Leben

Ort der Geborgenheit, aber auch oftmals der Ort der Auseinandersetzungen. Eine Achtsamkeitstrainerin, eine Verhaltensbiologin und ein Therapeut schauen sich das Beziehungsgeflecht genauer an.

Was macht eine Familie aus?

Rolf König: Familie heißt Beziehung, Bindung und Autonomie der einzelnen Mitglieder. Sie ist ein Raum für lebendigen Austausch, für Gemeinsamkeit und Eigenleben wie wachsen, sich verändern, sich reiben, offen sein und sich abgrenzen.

Elisabeth Oberzaucher: Biologisch betrachtet, sind Familienmitglieder miteinander verwandt, heute sind alle möglichen Formen der Familienkonstellationen zu beobachten und denkbar. Familie ist die Kerneinheit unseres sozialen Daseins.

Maren Schneider: Familie ist ein Ort der Geborgenheit, Sicherheit und Nähe. Gleichzeitig darf jeder so sein, wie er ist. Das heißt nicht, dass jeder einverstanden ist mit dem, was der andere gerade macht und wie er drauf ist, aber der Boden ist sicher, und damit kann ein konstruktiver, liebevoller Entwicklungsprozess stattfinden.

Gehört Streit in Familien dazu?

König: Ja! Streiten kann auch verbinden. Reibung kann Wärme erzeugen. Con-flicto heißt ‚zusammenstoßen‘. Wenn alle in einer Okay-Position bleiben, ist das wunderbar. Erst Abwertungen und Missachtungen kränken.

Oberzaucher: In jeder Gruppe kommt es zu Konflikten, Streit ist an sich nichts Negatives, er bringt Uneinigkeit zutage. Daraus können im besten Fall Kompromisse oder eine wichtige Weiterentwicklung entstehen.

Schneider: Natürlich! Missverständnisse und Auseinandersetzungen gehören zu einem gesunden Reibungs- und Entwicklungsprozess dazu. Gerade wenn es darum geht, dass Kinder lernen, sich zu behaupten und für ihre Überzeugungen und Interessen einzustehen.
 

Wie lassen sich Konflikte positiv gestalten?

König:
Durch die Haltung „Ich bin okay, du bist okay!“ und Abwertung oder Missachtung vermeiden. Zudem sollte man stets „Sowohl-als-auch-Lösungen“ (Ich-UND-Du-Lösungen) suchen und die VW-Regel anwenden: Vorwürfe als Wünschen formulieren.

Oberzaucher: Konflikte können dann ein gewinnendes Potenzial entwickeln, wenn sie auf Augenhöhe geführt werden, die unterschiedlichen Positionen Gehör finden, eine gemeinsame Lösung gesucht wird. Dann sind alle Beteiligten Gewinner.

Schneider: Klarheit, Achtsamkeit, Mitgefühl und Respekt in der Sprache halten einen guten Rahmen. Und der aktive Wunsch, den anderen verstehen zu wollen, zuzuhören, statt sofort Gegenargumente zu finden, schaffen Raum für Verständnis.

 

Familie 

Wie kann man Versöhnung schaffen?

König:
Sind Verletzungen passiert, dann gelten folgende Weisheiten von Nelson Mandela:
„Ohne Vergebung gibt es keinen Frieden“, „Ohne (Ein-) Geständnis gibt es keine Vergebung.“ Entschuldigung ist ein Zeichen der Stärke und ermöglicht Versöhnung.

Oberzaucher: Versöhnung erfordert zuallererst das Anerkennen des geschehenen Unrechts und den Willen zu einer Verhaltensänderung. Nur so können soziale Beziehungen aufrechterhalten werden. Nur Einzelgänger können sich leisten, nachtragend zu sein.

Schneider: Meiner Erfahrung nach ist es eine bewusste Entscheidung, einen Streit beizulegen und sich dem zuzuwenden, was einen verbindet. Liebende Güte und innere Großzügigkeit, die Dinge, so wie sie sind, ruhen zu lassen, sind dabei hilfreich.
 

Geht es auch ohne Familie?

König:
Natürlich geht es ohne Familie, doch Leben ist Beziehung. Ohne Beziehung gibt es kein Leben. Das gilt für jede Art von Beziehungsgestaltung – mit oder ohne Familie.

Oberzaucher: Wenn keine Familienbande da sind, können die Funktionen einer Familie durch andere soziale Beziehungen ausgeglichen werden. Es geht in jedem Leben um ein gesellschaftliches Gefüge. Familie erleichtert das Netzwerken.

Schneider: Nicht jeder hat eine Familie. Es gibt viele, die sich eine Wahlfamilie suchen, aus Freunden und auch in Vereinen. Auch dort gibt es Geborgenheit, Zugehörigkeit und eben auch die notwendigen Reibungsprozesse.

 

Rolf König ist Dipl.-Soz.-Päd., Heilpraktiker und Transaktionsanalytiker und arbeitet in eigener Praxis für Gesprächs- und Körperpsychotherapie und als Coach und Supervisor.
www.königundpartner.de
Elisabeth Oberzaucher ist Verhaltensbiologin und Gewinnerin des Ig-Nobelpreises (Anti-Nobelpreis, der zum Lachen und zum Nachdenken anregen soll) für Mathematik 2015.
Maren Schneider praktiziert Achtsamkeitsmeditation und tibetischen Buddhismus seit 1997. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie, MBSR-/MBCT-Lehrerin und erfolgreiche Buchautorin lebt und arbeitet in Düsseldorf.
 
Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

 

Kommentar schreiben