Leben

Die Zen-Priesterin Doris Harder, die Glückstrainerin Katharina Mühl und Journalistin Elisabeth Riedl erzählen, was für sie Glück bedeutet.

Wie fühlt sich Glück an?

Doris Harder: Wie es sich anfühlt, hat mir mein Vater vermittelt. Obwohl wir finanzielle Probleme hatten, hat mein Vater Bettlern immer Geld gegeben. „Wir haben mehr, als wir brauchen!“, sagte er dann und mein Herz hüpfte, weil ich mich so geborgen und voll von Frieden, Reichtum, Fülle und Vertrauen ins Leben fühlte. Ich war glücklich. Mein Vater hat mir beigebracht, dass es auf den Blickwinkel im Leben ankommt.

Katharina Mühl: Es gibt keine allgemeingültige Definition von Glück, es bedeutet für jeden etwas anderes. Jedenfalls fühlt es sich wie eine Hochstimmung an, ein positives Gefühl ähnlich wie nach einer Bergbesteigung ganz oben am Gipfel. Langfristig bedeutet Glück Lebenszufriedenheit.

Elisabeth Riedl: Glück ist für mich der Zustand, in dem ich mit mir selbst und mit der Welt rund um mich in Übereinstimmung bin.
 

Was macht glücklich?

Harder: Sinnvolle Arbeit, Schönheit, ein Kunstwerk, eine Gruppe, die gemeinsam spirituelle Texte studiert. Natur, Freunde und Familie. Ideen und Menschen, die sich fürs Gemeinwohl engagieren. Buddhas Lehren machen mich glücklich, denn: „Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.“

Mühl: Laut Glücksforschung sind es gelingende soziale Beziehungen, die die Mehrheit der Menschen glücklich machen. Das muss nicht unbedingt ein/e Lebenspartner/in sein. Zwei gute Freundinnen, denen wir vertrauen und alles sagen können, reichen bereits.

Riedl: Singen, tanzen, lieben, lachen! Mein eigenes Wohlbefinden und das von geliebten Menschen machen mich glücklich. Tiere und die Natur auch. Ein verständnisvoller Umgang zwischen Menschen verschiedener Geschlechter, Kulturen und Religionen. Wertschätzende, sozial gerechte Verhältnisse. 

Glücklich


Muss man irgendwann im Leben leiden?


Harder: Sieht in unserer dualistisch geprägten Welt so aus, nicht wahr? Ich kenne nicht eine Person, die nicht irgendwann gelitten hätte. Die gute Nachricht ist: Man muss nicht im Leid verhaftet bleiben. Krishnamurti sagt, man könnte auch durch Freude zur Erleuchtung gelangen, dass aber kaum ein Mensch diesen Weg wählt.

Mühl: Es gibt kein Glück ohne Unglück. Das macht das Leben spannend. Sich mit dem eigenen Glück zu beschäftigen bedeutet auch, sich mit seinen persönlichen Schattenseiten auseinanderzusetzen. Wenn ich meine Schwächen akzeptiere, werde ich authentisch und kann unbeschwert meinen Weg gehen.

Riedl: Ja! Ich bin jedes Mal traurig, unglücklich oder verzweifelt, wenn ich mein Leben nicht selbst gestalten kann, sondern gezwungen bin, fremdbestimmte Bedingungen zu akzeptieren. Ich leide also, weil mir die Einsicht in Krankheit, Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Verlust, Krieg, Zerstörung und Bösartigkeit fehlt.

Was bringt Leiden?

Harder: Die Lehre des Buddha zählt auf, was Leiden hervorbringt, etwa, ‚einen lieben Menschen verlieren‘, ‚nicht haben, was man sich wünscht‘ und Ähnliches. Wenn man sich Gefühlen, Menschen, Situationen stellt, sie zulässt und wahrnimmt, was sie wirklich sind, geht man den ‚Mittleren Pfad‘, der aus dem Leiden herausführt, ohne den Schmerz zu verneinen.

Mühl: In jeder Krise und negativen Erfahrung ist auch immer eine Wachstumschance verborgen. Leiden ist für mich aber das falsche Wort. Ich verstehe Leiden als einen passiven Zustand, in dem ich mich in einer Opferhaltung befinde und mich womöglich selbst bemitleide. Wut und Traurigkeit zu empfinden gehört zum Leben dazu. Für unser Glück kommt es aber darauf an, wie häufig und wie lange wir in negativen Emotionen verweilen. Die gute Nachricht: Positive Emotionen zu empfinden, lässt sich aktiv steuern.

Riedl: Leiden bringt mich näher an meine wahren Bedürfnisse und führt mich zur Erkenntnis darüber, was ich für mein Leben nicht möchte. Es bietet mir also die Chance, mich oder mein Leben zu verändern. Denn freiwillig tät ich’s ja nicht!


Ist Glück Einstellungssache?

Harder: Wenn die menschlichen Grundbedürfnisse erfüllt sind, denke ich, dass Glücksempfinden tatsächlich Einstellungssache ist. Viele Biografien belegen, dass Glück nicht vom materiellen Habe abhängt, nicht einmal von Gesundheit oder Unversehrtheit. Das schönste Beispiel inmitten vieler Geschichten, in denen Menschen ihren Blickwinkel geändert haben, ist der Buddha selbst – er hinterließ uns diese Hilfe zur Selbsthilfe.

Mühl: Ja, in jeder noch so traurigen Situation habe ich immer die Wahl, die Gedanken so zu wählen, dass ich daran wachsen kann. Negative Erfahrungen sind Teil unseres Lebens. Was wir daraus machen, ist eine persönliche Entscheidung. Ob eine Situation glücklich oder unglücklich macht, ist Einstellungssache.

Riedl: Ich denke tatsächlich, dass Glück eine Veranlagungssache ist. Eine freudige Grundgestimmtheit sitzt bei mir im Körper. Ich lebe gerne, finde das Leben wunderbar und möchte das ausdrücken. Eine großzügige, verzeihende Haltung erleichtert das Glücklichsein. Auch Dankbarkeit macht mich glücklich.

Rev. MyoE Doris Harder ist Zen-Priesterin und Theaterregisseurin. Sie hat zehn Jahre in Klöstern und buddhistischen Zentren gelebt und unterrichtet Zen, Achtsamkeit, Buddhistische Ethik, Koan, Textstudium, meditatives Gehen.
Katharina Mühl, geboren 1987 in Wien, ist Glückstrainerin und Gründerin des Unternehmens Glückskompetenz. Sie hält Glücksworkshops für Privatpersonen, Unternehmen und Schulen. www.glueckskompetenz.at
Elisabeth Riedl, geboren 1956. Als Journalistin hat sie viele Jahre als Chefredakteurin und als Produzentin in TV-Produktionen (Headline-Talk in ATV), aber auch im Print (Woman) gearbeitet. Nun genießt sie ihren wohlverdienten Ruhestand.
 
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