Leben

Vicky hat Gliederschmerzen und leichtes Fieber, aber sie will unbedingt noch ihr Projekt abschließen. Sie kann die Teamsitzung heute nicht absagen und verbreitet lieber ihren Virus an die Kollegen, statt sich krankzumelden.

Gleichgültigkeit denkt nicht vorausschauend. Jemand verliert eine Notiz, eine Mütze, einen Fahrschein – doch niemand macht den Pechvogel darauf aufmerksam. Es ist den Vorübergehenden gleichgültig, welche Konsequenzen der Verlust hat. Wenn wir die Gleichgültigkeit von anderen am eigenen Leib erfahren, ist das schmerzlich und ruft Gefühle von Ärger und Ohnmacht in uns wach. Wer erinnert sich nicht an Momente, in denen uns Gleichgültigkeit in Aufregung versetzt hat: „Nun sag’ doch endlich etwas! Ich brauche deine Unterstützung!“
Die Gleichgültigen scheuen die Auseinandersetzung und ein klares Wort. Sie schützen sich mit innerem Abwenden. Sie denken: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. In meiner Gleichgültigkeit fühle ich mich nicht verantwortlich und muss auch nicht handeln. Ich bleibe schön gemütlich in meiner Komfortzone und lasse alles an mir abperlen.“
Wenn der alte Herr, der seinen Zug in letzter Minute verpasst hat, die Ruhe bewahrt, könnte man glauben, ihm sei es egal. Gleichgültigkeit und Gelassenheit liegen zuweilen so nah beieinander, dass sie schwer zu unterscheiden sind. Daher ist in der buddhistischen Lehre die Gleichgültigkeit der sogenannte ‚nahe Feind‘ von Gelassenheit. Diese beiden Eigenschaften sind leicht zu verwechseln. Auf den ersten Blick erkennt man oft nicht, dass in der Gleichgültigkeit eine satte Portion von Aversion und Nicht-haben-Wollen enthalten ist.
Der Bremer Philosophieprofessor Jürgen Rausch schreibt in einem Aufsatz über die Gelassenheit: „Gelassenheit ist nicht Gleichgültigkeit. Der Gelassene kann das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden. Ihm sind die Dinge keineswegs gleichgültig – höchstens verschieden-gültig, während dem Gleichgültigen alles – auch das Wesentliche – gleich unwesentlich ist, so dass er keine Unterschiede der Gleichgültigkeit kennt.“
Gleichgültigkeit blockiert unsere Tatkraft. Sie hat viele unangenehme Facetten. Feigheit, Apathie, Ignoranz, Leugnung, Verächtlichkeit, Respektlosigkeit – all das ist darin enthalten. Wenn ich nicht daran denke,
welche Folgen mein Nicht-Handeln für andere hat, wenn ich versuche, mich stillschweigend aus dem Staub zu machen, um meine eigene Haut zu retten, dann entmachte ich mich selbst mit Gleichgültigkeit.
Im Gegensatz dazu wird Gelassenheit nicht von innerem Für und Wider beeinträchtigt. Gelassenheit, manchmal auch Gleichmut genannt, ist Ausdruck eines reifen, ausgewogenen Geistes, der alles gleichermaßen akzeptierend annimmt – Freude ebenso wie Schmerz, Verlust ebenso wie Gewinn, eine Haltung, die keine Erwartung und keine Abwehr kennt. Gelassenheit gibt Raum und erkennt an, was ist, nicht bewertend, nicht verurteilend. Gelassenheit ist aus buddhistischer Sicht Ausdruck höchster Freiheit.

Freiheit

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