Leben

Seit März herrscht in Europa Ausnahmezustand. Ein Stück Erbgut zeigt der Menschheit gerade, wie komplex abhängig die Weltgemeinschaft voneinander ist und wie leicht das vorher zu ignorieren war.

Es ist so gut wie kein Stein auf dem anderen geblieben. Als Anfang Januar die Nachrichten von einem rätselhaften neuen Corona-Virus in der chinesischen Stadt Wuhan auftauchten, sah die Welt mit Neugier und Unglauben nach Asien. Bilder von Intensivstationen, hastig aufgebaute Feldlazarette, später menschenleere Straßen: Wer über das neue Corona-Virus berichtete, tat all das immer auch mit den dazugehörenden Zahlen. China testete, wies die Infizierten, die Toten und die Wiedergenesenen aus. Und klar, die Chinesen essen allerlei seltsame Tiere, wahrscheinlich sind sie deshalb auch krank geworden. So dachten viele. Im Nachhinein hätte man wissen können: Mit dieser Ignoranz verkannte man die Gefahr. Laut WHO gibt es 150 Ausbrüche von größeren und kleineren Epidemien pro Jahr. Meist bleiben sie lokal begrenzt, können deshalb auch eingedämmt werden. Internationale Aufmerksamkeit konnte Ebola im Jahre 2015 erregen. Einige Fälle wurden außerhalb von Westafrika registriert, bevor die Ausbreitung gestoppt werden konnte.

Doch das Corona-Virus ist viel weniger tödlich als Ebola und trotzdem sehr viel gefährlicher. Es dauerte gute zwei Monate, bis der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am 12. März die Corona-Infektionswelle zu einer „weltweiten Pandemie“ erklärte. „Wir haben den Ausbruch rund die Uhr beobachtet und sind sehr besorgt aufgrund der bedenklichen Ausbreitung und Schwere“, sagte er und forderte alle Länder auf, Maßnahmen zu treffen. Denn, und auch das hatten die Wissenschaftler schließlich begriffen, das Virus breitet sich sehr schnell unter den Menschen aus. Viele der Infizierten haben nur milde Symptome, hüten wegen eines kleinen Hustens nicht das Bett. Unter anderem dadurch war die Ansteckungsrate sehr hoch. Das Virus ist im Umlauf und wird auch nicht mehr verschwinden, sind sich die Virologen einig.

Begriff sich bis Anfang 2020 jede Nation mehr oder wenig als eigenständig, zeigt das Corona-Virus, dass wir alle im selben Boot sitzen. Ein Hauptgrund der schnellen weltweiten Ausbreitung war die Globalisierung. Über die Flugrouten rund um den Globus hat es das Virus in Windeseile geschafft, sich über alle Kontinente zu verbreiten. Mit einem Schlag wurden die wirtschaftlichen Abhängigkeiten der Länder voneinander offensichtlich. Was wird wo produziert und wem geliefert, und was hat das mit den Produktionskosten von Waren und der Verteilung von Vermögen auf der Welt zu tun? Dass China die gesamte Welt mit Antibiotika beliefert, wussten Insider seit Langem, doch kaum jemand maß dem eine negative Bedeutung bei. Doch plötzlich, als die Grenzen geschlossen wurden und keine Produkte aus China mehr kamen, stürzten ganze Industriezweige in sich zusammen: Auto, Computer, Medikamente: Dort, wo Arbeitskraft billig ist, werden jene Sachen produziert, die nur diejenigen, die Geld haben, kaufen können.

Alle im selben Boot

Alt und jung
Die Menschheit sitzt nicht nur im geografischen Sinne im selben Boot. Auch die Generationen sind viel stärker miteinander verbunden, als uns das bis zum Corona-Virus bewusst war. Klar ist: Eine Ansteckung ist für Ältere tendenziell gefährlicher als für Jüngere, obwohl 98 Prozent aller Infizierten die Infektion überleben. Es gab Stimmen, die hinter vorgehaltener Hand fragten: Warum denn die Alten schützen und damit der Mehrheit der Jüngeren schaden, indem man sie in den finanziellen Ruin stürzt? „Die Einheit Ihres Landes ist wichtig, um dieses gefährliche Virus zu besiegen“, ließ WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus die Politiker rund um den Globus wissen und meinte damit eine verhängnisvolle Dynamik. Ein Land, dass die Alten sterben ließe, würde auch den Rest der Gesellschaft nicht unberührt lassen. Ärzte und Ärztinnen, die plötzlich über Leben und Tod entscheiden müssen, weil sie die lebensrettenden Maßnahmen der Intensivmedizin nicht einsetzen können, kommen in ein ethisch unauflösbares Dilemma. Zudem: Je mehr alte Menschen mit schweren Krankheitssymptomen in die Hospitäler müssen, umso weniger Platz ist auch für alle anderen, die wegen Nicht-Covid-Beschwerden das Gesundheitssystem brauchen. Schon vor der Corona-Krise waren die Hospitäler und Ambulanzen überlastet, die Menschen haben auch in der Corona-Krise weiter Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krebserkrankungen oder sonstige Dinge, die wehtun. Wenn Hospitäler zusammenbrechen, bricht das Gesundheitssystem ein – und davon wären dann wiederum alle betroffen. Ganz abgesehen davon: Welcher Politiker könnte Tote, die zu verhindern gewesen wären, verantworten? Ergo: Auch die Generationen sitzen im selben Boot.

Arm und reich
Das gilt ebenso für arme und reiche Menschen. Sie sind viel stärker miteinander verbunden, als es den Reichen vielleicht bewusst gewesen wäre. Das Virus macht keinen Unterschied zwischen den Menschen mit Geld und jenen ohne oder wenig finanzielle Mittel. Vor dem Virus sind quasi alle Menschen gleich: Es dockt an den Zellen an, die es kriegen kann. Und jene zwei bis drei Prozent aller Infizierten, die dann Intensivpflege brauchen, sind allesamt auf die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen angewiesen. Intensivstationen sind jene Einheiten in Krankenhäusern, die die meisten Maschinen, das meiste Personal und das größte Know-how brauchen, um Menschenleben retten zu können. Und Know-how heißt vor allem auch Erfahrung. Kein Superreicher dieser Welt hat sich also eine private Intensivstation mit den entsprechend erfahrenen Ärzten für den Notfall eingerichtet. Es wäre auch gar nicht möglich gewesen.

Was sich in dieser Corona-Pandemie immer deutlicher herauskristallisiert, ist die Tatsache, dass jene Länder mit einem solidarisch-finanzierten Gesundheitssystem die niedrigsten Mortalitätszahlen aufweisen. Wenn das öffentliche Gesundheitssystem nämlich so aufgebaut ist, dass die Mehrheit einer Bevölkerung gut versorgt werden kann, dann profitieren Wohlhabende und weniger Wohlhabende im gleichen Ausmaß. Deshalb sind die Opferzahlen in den USA auch extrem hoch, in Deutschland, Österreich und der Schweiz vergleichsweise niedrig. Das Gesundheitssystem eines Landes ist also eine Art Messlatte für das Wohlergehen seiner Bewohnter und Bewohnerinnen, ein hohes Gut, dem erst durch die Corona-Pandemie der entsprechende Wert beigemessen werden kann.

Fazit: Das Besondere an diesem Corona-Virus ist also, dass es Gegensätze in sich vereint. Es ist mild und gefährlich, global und lokal, es vereint Jung und Alt, Arm und Reich. Es wird die Welt noch länger in Schach halten, denn erst wenn viele Menschen eine Infektion hinter sich haben, wird das Virus seinen Schrecken verlieren. Und dabei wird auch eine Impfung helfen, an der eilig gearbeitet wird.

Das Ziel heißt: Herdenimmunität. Darum geht es bei Seuchen wie diese. Sind sechzig Prozent aller Erdenbürger gegen das neue Corona-Virus immun, dann bräuchte man sich nicht mehr zu fürchten. Denn das würde heißen, das Gesundheitssysteme weiter funktionsfähig bleiben. Wer hätte gedacht, wie schmal der Grat der Belastbarkeit ist.

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