsli so fein schälen konnte, als der Radiomoderator verkündete, dass heute der ‚Internationale Tag des Glücks‘ sei. Solch eine Synchronizität liebe ich! Sind das nicht die besten Voraussetzungen für glückliches Gelingen? Der Moderator forderte die Zuhörer auf, glückliche Mails an ihn zu schicken, und dann redete er über die schönen Dinge des Lebens und wie man sie sich erarbeiten kann. Da ging es los bei mir. Glaubt der Junge denn, dass man das Glücklichsein anstreben kann? Ist das Glück nicht ein flüchtiger Moment, der uns geschenkt wird?

Ehrlich gesagt: Ich bin nicht glücklich und ich möchte auch nicht länger dem Glück hinterherjagen. Ich fühle mich – wie der Schweizer Priester Pierre Stutz so treffend sagt – verwundet und gut aufgehoben. Für mich geht es inzwischen mehr um den inneren Frieden. Das Einverstandensein. Mein Glück liegt darin, nicht mehr länger darüber unglücklich zu sein, dass ich das Glück nicht pachten kann.

Glück


Es tut so wohl, das Ideal vom Glück loszulassen. Es wirft einfach zu harte Schatten. In unserer Zeit wird das Glücklichsein allzu leicht zum sozialen Status erhoben. Man gehört zu den Reichen, Glücklichen, Schönen – oder eben nicht. Manche schämen sich, wenn sie nicht bei guter Laune sind, wenn ihr Leben nicht einer einzigen Party gleicht. In den sozialen Medien wird miteinander um die Wette gestrahlt. Nur nicht miesepetrig wirken – das würde uns ausschließen aus der Spaßgesellschaft.

Wer es nicht schafft, das Glückssoll zu erfüllen, fühlt sich als Versager. Dadurch wird das Gefühl der Entfremdung und des Alleinseins vergrößert. Frustrierend ist das. Und es macht wütend. Die gegen sich selbst gerichtete Wut zeigt sich als Depression – die psychische Krankheit, die in der heutigen Zeit die meisten Krankheitstage in Betrieben verursacht. Die Dicken, die Unbeweglichen, die Stagnierenden, die nicht so hellen Lichter auf der Torte des Lebens werden als die Versager unserer Zeit angesehen. Sie finden sich selbst auch nicht toll und dümpeln an den Rändern unserer Leistungsgesellschaft. Unglück wird als Ausdruck einer Niederlage erlebt, für die jeder allein verantwortlich ist.

Wann genügen wir endlich einmal so, wie wir jetzt gerade sind? Wann dürfen wir müßig leben, das Glück des Vergessens genießen, auch mal jammern und klagen? Darf es in unserem Leben richtig langweilig und bedeutungslos zugehen? Können wir mal breit zaudernd in der ganzen Flachheit des Alltags verharren? Müssen wir uns immer pflichtbeflissen anstrengen, um glücklich zu werden?

Lassen wir uns nicht von Glücksdogmen in die Falle locken. Begraben wir endlich das Glücksideal und genießen wir die Momente von Glück und Zufriedenheit, wenn sie zufällig vorbeikommen, denn wie Ayya Khema so schön sagt: „Der einzige Weg zu innerem Frieden ist, nichts zu wollen.“

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