Leben

Unsere Welt ist schrill und laut, doch sehnen sich viele nach der Ruhe. Wo kann diese gefunden werden?

Wir leben in einer sehr lauten, von vielerlei Lärm erfüllten Zeit. Unsere Städte hallen wider vom endlosen Straßenverkehr. Nahezu jedes Geschäft wird erfüllt von Hintergrundmusik. Selbst unsere Augen müssen Werbeplakate und Farben ertragen, die man nicht zufällig auch ‚schreiend‘ oder ‚knallbunt‘ nennt. Und zum äußeren Lärm gesellt sich der innere Lärm der Gedanken, die vielfältigen Sorgen und Ängste, die durch alarmistische Medien von täglich neuen – wirklichen und befürchteten – Schrecknissen in der Welt berichten. Ein auf allen Ebenen beschleunigtes Leben erfüllt unseren Geist mit sorgenvollen Gedanken, die durch nur noch lautere, buntere, raschere Bilder der Unterhaltungsindustrie kurzzeitig übertönt werden.

Aus diesem tosenden Sturm einer lärmenden Welt erwächst eine tiefe Sehnsucht nach Entspannung, nach einer Befreiung aus dieser endlosen Anspannung durch überflutende Reize. Doch oft sucht diese Sehnsucht in der falschen Richtung, sucht nur nach einem anderen Lärm, nach ‚Unterhaltung‘. Der österreichische Schriftsteller und Journalist Joseph Roth sprach schon in den 1930er-Jahren von dem ‚verlogenen Firnis der Gutgelauntheit, der den miserablen Zustand der Welt überdeckt‘. Dennoch zeigt diese tiefe Sehnsucht nach Entspannung auf etwas, das der Gegenwart mehr und mehr abhandengekommen ist. Sie zeigt auf die Stille. Die Stille aber umgibt ein tiefes Geheimnis.

Betrachtet man die Natur der Stille etwas genauer, so fällt zuerst auf: Sie entzieht sich. Man kann sie nicht ergreifen, kann sie nicht – wie etwa Unterhaltung oder Vergnügen – herstellen. Wer sich schon einmal in ruhiger Meditation – im Buddhismus heißt sie Shamata-Meditation – versucht hat, um die Ruhe des eigenen Geistes zu finden, wird schnell bemerken: Hören die äußeren Reize, hört der äußere Lärm erst einmal auf, so scheint unser Geist zunächst verrückt zu spielen. Die Gedanken scheinen mehr, nicht weniger zu werden. Auch ohne Meditationserfahrung ist das ein bekanntes Phänomen. Man versucht nach einem aufwühlenden Tag einzuschlafen. Aber mit erloschenem Licht setzt nun vermehrt eine endlose Mühle des sorgenden Denkens ein.

Was also ist diese ersehnte und doch so schwer zu erlangende Stille? Bevor ich eine Antwort zu geben versuche, blicke ich noch etwas genauer auf die vielfältigen Bedeutungen des Wortes ‚Stille‘. Eine Mutter stillt ihren Säugling. Zwar mag dies auch bedeuten, dass das hungrige Kind dadurch aufhört zu weinen. Im tieferen Sinn liegt darin aber auch die liebende Hingabe, die innere Verbundenheit zwischen Mutter und Kind, die Nahrung für ein junges Leben. Noch beim Erwachsenen wird eine Sehnsucht ‚gestillt‘; sie erfüllt sich. Die Stille offenbart hier eine schenkende Dimension. Wer die Stille sucht, sucht eigentlich eine Quelle, die allen Durst löscht. Man kann sie nicht ergreifen oder festhalten. Die Stille erlangt man nur als Geschenk.

Auf den ersten Blick gibt es einige zur Stille verwandte Phänomene. Da ist zunächst das Schweigen. Ludwig Wittgenstein beendet sein frühes Hauptwerk ‚Tractatus logico-philosophicus‘ mit einem berühmten Satz: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Es gibt auch eine ganze Theologie des schweigenden Gottes. Man sucht Gott, ruft nach ihm. Doch er antwortet nicht. Und diese Nicht-Antwort deuten einige Theologen nun sogar als Zeichen Gottes. Um aber ein Schweigen als Nicht-Antwort eines Gottes zu erfahren, muss man einen sprechenden Gott erwarten, muss man zuallererst an ihn glauben.

Auch in der Philosophie wird um das Schweigen teilweise ein großer Kult gemacht. Doch das Schweigen ist etwas anderes als die Stille. Denn wer schweigt, der hört nur auf zu sprechen, kann vielleicht einfach nichts mehr sagen. Dieses Schweigen erfährt man in der Perspektive der Sprache. Man bleibt im Raum des Sprechens, will eigentlich etwas sagen, will etwas hören, kann es aber nicht artikulieren. Wenn man vom Unhörbaren, vom Unerhörten spricht, so liegt darin derselbe Gedanke wie beim Unsichtbaren: Man sucht etwas Hörbares oder Sichtbares, ein gesprochenes Wort oder – wie die Naturwissenschaftler – eine mathematische Form in der Natur. Man erhofft von Gott oder der Natur eine Mitteilung, erfährt aber unmittelbar nur ein Schweigen.

Gewiss, es gibt zahlreiche Religionen, die von sich behaupten, Mitteilungen von einem Gott in ihren heiligen Büchern zu tradieren. Und Naturwissenschaftler glaubten immer auch einmal wieder, die Weltformel gefunden zu haben. Doch dass diese Antworten nur sehr vielstimmig, widersprüchlich und vergänglich erklingen, verrät, dass sie das Schweigen von Gott und Natur nur lautstark übertönen. Weshalb ist das so? Weil man an der Sprache als einzigem Weltzugang festhält und so nur ein Schweigen erfährt.

Stille

Die Stille ist anders. Ich möchte sie dazu kontrastierend aus der Perspektive der buddhistischen Tradition etwas genauer betrachten. Wo und wie finden wir die wirkliche Stille? Sie lässt sich gerade nicht ergreifen. Man darf nicht hoffen, sie in Begriffen festhalten zu können. Die Stille ist aber auch weder eine schweigende Gottheit noch eine verborgene Natur. Sie ist unmittelbar da. Un-mittel-bar – das heißt, sie ist ohne Vermittlung da, ist uns so nahe, dass wir sie im Lärm und in der Hektik, im Sturm unserer Gedanken nicht bemerken. Sie wehrt sich aber auch nicht gegen den Lärm, gegen das Chaos der Gedanken, die Hektik des Alltags. Die Stille lässt all dies zu, räumt all dies ein.

Was ist damit gesagt? Ich möchte es zuerst an einer Analogie verdeutlichen. Wenn wir einen Spaziergang machen, etwa durch einen Wald, so erfreuen wir uns vielleicht an den Pflanzen, am Gesang der Vögel, am leisen Säuseln eines Windes, an der durch die Baumkronen blitzenden Sonne. Unsere Achtsamkeit ist ganz auf die Schönheit der Umgebung gerichtet. Gehen wir durch eine Stadt, so achten wir auf anderes, den Straßenverkehr, die Auslagen der Geschäfte, oder sind womöglich von drängelnden Menschen genervt. Doch in beiden Fällen achten wir nicht darauf, dass wir uns in einem Offenen, in einem Raum bewegen, der all dies einräumt. Die Stille ist wie dieser Raum.

Wohin ist die Stille aber verschwunden, wenn wir uns im lärmenden Alltag bewegen? Ist sie irgendwo anders, verborgen? Müssen wir uns in ein Kloster zurückziehen, abgeschieden von der Welt, um sie dort zu finden? Wir können sie dort vielleicht vorübergehend bemerken. Ohne hier auf auch eher verstörende Berichte aus christlichen und buddhistischen Klöstern einzugehen: Das Leben in einem Kloster ist für die große Mehrzahl von Menschen bestenfalls eine sehr vergängliche Erfahrung. Vor allem nehmen wir in ein Kloster, in ein Retreat, ein Seminar – so wünschenswert und heilsam dies sein kann – unseren Alltag im Geist immer noch mit. Die Miete muss bezahlt werden; Partner, Beruf und Familie richten weiter ihre Ansprüche an uns. Wenn sich die Stille also an ruhigen Orten zeigt, so scheint sie ein sehr vergängliches Phänomen zu sein.

Nun ist die Stille für jeglichen Lärm, auch für die Musik oder das Sprechen, ganz analog zu dem, was in unserem genannten Beispiel der Raum für all die Dinge ist, die ihn erfüllen. Die Stille ist immer gegenwärtig, auch im Lärm. Sie ist in einer Kirche, die wir andächtig und schweigend betreten, nicht weniger anwesend wie im Dröhnen der elektrischen Gitarren einer Heavy-Metal-Band. Die Besonderheit der Musik als Kunstform, aber auch die große Dichtung, ist dies, dass sie die Stille immer wieder auch zu Bewusstsein bringt. Beim Verklingen eines Taktes kann die Stille als eigene Qualität gegenwärtig sein. Ebenso in der ‚Atemwende‘ – so der Titel eines Gedichts von Paul Celan –, wenn eine Verszeile endet und die neue Zeile noch nicht gesprochen wird.

Ich habe bei diesen Beispielen bereits jene Begriffe verwendet, die den Schlüssel bilden zum buddhistischen Verständnis der Stille. Die Stille ist weder subjektiv noch objektiv. Sie ‚besteht‘ weder aus Bewusstsein, noch ist sie irgendwo da draußen in der Welt. Die Stille ist ein Ort der Begegnung von Innen und Außen. Auch wenn wir ganz versunken sind, in uns eingekehrt, so bleibt zunächst unser Bewusstsein auf etwas ausgerichtet, zum Beispiel auf unsere Gefühle. Die Achtsamkeit bleibt noch Aufmerksamkeit. Sie sucht etwas – wie jemand, der Gott sucht und eine Antwort erwartet, oder wie ein Wissenschaftler, der die Natur durch Experimente zu Antworten herausfordert. Wenn dieses Suchen, dieses Ergreifen-Wollen unseres Bewusstseins endet, wenn dessen ‚Intentionalität‘ – wie man in der Psychologie sagt – einem Loslassen weicht, dann zeigt sich in der Stille unser tiefstes Wesen, unsere Buddha-Natur.

Wie verwirklicht man aber diese Erkenntnis, wie praktiziert man sie? Ich habe die sehr häufig gebrauchte Fehldeutung der Stille und die Folgerungen daraus schon angedeutet. Diese Fehldeutung liegt in dem Gedanken, dass die Stille überhaupt ein getrenntes Wesen sei, das man erkennen, erreichen, verwirklichen müsse. Man betrachtet dann dieses Wesen als eine Person, etwa als persönlichen Gott. Aber auch die Buddha-Natur wird immer wieder als eine besondere Person interpretiert, auch wenn damit die Hoffnung verbunden bleibt, irgendwann selbst einmal solch ein Buddha zu werden. Im spirituellen Kontext sucht man die Stille in der Distanz zur Welt: im Kloster, in Kirchen und Tempeln, in der Waldeinsamkeit, wie es im frühen Buddhismus genannt wurde. Hier erscheint der Gedanke, dass man die Stille als eine besondere Qualität in der Welt entdecken könne. Man glaubt, in der Sprache des Buddhismus gesagt, dass man dem Samsāra entfliehen müsse, um irgendwann das Nirvāna (als davon völlig verschiedenen Zustand) zu erlangen. Samsāra und Nirvāna scheinen ebenso getrennt zu sein wie Lärm und Stille.

Nun gibt es im Buddhismus die Schule des ‚Mittleren Weges‘, des Mādhyamaka, die der große Gelehrte Nāgārjuna begründet hat. Nāgārjuna sagt in seinem Hauptwerk, dem Mūlamadhyamaka-Kārikā, in Kapitel 25: „Es gibt nichts, was den Samsāra vom Nirvāna, und das Nirvāna vom Samsāra unterscheidet. Die Grenze des Nirvāna ist zugleich die Grenze des Samsāra. Zwischen diesen beiden wird auch nicht der feinste Unterschied gefunden.“ Auf unsere Frage nach dem Geheimnis der Stille gewendet: Es gibt nichts, was Lärm und Stille unterscheidet. Es besteht dazwischen kein Unterschied.

Wie kann das gedeutet und gedacht werden? Ich kehre nochmals zum Raum und zur Musik oder Dichtkunst zurück. Ein Sessel nimmt im Wohnzimmer einen Raum ein. Aber man kann auch sagen: Der Sessel ‚besteht‘ auch aus Raum. Seine Form ist eine räumliche Erscheinung. Ebenso ist Musik oder ein Gedicht eine Form der Stille, der Klang der Stille. Die Musik oder die Sprache kommt nicht zu einer davon getrennten Stille hinzu. Man kann sie nicht von der Stille trennen, in der sie er- und verklingen. Wenn Nāgārjuna also Samsāra und Nirvāna identifiziert, so ist das auf dieselbe Weise zu deuten. Das gilt auch für das Bewusstsein. Der Buddha sagte: Das Bewusstsein ist rein, mag es erfüllt sein von Gedanken oder auch nicht. Bewusstsein, Achtsamkeit, Raum und Stille verweisen auf einen gemeinsamen Grund: die Buddha-Natur.

Es ist deshalb wichtig zu verstehen, dass ungeachtet der beruhigenden, entspannenden Wirkung der stillen Meditation das Gesuchte nicht neben oder hinter den Gedanken liegt. Man kann deshalb auch denkend die Stille erfahren, wie man sie in der Musik gleichsam mithören kann. Die Stille ist eine Offenheit, die alles einräumt, die vor jeder Spaltung von Subjekt und Objekt ihren Ort hat. Auch in der abgelenkten, flackernden Achtsamkeit sind wir achtsam, auch im von Gedanken erfüllten Bewusstsein ist das Bewusstsein rein. Geheimnisse sind meist verborgen. Das Geheimnis der Stille aber ist ihre offensichtliche Nähe.

Als der Buddha auf die Frage nach der höchsten Wahrheit eine Blume hochhielt, interpretierten seine Schüler dies als bloßes Schweigen. Nur Mahakasyapa hatte als einziger Schüler verstanden. Der Buddha enttäuschte im Schweigen die Erwartungen der Schüler. Doch er zeigte auf das, was vor jeder Trennung von Lehrer und Schüler da ist: auf die Stille.

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