Leben

Menschen richten sich gerne nach Autoritäten. Wie ich lernte, die Weisheit im Leben selbst zu finden und nutzen zu lernen.

Autoritäten können uns führen, aber auch verführen. Aber wer beurteilt, was Führung und was Verführung ist? Braucht man dafür nicht auch wieder eine Autorität, einen Lehrer, Meister, Guru oder sonst einen Experten? Selbst bei Navigationsgeräten im Auto muss sich jeder schließlich für eines der vielen am Markt angebotenen Produkte entscheiden. Wer auch diese Entscheidung an einen Experten abgibt, muss sich immerhin für diesen Experten entscheiden. Wie man es auch drehen mag: Man kommt nicht umhin, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. 

Fast dreizehn Jahre lang hatte ich einen spirituellen Meister, weil ich dachte, der kennt sich auf einem Gebiet aus, auf dem ich noch grün bin. Er war eine Art Bergführer für mich – gerade im Hochgebirge sollte man ja nicht allein unterwegs sein. Es ist besser, man geht mit einem, der sich auskennt. So folgte ich ihm. Erst im Lauf der Zeit lernte ich, dass er sich zwar im Hochgebirge auskennt, ihn das aber nicht automatisch zum Experten im Flachland macht. Dinge in meinem Job musste ich selbst herausfinden, auch in Fragen, wie ich meine Liebesbeziehungen gestalte, musste ich mich auf mich selbst verlassen. Das habe ich auch getan.

„Du sollst nach innen gehen“, sagen spirituelle Lehrer, „in dir selbst findest du die Antworten.“ Oder: „Höre auf deine innere Stimme, folge deinem Herzen, deinem Bauch, dem Satguru – deinem wahren inneren Guru, in dir.“ Es sind jedoch schon allzu viele mit dem Herzen Figuren wie Hitler oder Stalin gefolgt, Mugabe, Erdogan und anderen Potentaten, und auch in den Religionen und auf den spirituellen Wegen findet man Autoritäten, die nicht unbedingt als empfehlenswert einzustufen sind. Auch wenn das Herz, der Bauch, die Intuition oder der innere Satguru es sagt. Wer hat denn den erschaffen und gestaltet, wer führt ihn?

In den Innenwelten finden wir mehr oder weniger das, was wir auch außen vorfinden. Beides hängt zusammen. Es gibt idiotische Autoritäten auch in uns, unter unseren inneren Stimmen. Wir finden dort Fanatiker, Mörder, Rechthaber, Gierschlünde und Pedanten, alles, was das Leben zu bieten hat. Und wir finden dort auch süße, friedliche, liebende, weise Stimmen, alles.

Seit dem Tod meines spirituellen Meisters, aber teilweise schon zu seinen Lebzeiten, folge ich nur noch dem Leben. Das Leben ist mein Meister. Die Situationen, die es mir beschert, sei es beruflich oder im Alltag, sagen mir etwas, sie zeigen mir etwas. Durch sie kann ich lernen. Obwohl ich auch durch Personen lerne, brauche ich keinen, von dem ich lerne. Es ist heute eher die Situation, die mich lehrt. Wenn die Lehre mir von einer Person überbracht wird, nehme ich sie jetzt auch von bösen oder dummen Menschen an oder – etwas weiter gefasst – systemischer, von den Situationen, in denen ich diese Menschen treffe. Schließlich bin ich selbst dort hineingeraten.

GuruDas heißt jedoch nicht, dass ich generell selbst daran schuld bin, wenn mir etwas Unerwünschtes zustößt. Es ist eher meine Haltung im Umgang mit einer unwillkommenen Situation, die heute anders ist. Wenn ich nicht gerade schnell und spontan agieren muss, lege ich den Fokus auf das, was ein Ereignis mit mir macht. Das gilt für als angenehm erlebte Situationen genauso wie für unangenehme. Ich entscheide mich dabei einfach, nicht den Auslöser zu beurteilen, sondern mir selbst liebevoll dabei zuzuschauen, Zeuge meiner selbst zu sein.

Wenn ein Idiot mir etwas antut, kann ich ihn einen Idioten nennen oder ihn psychoanalysieren. Das würde mich zunächst erleichtern, weil ich die Schuld dabei abschiebe und sie nun dem Täter gebe. In der Gewissheit, diesem Idioten überlegen zu sein, fühle ich mich erst mal besser. Damit habe ich aber den Schatz noch nicht gehoben, der in dieser Situation liegt, die mir das Leben da gerade zuspielt und mit der ich ‚Dharma-Unterricht‘ bekommen kann. Und das gratis! Bei einem Lehrer in Personenform muss man ja auf die eine oder andere Art dafür bezahlen.

Ein befreundeter Seminarleiter sagt ab und zu den Teilnehmern seiner Gruppen: Geh zu dem hin, den du dir am wenigsten auswählen würdest, und sag diesem Menschen, warum du sie oder ihn nicht magst, doof, abstoßend oder unpassend findest. Dann darf dieser Mensch antworten und sagen, was das mit ihm macht. Wenn es dabei beiden gelingt, sich als verletzliche Menschen zu zeigen, mit Wünschen, Befürchtungen und aller Art von Projektionen, lässt das den Widerstand auf beiden Seiten im Nu schmelzen. Liebe kann so einfach sein.

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, würde ich es im Hinblick auf Folgsamkeit in vier Phasen einteilen. Zuerst folgte ich den Vorgaben meiner Eltern. Im Alter von spätestens 16 folgte ich ihnen allenfalls nur noch aus Kalkül, nicht mehr aus Vertrauen oder Einsicht. Ich hinterfragte alle Konventionen, rebellierte und wurde dabei immer antiautoritärer. Bald hatte niemand mehr eine Chance, mir zu sagen, wo es langgeht. Das war meine zweite Phase im Umgang mit Autoritäten. Dann wurde ich buddhistischer Mönch, folgte Buddha und ein Jahr später einem lebenden spirituellen Meister. Das war die Zeit meiner spirituellen Schülerschaft. Sie endete mit der Einsicht, dass ich außerhalb von mir keine Weisheit und gute Führung finden konnte. Welchen Anker für Lebensführung auch immer ich mir aussuche, dass ich das tue und wie lange, es bleibt immer in meiner Verantwortung. Heute folge ich dem, was das Leben mir sagen will. Dabei bin natürlich ich der Interpret, mit all den Fehlern, die man als Interpret machen kann. Trotzdem finde ich das passender als alles, was ich vorher getan habe, und bin damit vorerst zufrieden.

Wie sieht das nun im Einzelnen aus? Interpreten können sich doch irren, sehr sogar, könnte man einwenden. Im Grunde aber ist es ganz einfach: Ich versuche bei allem, was ich tue oder was mir geschieht, in Erinnerung zu behalten, dass ich dabei der Wahrnehmende bin. Dort draußen geschieht etwas, hier drinnen auch. Beides ist wichtig, beides braucht meine Aufmerksamkeit. Ich wirke und die Welt da draußen wirkt auf mich. Als Empfänger von Wirkungen bin ich Opfer, bin aber zugleich auch Täter, das heißt Ursache von Wirkungen.

So bin ich immer eingebunden in ein Netz oder Gewebe, in dem eines aufs andere wirkt. Die subjektive Achse des Wirkenden und höchst selektiv Wahrnehmenden darf ich dabei nicht vergessen. Soweit mein Bewusstsein dabei reicht, kann ich über die Filter meiner Wahrnehmung bestimmen. Mein Einfluss auf das, was da draußen geschieht, ist viel geringer. So bin ich, ganzheitlich gesehen, mein eigener Guru und Schüler zugleich.

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Kommentare  
# Johann Krum 2020-04-29 11:32
Immer auf sich selbst hören! Toller Beitrag.
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# Isolde Sb 2020-04-29 19:38
In diesem Beitrag erkenne ich mich wieder...
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# Nessie 2020-05-03 14:10
Nur mal so als kleine Gegen-Fermentierung; ein Satz aus meiner anfänglichen Tantrazeit:

Warum immer auf sich selber schauen? Schau' gut auf die Andern um dich herum - sie spiegeln dich doch ohnehin...
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