Leben

Auf dem Lebensweg gibt es viele Ziele. Vom Geheimnis des unbekümmerten Wanderns auf dem Pfad des Lebens.

„Unbekümmertes Wandern“ – so lautet der Rat des Zhuangzi, 3. Jh. v. u. Z., für den Lebensweg. Blicken wir auf unseren Alltag, so zeigt sich eher das Gegenteil: Rastlosigkeit und Kummer. Wir wandern in der Moderne nicht, wir hetzen auf viele vermeintliche Ziele zu und folgen dem Diktat der Zeit, des Geldes oder politischer Ideologien. Auch China, die einstige Heimat Zhuangzis, wird längst vom Mahlstrom aus staatlich überwachter Geldgier im Takt der Uhr verschlungen.

Was ist überhaupt ein „Lebensweg“? „Weg“ scheint zunächst einfach ein häufiges, auch in Verbindungen vorkommendes Wort zu sein. Doch der „Weg“ als universelle Metapher enthält weit mehr. Es fällt auf, dass der Begriff „Weg“ oder „Pfad“ in Religionen sogar im Zentrum steht. Laotses „Dao te king“ trägt den Weg im Titel (Dao). Jesus verkündet im Johannes-Evangelium 14,6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Die vierte der vier Edlen Wahrheiten im Buddhismus beschreibt den „Achtfachen Pfad“, und auch die wohl wichtigste buddhistische Philosophie – das Madhyamaka, der „mittlerer Weg“ – trägt den Weg im Titel. Im profanen Leben kennen wir ebenfalls unter anderem Abwege, Umwege, Auswege, Rückwege oder Wegmarken. Wir kennen den Leidensweg und den Weg des Glücks.

Der Weg ist also ein wichtiger, gleichwohl schillernder Begriff. Die im Abendland verfestigte Vorstellung lautet: Jeder Weg hat ein Ziel. In der Denkweise der Moderne ist der Weg nur eine Strecke, die man zurücklegen muss, um ans Ziel zu gelangen. Das Überwinden des Abstands vom Ziel ist der Inhalt des Unterwegsseins. Und täglich erscheinen neue Ratgeber, um individuelle Ziele zu erreichen, oder es werden von Politikern Maßnahmen, also Wege vorgeschlagen, um definierte Zielvorstellungen zu verwirklichen. Das Ziel wird meist in bunten Farben ausgemalt: Von der Schlankheit, dem beruflichen Erfolg bis zu Reichtum und Schönheit. Zu fast jedem Ziel gibt es auf YouTube zahllose Videoanleitungen. Leider seien – so wird mehr oder minder kleinlaut hinzugefügt – auf dem Weg zum Ziel Entbehrungen zu ertragen. Der Weg „kostet“ etwas. Politische Ziele führen in der Regel zu höheren Steuern. Doch die Ziele verschwinden vielfach wieder aus dem Bewusstsein, die Steuern bleiben.

Zu den Kosten des Weges kommt also etwas hinzu, das zwar offensichtlich scheint, dennoch ein Geheimnis verbirgt: Wer unterwegs ist zu einem Ziel, der verändert sich und sein Bewusstsein. Zudem haben alle Hilfsmittel zum Erreichen eines Ziels Nebenwirkungen, in Asien auch „Karma“ genannt. Man mag sich das Ziel, zum Beispiel eine schöne Bergtour in den Alpen, strahlend ausmalen. Im Stau auf der Autobahn wandelt sich die erhoffte Freude oft in Ärger, und am Ziel angekommen, finden wir uns in einem gänzlich veränderten Bewusstseinszustand wieder. Es gibt für uns Menschen keinen äußeren Weg, auf dem wir nicht zugleich einem inneren Weg folgen – ein Weg des Bewusstseins. Ins Große übertragen beobachten wir eine Gesellschaft, in der die meisten Menschen geschäftig, müde, mit oft nur schlechter Laune Ziele zu erreichen versuchen. Sie bezahlen den Preis des Unterwegsseins; aber an einem Ziel kommen sie kaum oder nur verändert an. Wer nach Geld, Macht und Erfolg als Hauptstraße des Lebensweges strebt, der erreicht zudem nie wirklich sein Ziel. Wenig oder viel Geld, Macht und Erfolg – man bekommt kaum genug davon.

Über Wege und Irrwege

Gerne wird auch übersehen: Wir sind fast nie allein unterwegs. Genauer gesagt: Um in der Gesellschaft auch einmal allein einen Weg zu gehen, bedarf es einer großen Anstrengung, aber auch der notwendigen Kreativität. Denn man kann das Unterwegssein doppelt deuten: Ich folge einem vorgebahnten Weg, oder ich bahne mir den Weg selbst. Was bei einem Spaziergang oder einer Skitour leicht zu unterscheiden ist, das ist auf den Lebenswegen äußerst verwickelt. Es ist zweifellos bequemer, den Weg zu gehen, den viele beschreiten. Der Masse zu folgen – geistig vor dem TV-Bildschirm oder auch einmal demonstrierend auf der Straße –, ist immer „billiger“, fordert weniger psychische Kosten. Selbst zu denken, selbst etwas zu erfinden, zu versuchen, also selbst zum Künstler des eigenen Weges zu werden, das erfordert Mut, wohl auch Anstrengung und Ausdauer.

Zugleich wird aber dadurch der Weg selbst zum Erlebnis, zur tiefen Erfahrung. Zweifellos gibt es für diesen zweiten Weg, für die kreative Selbstgestaltung wiederum zahlreiche pervertierte Formen, die alle demselben Muster folgen. Wenn ein Weg „erkämpft“ wird gegen andere, dann wird der Weg zur endlosen Wiedergeburt eines verblendeten Egos. Mit einer Masse mitzulaufen ist dagegen nur das andere Extrem: Eigene Gedanken, die eigene Erkenntnis werden zugunsten eines „man sagt das so“, „man macht das so“ aufgegeben. Im Licht der Erfahrung und Erkenntnis des Buddhismus sind der Weg der Anpassung wie der Weg des Egoismus nur Irrwege – allerdings sehr häufig gegangene.

Egoismus und bequeme Anpassung an die Massenmeinung blicken auf ein vermeintliches Ziel und vergessen den Weg. Was immer der Egoist erstrebt (ich verwende die maskuline Form, schließe aber keineswegs aus, dass Frauen auch dazu gehören): Geld, Macht, Erfolg oder Schönheit werden entweder nie ganz erreicht, oder ein erreichtes Ziel erweist sich als höchst vergänglich, und dies todsicher. Wer mit der Masse schwimmt, mag auf eine eigene Erkenntnis verzichten. Der Geist wird dadurch gleichwohl geformt. Und am Ende geht das Beste im Menschen – die Erkenntnisfähigkeit – verloren. Der Buddha hat beide Extreme abgelehnt und alle zur eigenen Einsicht aufgefordert, hat es abgelehnt, dem zu folgen, was „man“ sagt. Dies allerdings ohne in das andere Extrem des Egoismus zu verfallen. Erkenntnis und Mitgefühl erweisen sich hier für den Lebensweg als sicherste Wegweiser. Sie führen nicht auf einen vorgeschriebenen Pfad. Der Edle Achtfache Pfad im Buddhismus bleibt offen. Wer ihn beschreitet, folgt dem Licht der Erkenntnis, nicht einem Gebot.

Es gibt allerdings in allen Religionen auch Formen, die den Lebensweg durch eine Vielfalt von Verboten, Regeln und Ritualen immer mehr in eine mechanische Abfolge äußerer Handlungen verwandeln. Man hofft so, das Ziel – Gott, Seligkeit, Nirvana – dadurch zu erreichen, dass man möglichst die Offenheit des Weges beseitigt, aus Angst, Fehler zu begehen. Es gibt auch das genaue Gegenteil: libertinäre Lebensweisen in der Boheme, Nonkonformismus oder Emanzipationsideologien wie in den 1968er-Jahren. In beiden Fällen wird verkannt, dass diese Lebensorientierungen – strenge Regeln einerseits, zügellose Libertinage andererseits – das Bewusstsein an äußere Dinge binden und somit fesseln. Welches Ziel immer man auch erstrebt, der Weg dorthin beginnt und endet im Inneren, im eigenen Bewusstsein. Wird dies verkannt, so treibt man blind durchs Leben. Eben dies ist es, was der Buddha als „Verblendung“ bezeichnet hat: die Fesselung an äußere Phänomene, ohne die Fesseln – die eigenen Gedanken – zu bemerken.

Im traditionellen und im Zen-Buddhismus, im tibetischen Dzogchen oder im Daoismus wird ein ganz anderer Blick auf den eigenen Lebensweg kultiviert. Zhuangzi sagt am Ende des eingangs zitierten Kapitels: „Der höchste Mensch hat kein Ich. Der spirituelle Mensch hat nichts verwirklicht, der Weise hat keinen Namen.“ Im Zen-Buddhismus besteht die Praxis darin, dem, was man äußerlich tut – meist nur Alltägliches – nicht ein Subjekt gegenüberzustellen, sondern ganz im reinen Tun aufzugehen. Es gibt im Zen und im Daoismus kein vom Weg getrenntes Ziel. Der Weg ist das Ziel, meinte auch Kungfutse.

In der tibetischen Dzogchenlehre geht man einen Schritt weiter. Es gibt darin gar keinen Weg, weil wir nie vom „Ziel“, der „Buddha-Natur“, getrennt sind, weil nichts zu verwirklichen ist. Auch das alltägliche Bewusstsein bleibt ungetrennt vom Offenen. Jede Regel, jegliches Festhalten an Begriffen oder Namen beraubt die Offenheit ihrer leeren, ihrer reinen Natur. Deshalb sagt Zhuangzi: „Der Weise hat keinen Namen.“ Er grenzt sich weder von anderen noch von der Natur ab. In höchster Form gibt der Weise das Festhalten an Unterscheidungen auf, die nur zu Leiden, zu „Bekümmerung“ führen, und wandert unbekümmert auf dem Lebensweg.

Nun klingen derartige Vorstellungen – im Buddhismus firmieren sie unter „absoluter Wahrheit“ – zu schön, um wahr zu sein. Und tatsächlich kann niemand im Leben einfach aus dem Leben aussteigen. Jeder Versuch, auszusteigen, einen anderen als den gewöhnlichen Weg zu gehen, führt nur wieder auf ein neues Unterwegssein. Ob abgesondert im Kloster, in einem Palast oder auch nur in einem schönen Urlaubshotel: Der Versuch, den gewöhnlichen Weg des Alltags zu verlassen, findet durch neue Kümmernisse nur eine andere Fortsetzung. Wir bleiben unterwegs, weil wir leben. Und wer das wahre Leben bei anderen sucht, wird rasch entdecken, dass die Kümmernisse der Reichen und Schönen nur andere sind. Auch sie unterliegen dem Gesetz, das im Buddhismus ausgesprochen wird: der Vergänglichkeit aller Versuche, etwas festhalten zu wollen.

Der mittlere Weg besteht darin, auf den unterschiedlichsten Lebenswegen mehr und mehr das zu erkennen, was jeden Weg begleitet: das Innere, die eigenen Gedanken. Allein schon dies, dass wir unsere Gedanken überhaupt beachten, die Achtsamkeit auf das begleitende Bewusstsein richten, lockert die Fesseln der begrifflichen Verblendungen, die immer wieder neu den offenen Raum unserer Achtsamkeit durchziehen. Bemerkt man, dass alle Sorgen, alle Hoffnungen nur vergängliche Gedanken sind, so führt dies zu einer schrittweisen Unbekümmertheit. Wer sich dem eigenen Bewusstsein achtsam öffnet, der öffnet sich auch den anderen und der Natur – ohne moralische Vorschrift, andere achtend und mitfühlend.

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