Leben

Wie das friedliche Miteinander geht, weiß Marina Jahn. Sie hat den buddhistischen Religionsunterricht in Österreich aufgebaut.

Erziehung ist ein Spiegel der Kultur von Menschen. Gibt es eigentlich eine buddhistische Erziehung?

Diese Frage ist in dem Sinne schwierig zu beantworten, weil es Buddhismus in vielen unterschiedlichen Ländern gibt und es insofern auch kulturelle Unterschiede gibt. Ich kann meine Eindrücke aus Sri Lanka und Thailand erzählen.

Wie werden die Kinder dort erzogen?

Konkret kann ich über meine Zeit in Sri Lanka 1985 berichten, wo ich durch meine Ausbildung längere Zeit verbrachte und tieferen Einblick in das Leben verschiedener Familien bekam. Was mir besonders auffiel, war der Respekt im Umgang von Kindern und Eltern, und zwar über die Generationen hinweg. Dass sich Kinder vor ihren Eltern tief verneigen, so etwas kannte ich nicht. Man beginnt auch den Tag, indem man den Eltern dankt. Das hat mich nachhaltig beeindruckt, denn es prägt Familien und damit Kulturen.


Wie ist das mit kleinen Kindern?

Erstaunlich ist die Gelassenheit, mit der Eltern mit ihren kleinen Kindern umgehen. Das ist mir besonders als Mutter aufgefallen. Wenn Kinder weinen oder quengelig sind, nimmt man das mit großer Ruhe hin. Man regt sich nicht auf. In meiner Wahrnehmung weinen die Kinder auch viel weniger. Es wird alles von einem freundlichen Umgang miteinander bestimmt. Eltern in Sri Lanka üben insofern auch viel weniger Druck auf ihre Kinder aus, erreichen damit aber wesentlich mehr. So habe ich es erlebt.


Was steht hinter dieser großen Freundlichkeit?

Ich denke schon, dass es die Lehre des Buddha ist und es so gesehen die fünf Silas sind.

Marina Jahn Copyright privat KindernWas sind Silas?

Es sind Übungsregeln, die zur Entwicklung von Sittlichkeit im Buddhismus eine zentrale Rolle spielen. Eine zentrale Rolle hat die Grundregel, niemand anderem, auch Tieren, kein Leid zuzufügen. Wobei damit nicht nur das brutale Leid, jemand anderen zu töten oder zu verletzen, gemeint ist, sondern auch das seelische Leid. Auch die Seele kann verletzt werden. Aus meiner Sicht ist das ein zentraler Baustein.


Den man kleinen Kindern aber doch nur sehr schwer auf dieser sehr rationalen Ebene vermitteln kann, oder?

Natürlich kann man kleinen Kindern nicht sagen: „Das darfst du nicht, weil der Buddha sagt, dass man anderen kein Leid zufügen darf.“ Aber es funktioniert anders. Statt ihren Kindern ein harsches Nein zu sagen, lenken viele Eltern die Aufmerksamkeit ihrer Babys und Kleinkinder auf etwas anderes, versuchen also, sie abzulenken. Das funktioniert meistens sehr gut. Es ist ein geschickter und sehr sanfter Weg von Erziehung, der dem Buddhismus entspricht. Mit Ruhe und Freundlichkeit.


Das funktioniert aber wohl nicht bei allen Kindern?

Natürlich nicht. Kinder haben unterschiedliche Charaktere, auch ihre Eltern, und es gibt kein Rezept für alle. Ganz sicher nicht. Es geht aber schon um eine Grundeinstellung. Ich denke, dass Erziehung immer auch heißt, dass man eine Richtung vorgibt und daran festhält. In Sri Lanka und auch in Thailand habe ich Eltern mit ihren Kindern nie schreien gehört.


Warum gelingt das?

Es geht auch um das Menschenbild. Im Buddhismus werden Kinder wie Pflanzen betrachtet. Man muss sie gut wässern, muss einen richtigen Standplatz finden, vielleicht brauchen sie einen Stock, auf den sie sich stützen können, um besser zu wachsen. In dieser Betrachtungsweise spielt sich Erziehung ab.


Welche Rolle spielen Geschichten?

Ich denke, es ist eine Altersfrage. Als mein Enkel vier Jahre alt war, habe ich begonnen, ihm die Geschichten von Buddha, einem Buben, der vor 2.500 Jahren gelebt hat und ein Prinz war, zu erzählen. Das hat ihn interessiert. Genauso wie die Tiergeschichten.


Welche Tiergeschichten?

Die vom Schwan zum Beispiel und den Kindern, die mit Pfeil und Bogen schießen lernen. Einer der Buben, Siddharta, schaut lieber den Bienen zu, will nicht auf den Schwan schießen. Es ist eine lange Geschichte, in der es aber darum geht, dass das Leben wertvoller ist als das Töten und dass Achtsamkeit und das genaue Hinschauen Werte sind. Das verstehen Kinder, vor allem, wenn sie mit diesen Geschichten aufwachsen.


Welche Werte gibt es noch?

Großzügigkeit, ein Wert, der im zweiten Sila zentrales Thema ist. „Nicht nehmen, was nicht gegeben ist“, ist der Grundgedanke, den es zu befolgen gilt. Im Theravada-Buddhismus ist das sehr streng, dort darf man gar nichts annehmen. Ich denke, es geht aber vielmehr um den respektvollen Umgang mit den Dingen. Es sollte aber immer um das friedvolle Miteinander gehen, Teilen gehört dazu.

 

Apropos Miteinander, welche ethischen Leitsätze gibt es im Buddhismus?

Im Buddhismus ist es ja so, dass eigentlich alles erlaubt ist, wenn die anderen einverstanden sind. Dieses dritte Sila wird für Erwachsene oft im Sinne der Sexualität interpretiert, für die Kinder gilt es selbstverständlich viel allgemeiner. Kinder müssen lernen, sich als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen. Das ist eine große Herausforderung, sehr kompliziert. Das weiß jeder, der selbst Kinder hatte. Wie findet man sich in einer Klassengemeinschaft zurecht, da gibt es viele Hürden. Im Buddhismus ist Neinsagen auch eine wichtige Option, die es zu erlernen gilt. Der soziale Umgang ist hochkomplex, denken wir nur an Eifersucht. Im Grunde geht es darum, ein Gespür für andere zu entwickeln. Da geht es auch darum, was man sagt.


Wie meinen Sie das genau?

Das vierte Sila beschäftigt sich sehr intensiv mit der Rede, also mit dem, was man sagt. Denn die wenigsten Menschen sind sich der starken Wirkung ihrer Worte bewusst. Es sind schließlich auch die Worte, die das Karma jedes Menschen ausmachen. Auch das versuchen wir in der buddhistischen Erziehung zu vermitteln. Oft ist es besser, sich zuerst Gedanken zu machen, zu überlegen, zu warten und erst dann zu handeln, also zu sprechen.


Was sollte man in diesem Sinne nicht tun?

Mit seiner Meinung herausplatzen, vor allem nicht, wenn sie etwas Unheilsames enthalten und damit andere verletzen könnte. Da ist es viel besser, kurz zu stoppen, innezuhalten und manchmal vielleicht auch gar nichts zu sagen. Denn alles, was ich sage und mache, hat Auswirkungen.


Das ist in den mehrheitlich individualistisch geprägten westlichen Kulturen wahrscheinlich nicht so leicht zu vermitteln?

Es ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Das, was ich mache, hat Konsequenzen und wirkt auf andere. Das versteht eigentlich jeder. Wenn ich jemandem auf den Fuß steige, schreit er: So funktioniert das in der simpelsten Form. Schwieriger ist wohl die Einsicht, dass auch alles, was ich denke, Auswirkungen hat. Da geht es wieder um das Karma, im Karma können sich schließlich auch frühere Leben widerspiegeln.


Gibt es in der buddhistischen Erziehung eigentlich auch Strafe und Belohnung?

In dem Sinne nicht, denn es gibt auch keine Schuld. Wenn ich jemanden beleidige oder verletze, verletze ich mich selbst auch. Man kann diesen Gedanken Kindern aber sehr gut vermitteln.


Wie?

Stellen wir uns vor, ein Kind hat ein anderes beleidigt oder ihm ein Spielzeug weggenommen. Anstatt zu sagen „Das ist böse, das darfst du nicht“, frage ich das ‚böse‘ Kind gerne: „Na, und wie fühlst du dich jetzt?“ Interessanterweise fühlt sich kein Kind, das böse zu einem anderen war, besonders gut. Mit dieser Frage lernen sich Kinder selbst kennen und einschätzen, sie erinnern sich in einer ähnlichen Situation das nächste Mal vielleicht sogar an das schlechte Gefühl danach. Im besten Fall wirkt sich das auf die Handlungen aus.

 

Aber was, wenn andere mit einem Kind oder Jugendlichen böse sind. Wie lässt sich dafür im Buddhismus eine Erklärung finden?

Wir gehen eigentlich von der Grundannahme aus, dass alle Menschen gut sind, gute Gedanken haben und Gutes wollen. Kinder kommen mit einem guten Herz zur Welt. Aber natürlich kann es im Leben schwierige Situationen geben, die auch auf das Herz wirken. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass dann der Satz „Stell dir mal vor, wie gut dieser Mensch früher einmal war“ sehr hilfreich ist. Interessanterweise verstehen Kinder das intuitiv sehr gut und kommen dann mit dem vermeintlich Bösen besser zurecht.


Und wie sollen Kinder mit negativen Emotionen zurechtkommen?

Natürlich kommt es vor, dass die Wogen hochgehen. Wut und Zorn sind solche Gefühle, die überfallsartig kommen. Darüber sprechen wir sehr viel und ausführlich. Wir wollen aber den Kindern und Jugendlichen beibringen, dass solche negativen Gefühle kein Dauerzustand sind, sondern auch wieder vergehen. Sie verschwinden so, wie sie gekommen sind, darauf darf man sich verlassen.


Haben Sie Ihre eigenen Kinder eigentlich buddhistisch erzogen?

Ich lebe in der Theravada-Tradition, bin aber erst Buddhistin geworden, als meine Kinder schon auf der Welt waren. Insofern haben buddhistische Lehren in unserer Familie schon eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe drei Kinder, mein jüngster Sohn ist gesegnet worden. Aber buddhistischen Religionsunterricht, so wie er heute hier im buddhistischen Zentrum abgehalten wird, gab es noch nicht.


Sie haben den buddhistischen Religionsunterricht in Österreich mitbegründet. Welche Kinder kommen zu Ihnen?

Viele Kinder aus asiatischen Ländern, ich habe gezählt, es waren Kinder aus 14 Nationen. Es ist sehr interessant zu sehen, wie viel Respekt sie mir gegenüber als Lehrerin zeigen. Das ist ein Unterschied zu österreichischen Schülergruppen, die ich ja auch durch das buddhistische Zentrum führe.


Kann theoretisch jeder sein Kind zu Ihnen in den Religionsunterricht schicken?

Wir haben 1993 mit Religionsunterreich für Sechs- bis Achtzehnjährige begonnen. Das war quasi eine Pioniergruppe, die wir gemeinsam mit Ursula Lyon gestartet haben. Am Anfang kamen viele Kinder aus der Vienna International School. Auch ich bin damals in meiner Funktion als Lehrerin ins kalte Wasser gesprungen. Über die Jahre haben wir uns vieles erarbeitet, haben Unterrichtsunterlagen selbst entwickelt. Das steht heute auf einer soliden Grundlage. Und ja, jeder, der Buddhist ist oder ohne religiöses Bekenntnis, kann seine Kinder ab der Volksschule zu uns in den buddhistischen Religionsunterricht schicken. Wir sind eine anerkannte Religionsgemeinschaft.


Ist das Interesse am Buddhismus in den letzten Jahren gewachsen?

Ich denke schon. In den Schulen gibt es immer öfter Ethikunterricht. Den Kindern werden die Weltreligionen als Unterrichtsgegenstand vermittelt. Bei uns lernen sie die Grundlagen des Buddhismus kennen.

 

Marina Myo Gong Jahn wurde als ordinierte Nonne in der Hua Yen Schule zur Zeremonienmeisterin ausgebildet. Sie ist auch autorisierte Lehrerin in der Theravada-Tradition, leitet Zeremonien genauso wie die Familien-Puja (Puja bedeutet Verehrung, es ist ein Ritual). Sie bringt seit 1994 Erwachsenen, Schülern und Kindern den Dharma, die Lehre des Buddha, näher. Sie ist Vizepräsidentin der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft in Wien.
 
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