Leben

Wie ich lernte, was Vertrauen und Geborgenheit sind – und warum es dafür keine Anweisungen geben kann.

Als meine Großmutter geboren wurde, lebte Karl Marx noch, Nietzsche grübelte über seinen Notizen, und Ju Mipham schrieb in Tibet seine nicht nur für die Nyingma-Schule wichtigen Kommentare. Wir sind es heute gewohnt, Ereignisse historisch weit und global zu verorten. Meine Großmutter war keine weltgewandte Frau. Sie hat ihr Heimatdorf nur einmal einige Zeit lang für eine Lehre als Hauswirtschafterin in der Schweiz verlassen. Früh war ihr Mann, mein Großvater, durch einen Motorradunfall ums Leben gekommen; einer ihrer Söhne fiel im Krieg.
Zuvor schon war in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 der doch ansehnliche Bauernhof der Großeltern an einer Schweineseuche zugrunde gegangen. Die Familie, bis dahin durchaus in bescheidenem Wohlstand lebend, musste ins Armenhaus ziehen. Meine Mutter, damals achtjährig, empfand dies nicht nur als Schande; sie musste vor allem die Schreibmaschine aus dem Büro meines Großvaters dem Insolvenzverwalter überlassen – ein großer Schmerz. Die Großeltern waren wirkliche Pioniere. Sie hatten das erste Radiogerät in weitem Umkreis; es steht heute im Museum. Eine Schreibmaschine charakterisierte diese Modernität. Doch dann kam die Weltwirtschaftskrise, mit ihr die Nazi-Herrschaft und 1943 der tödliche Unfall des Großvaters.

Eigentlich war das Leben meiner Großmutter also durch viele Tränen gekennzeichnet. Ich erlebte sie allerdings ganz anders, als gebrochene Frau. „Oma“ wohnte bei uns in bescheidenen Räumen. Meine Eltern hatten das feste Ziel in den 1950er-Jahren, ein Haus zu bauen, und das mit sehr bescheidenen Mitteln. Es gab kein Erbe, außer ein paar Möbelstücken. Das hieß vor allem: arbeiten und sparen. Als Kind ging es mir gleichwohl gut. Nicht zuletzt gab mir meine Großmutter ab und zu etwas Geld von ihrer nicht eben üppigen Rente.

Während ich von meinen Eltern Fleiß und ethisches Handeln eher selbstverständlich erlernte, lehrte mich meine Großmutter etwas, das ich erst sehr viel später schätzen lernte: Gelassenheit, Achtsamkeit und die fein dosierte Freude an kleinen Dingen.

Um mit den Freuden anzufangen: Ich war noch ein Teenager, als mir ein Onkel spontan bei einem Besuch ein älteres Radiogerät schenkte. Wieder vom Besuch zu Hause, öffnete ich den Deckel des Geräts und entdeckte zu meiner Freude und Überraschung, dass darin ein einfacher Plattenspieler eingebaut war. Ich hatte zuvor ein uraltes Radiogerät auf dem Speicher entdeckt, das vermeintlich defekt war. Es gelang mir – Elektrizität war für mich immer geheimnisvoll gewesen –, das Gerät so weit in Gang zu setzen, dass ich damit einige Sender auf Mittelwelle empfangen konnte. Besonders die amerikanische Musik auf dem Soldatensender AFN-München hatte es mir angetan. Meine Eltern duldeten die fremden Jazzklänge, ohne sie selbst zu mögen.

Da kam meine Großmutter ins Zimmer, lächelte verträumt und zeigte, dass ihr die Musik gefiel.


Der neue Plattenspieler aber entzündete dann bei mir eine wahre Leidenschaft – das Musikmachen. In einem Geschäft in meiner kleinen Heimatstadt verkaufte man gebrauchte Schallplatten, ausgesondert aus Musikboxen – oft zerkratzt, aber voll selig machender Klänge, für wenig Geld. Ich erstand damals eine Single von Louis Armstrong und war völlig verzaubert. Die Platte lief ununterbrochen. Da kam meine Großmutter ins Zimmer, lächelte verträumt und zeigte, dass ihr die Musik gefiel. Ihr Bruder hatte in jungen Jahren, erzählte sie mir, Trompete gespielt, und in Armstrongs Spiel erkannte sie den Trompetenklang ihrer Jugend wieder.

Ich war erstaunt, aber auch glücklich, denn fortan unterstützte sie mich mit der einen oder anderen D-Mark für alte Platten, aber auch darin, selber Musik zu machen. Ich bastelte mir zunächst eine „Gitarre“ aus Pressspan und Holz. Das rührte auch meine sparsamen Eltern, und ich durfte mir eine „echte“ Gitarre kaufen. Musizieren ist bis heute – neben Philosophie, Wissenschaft und buddhistischen Studien – eine Inspirationsquelle für mich. Meine Großmutter ermutigte die autodidaktischen Spielversuche – einfach durch ein Lächeln und gelegentliches Nicken. Die Eltern waren berufstätig und außer Haus, sodass sich meine Oma und ich nach Beendigung meiner Schulaufgaben gemeinsam die Zeit vertrieben – ich Gitarre spielend, sie geduldig zuhörend, mich ermutigend.

Gelassenheit
Doch die eigentliche Kraft, die mir meine Oma gab, habe ich erst viel später verstanden. Ich hatte eingangs nicht zufällig Ju Mipham erwähnt, einen Hauptvertreter der Dzogchen-Lehre im tibetischen Buddhismus. Eine zentrale Praxis in dieser Schule ist die achtsame Kontemplation, der Blick in den Himmel.

Meine Oma saß immer wieder einmal in der Küche vor dem Fenster und blickte still lächelnd in den Himmel. Wir saßen auch oft zusammen am Küchentisch. Während ich mich mit Mathematik und Aufsatzschreiben abmühte, schuf sie durch ihr bloßes Sein eine Atmosphäre des Vertrauens, der Geborgenheit. Es war, wie ich heute sagen würde, ein Raum der Achtsamkeit, der Offenheit. Gewiss, meine Großmutter wusste nichts über Meditation. Ihre Glaubenspraxis war der sonntägliche Kirchgang und gelegentlich ein kleiner Segen aus dem Weihwasserkessel für mich. Doch ihre Ruhe und Gelassenheit waren weit mehr, auch ohne zuvor eine Anleitung durch einen spirituellen Lehrer erhalten zu haben. Sie las außerdem gerne – eben das, was einfache Leute lesen: Zeitschriften aus einem Lesezirkel. Auch das wirkte auf meine jugendliche Suche inspirierend. Ich schrieb schon damals gerne erste kleine Texte. Und es war die Atmosphäre der konzentrierten, zugleich gelassenen Stille, die mir dafür den Raum schufen. Ich kann mich kaum erinnern, dass ich einmal einen mehr als kleinen Disput mit meiner Großmutter gehabt hätte. Sie gab nie Anweisungen; sie schuf die Atmosphäre einer Geborgenheit.

Alle paar Wochen – sie war nicht mehr gut zu Fuß – sollte ich sie beim Besuch ihrer alten Freundin begleiten, einer Witwe, die wir nur „Frau Kommissär“ nannten. Sie wohnte in einem wunderschönen alten Haus im ersten Stock. Im Parterre war immer noch das Zimmer ihres verstorbenen Mannes, in das ich gehen durfte. Es roch nach Leder und Zigarre, und die Wände waren voll mit Bücherregalen. Es war so, als führte mich meine Oma hier an einen geheimen Ort des Wissens. Zwar verstand ich noch fast gar nichts von dem, was da in den Bücherregalen – eingestaubt und immer noch erfüllt vom Rauch der Zigarren ihres Besitzers – aufbewahrt wurde, doch blieb dieses Zimmer so etwas wie ein utopischer Traum für mich.

Meine Oma saß immer wieder einmal in der Küche vor dem Fenster und blickte still lächelnd
in den Himmel.

In meinem heutigen Arbeitszimmer fehlt zwar der Leder- und Zigarrenduft; doch die Bücherregale können sich mit jenen des seligen „Herrn Kommissär“ durchaus messen. Meine Oma hat mir kaum vorgeschrieben, was zu tun, zu lesen, zu sagen wäre. Sie hat mir einfach offene „Räume“ gezeigt, die ich dann allein erkunden durfte. Zugegeben, es gab auf dem Weg zu „Frau Kommissär“ auch einen Eisstand und für mich eine Kugel Schokoladeneis. Das war süß und schön, aber nicht die Hauptsache.

Die 68er-Unruhen erlebte meine Oma noch mit und bemerkte hier meine anfängliche Faszination. Auf dem Totenbett sagte sie zu mir zum Abschied: „Pass auf mit der Politik.“ Ich habe auf diesen Rat gehört und bin Philosoph geblieben.

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Kommentare  
# Uwe 2020-11-27 20:59
Ein wunderbarer Text, der mich an meine Oma erinnert. Danke.
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