Leben

Margot, Suzette und Paul – was alte Menschen über das Geheimnis des Glücks verraten können. Ein persönlicher Bericht.

High Noon im Gartenrestaurant des eleganten Golfklubs hoch über der Stadt. Die Dame, die ich an einem heißen Sommertag traf, war hier seit Jahrzehnten Mitglied. Bis vor kurzem spielte sie noch regelmäßig selbst auf dem schönen Golfkurs. Nachdem sie wenige Wochen zuvor ihren 100. Geburtstag feiern konnte, ließ sie es inzwischen etwas ruhiger angehen. Ich wollte von ihr unter anderem erfahren, wie man es schafft, in einem so hohen Alter immer noch glücklich zu sein. „Feiere die Feste, bis du selber fällst“, lautete eines ihrer Glücksrezepte.

Margot, so ihr Name, war einer von einem Dutzend Menschen, die ich für mein Buch ‚Glück ist deine Entscheidung‘ traf, weil ich etwas darüber lernen wollte, wie das Glück einen findet und vor allem, was man selbst tun kann, um das Glück zu finden und es sich zu erhalten.
Die Menschen, die ich getroffen habe, kommen aus verschiedenen sozialen Schichten und blicken auf die unterschiedlichsten Lebensgeschichten zurück. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie nicht nur in früheren Jahren immer wieder das Glück erkannt und sehr bewusst empfunden haben, sondern dies auch im hohen Alter noch tun – und dies bei allen durchlebten Krisen und Verlusten, die in so einem langen Leben kaum ausbleiben. Von ihren Lebensgeschichten und ihren Einstellungen, von ihren Rezepten für ein glückliches Leben können wir viel lernen.

Glück

Zum Beispiel von Suzette. Die 86-Jährige ist eine auffällige Erscheinung: schulterlange, flammend rote Haare, extravagante, bunte Kleider, wie man sie bei Frauen in diesem Alter viel zu selten sieht. „Ich finde es sehr schade, dass viele ältere Menschen keinen Mut mehr zu Farben haben. Denn diese tun gut und machen glücklich“, sagte sie. Als junge Frau war Suzette das schwarze Schaf in der Familie, heute ist sie ‚stolz darauf, ein Paradiesvogel zu sein‘. Dazwischen liegt eine faszinierende Lebensgeschichte mit vielen Hochs und Tiefs, deren Essenz die Lebensweisheit dieser ungewöhnlichen Frau ausmacht.

Eine alles andere als langweilige Lebensgeschichte erzählte mir Paul. Der 91-Jährige bezeichnete sich selbst als Glückskind. Obwohl auch er im Lauf seines Lebens nicht von Schicksalsschlägen verschont geblieben ist und keineswegs zum Beschönigen oder gar Verdrängen neigt, gestand er: „Wenn ich am Ende meines Lebens sagen kann, die schönen Tage haben die schweren Tage bei weitem überstrahlt, dann bedeutet das doch Glück.“ Der weltoffene Charmeur hat viel erlebt. Er arbeitete längere Zeit in Afrika und in den USA. „Es würde vielen Menschen guttun, mal aus ihrem engen Umfeld auszubrechen und sich den Wind der weiten Welt um die Nase wehen zu lassen“, sagte er. „Mich hat es glücklich gemacht, verschiedene Kulturen und neue Menschen kennenzulernen.“
Obwohl Paul sich überzeugt zeigte, dass Glück ‚einfach Zufall, ein Geschenk‘ ist, ist er ein gutes Beispiel dafür, dass man es auch zulassen und offen dafür sein muss, wenn einen das Glück findet. Heute lebt er alleine mit seiner geliebten Katze in einer Wohnung, versorgt sich selber und pflegt ein reges soziales Leben.

Dass man nie zu alt ist für eine neue Liebe, erfuhr ich von Irmy. Die künstlerisch begabte und nach wie vor aktive 85-Jährige – sie macht auf professionellem Niveau wunderschöne, farbenfrohe Quilts – erzählte mir bei meinem Besuch in ihrem abgelegenen Haus auf dem Land, wie sie im hohen Alter noch einmal eine große Liebe fand. Ihr Mann, mit dem sie 45 Jahre verheiratet war, war schon vor ein paar Jahren gestorben, als sie sich mit 77 Jahren Hals über Kopf verliebte. Eine Bekannte hatte ein Date mit einem Witwer arrangiert, von dem sie überzeugt war, dass er zu Irmy passen würde. Und sie hatte recht. Schon eine Woche nach dem Kennenlernen zog die neue Liebe samt vier Windhunden bei Irmy ein. Und ohne Scheu, sondern mit Begeisterung erzählte sie mir, wie toll es war, auch wieder ein erfüllendes Sexleben zu haben.

Die Beziehung, die Liebe und vor allem auch die Familie sind für die meisten der Menschen, die ich getroffen habe, vielleicht nicht ständig, aber doch immer wieder ein bedeutender Faktor für Glücksgefühle. Eine wichtige Quelle für Glück sind immer wieder auch gelebte Leidenschaften. Den 85-jährigen Max etwa beglückt sein Rosengarten mit weit über 100 Arten. Dass Glück aber auch etwas mit Disziplin und Leistung zu tun haben kann, habe ich von Bruno erfahren. Der distinguierte 80-jährige Gentleman war Tennissportler mit internationalen Siegen und als Zahnarzt nicht weniger erfolgreich. Ehrgeiz, ein starker Wille und Disziplin nannte er als gute Grundvoraussetzung für Glück. Denn daraus werden Winner-Typen, und Siegen machte Bruno glücklich, ob im Sport oder im Beruf. So begründete er seine auf den ersten Eindruck doch etwas überraschende Aussage: „Glück bedeutet für mich Leistung.“ Erst im reiferen Alter erlebte Bruno allerdings, dass das Glück einem auch zufallen kann, und zwar ohne dass es mit Disziplin und Leistung erkämpft werden muss. Es war, als er mit seiner dritten Ehefrau die wahre Liebe fand.

Die Offenheit, mit der mir die Seniorinnen und Senioren begegnet sind, und die Ehrlichkeit, mit der sie mir Einblicke in ihr Leben gewährten, haben mich sehr berührt. Und sie haben mich auch veranlasst, immer wieder selber innezuhalten, um mein eigenes Leben zu reflektieren. Denn wie wir alle wissen, dauert es kaum einen Wimpernschlag und man ist selber alt und fragt sich, wo all die Jahre geblieben sind. Wenn ich etwas aus meinen Gesprächen gelernt habe, dann dies: Es braucht manchmal Mut, eingefahrene Denkmuster und ausgetretene Lebenswege zu verlassen, um sich selber die Chance zu geben, das Glück dort zu entdecken und zu erobern, wo man es vielleicht nie vermutet hätte.

Die Treffen haben mir gezeigt, dass die Wege zum Glück, das Glücksempfinden und der Umgang mit dem Glück sehr verschieden sein können. Doch am Ende lassen sich aus der Summe der persönlichen Geschichten allgemeingültige Schlüsse ziehen. Dazu gehören insbesondere folgende drei: eigene Leidenschaften pflegen, denn sie geben einem auch in schweren Zeiten Lebensmut; neugierig bleiben, denn das Leben und die Menschen können einen immer wieder positiv überraschen; dankbar sein, denn Verbitterung vergiftet das Leben.

Jede und jeder kann also selbst dazu beitragen, Glück zu erfahren. Die 100-jährige Margot drückte es so aus: „Ich gehöre nicht zu den sensiblen Menschen, die oft am Leben leiden oder bei Schicksalsschlägen verzweifeln, denn ich habe die Gabe oder die innere Kraft, all das Glück, das mir geschenkt wurde, höher zu gewichten als das Unglück.“
Als ich Margot nach unserem letzten Interview an diesem heißen Julitag verließ, war sie voller Lebensfreude und Energie. Sie posierte professionell für den Fotografen und ich sagte zu ihm: „Es würde mich nicht wundern, wenn uns diese Frau noch überleben wird.“

Leider habe ich mich getäuscht. Kurz bevor das Buch erschien, ist Margot verstorben. Zufrieden und mit sich im Reinen, wie mir ihre Tochter mitteilte, frei nach ihrem Glücksrezept „Feiere die Feste, bis du selber fällst.“

Silvia Aeschbach ist Journalistin, Bloggerin, Kolumnistin, Autorin von bisher fünf Schweizer Sachbuch-Bestsellern und Stilberaterin. Sie lebt in Zürich.
 
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