Leben

Das Ziel allen Strebens ist Gleichmut, steht in den buddhistischen Schriften. Das bedeutet allerdings nicht, die Emotionen aufgeben zu müssen. Eine Einordnung.

Einst lernte ich im buddhistischen Kloster, dass Upekkha, übersetzt ins Deutsche als Gleichmut, eine ganz wichtige Eigenschaft ist. Neben Liebe – Metta, Mitgefühl – Karuna, Mitfreude – Mudita ist Gleichmut eine der vier Brahmaviharas, der himmlischen Verweilzustände. Gleichmut ist außerdem das, was einen befähigt, mit den acht weltlichen Zuständen – Attha loka dhamma – zurechtzukommen, die da sind: Verlust und Gewinn, gute und schlechte Reputation, Lob und Tadel, Glück und Leid.

Man braucht Gleichmut außerdem, um Gier und Apathie zu bewältigen, heißt es in den Sutren des Tripitaka. Man braucht sie, um sich zu konzentrieren, und unter den zehn wichtigen spirituellen Tugenden – Paramitas – ist sie die letzte und wichtigste, ebenso unter den Faktoren, die zur Erleuchtung führen. Der strebende Schüler im Urbuddhismus (Theravada) bekommt da also eine ganze Ladung von Empfehlungen mit: Nur immer schön ruhig bleiben, gelassen, gleichmütig, nur ja nicht ausflippen, leidenschaftlich werden, gierig oder ehrgeizig, angewidert oder wütend sein.

Aber was ist dann mit dem ambitionierten Streben nach der spirituellen Befreiung? Allein schon die fünf Tugenden – Silas – des Buddhismus einzuhalten, braucht ja eine gewisse Strebsamkeit. Umso mehr der Pfad zur vollständigen Befreiung – Nirvana. Und so findet man unter den sieben Faktoren, die zur Erleuchtung führen, auch im Theravada drei, die man heute eher zu den Leidenschaften oder Ambitionen rechnen würde: den Dharma erforschen wollen – Dhamma vicaya, Energie, auch die Entschiedenheit, das Ziel erreichen zu wollen – Viriya und Freude, Ekstase – Piti.

Jedenfalls scheint die Eigenschaft des Gleichmuts – heute sagen wir dazu eher Gelassenheit – durchaus nichts mit Apathie, Coolness oder Unberührbarkeit zu tun zu haben. Und schon gar nicht mit stoischer Dickfelligkeit. Wenn meine Freundin mich fragt, ob ich sie liebe, und
ich ihr daraufhin sage, dass ich das ganz gelassen sehe, gleichmütig, wäre ich sie wohl bald los. Zu Recht, denn wer will schon leidenschaftslos geliebt werden? Ebenso gegenüber meinen Kindern, dem Naturschutz, Krieg und Folter, Lüge und Betrug. Das lässt mich alles nicht kalt und ich wünsche mir in meinem Freundeskreis auch keine Menschen, denen das egal ist. Gleichmut verstanden als Unberührbarkeit, Gefühlskälte, nicht dafür und nicht dagegen sein, das ist es nicht, was ich will. Und ich glaube auch nicht, dass es das ist, was der Buddha mit Upekkha meinte.

ZielAuch wenn das für Nicht-Tantriker jetzt erst mal gewagt klingen wird: Ich glaube, dass Gleichmut und Leidenschaft zusammenpassen. Wir sollten keinen unserer Impulse unterdrücken und sie auch nicht verdrängen. Wir sollten ihrer jedoch gewahr werden und durch dieses Gewahrsein die Souveränität über sie gewinnen. Würden wir die Energie, die diese Impulse enthalten, wegdrücken, würden wir zu Heuchlern oder krank. Wir dürfen sie aber auch nicht unbewusst und lieblos, rücksichtslos, ohne Mitgefühl ausagieren. Stattdessen sollten wir die Energie reiten und ihr dabei Zügel anlegen, um ihr eine Richtung zu geben. Die Unterdrückung von Gefühlen und Impulsen – unter dem Label Gleichmut – hat schon zu viele Menschen krank gemacht oder zu wandelnden Dynamitfässern werden lassen, die nur auf den Zündfunken warten. Besser, wir beobachten gleichmütig das Aufkommen einer Leidenschaft in uns. Trauer, Angst, Ekel, Liebe, Freude, alle Impulse und Handlungsantriebe. bewusst, dass sie da sind. Das ist der Punkt, wo die Tugend des Gleichmuts gefragt ist, die Gelassenheit: Schau hin, was da ist! Schau erst mal nur, ohne zu bewerten. Dadurch sind wir dem Gefühl nicht mehr unterworfen, wir haben das Gefühl, anstatt dass das Gefühl uns hat. Nun können wir es stoppen und uns anders entscheiden. Wir müssen nicht mehr tun, was die Leidenschaft uns nahelegt. „Hau ihn! Fick sie!“ – das ist jetzt nicht mehr die Handlungsanweisung, und dennoch haben wir die Energie, die dieses Gefühl in sich trägt, nicht verdrängt, womit wir sie verloren hätten oder – noch schlimmer – sie als Gegner im Unbewussten weiter in uns beherbergen würden. Verdrängte Gefühle füttern die Schattenpersönlichkeit und können uns im Affekt hinterrücks überfallen.

ZielIn ähnlicher Weise, wie die Gefühle uns haben, hat uns auch das Denken. Dann führt es uns, es denkt uns, anstatt dass wir Gedanken haben. Souverän sind wir erst dann, wenn wir die Gedanken haben, die Gefühle, die Impulse – und nicht sie uns. Erst dann sind wir nicht mehr ihr Sklave, sondern der Handelnde. Menschen in Rage oder Gier sagen danach oft: „Es kam über mich!“ „Das bin ich nicht!“ Oder: „Ich war neben mir!“ Obwohl sie juristisch und ethisch gesehen die Handelnden sind und zur Verantwortung gezogen werden müssen, waren sie während der Tat neben der Kappe, sie hatten sich nicht im Griff. 

Der tantrische Weg, der sich im Buddhismus erst mehr als 800 Jahre nach Buddhas Tod zu entwickeln begann, verzichtet nicht auf Lust, Liebe, Sex und Sinnesfreuden. Er verzichtet auch nicht auf Tanz und Musik, was gemäß den buddhistischen Mönchsregeln – Vinaya – des Theravada den nach Erleuchtung strebenden Bhikkhus und Bhikkhunis nicht erlaubt ist. Dabei können Musik und Tanz, überhaupt die Künste, sehr wohl die Tugenden verfeinern und uns Menschen reifen lassen bis hin zu den höchsten Stufen auf dem geistigen Weg. Und die Künste muss man passioniert betreiben, leidenschaftlich, gefühlvoll. Beethovens Sinfonien sind kein Ausdruck von Gleichmut – und das gilt mehr oder weniger für alle Künste. 

Auch Rumi, der weltweit beliebteste aller Sufi-Dichter, ist nicht gleichmütig. „Sei durstig, mein Herz“, sagt er. „Suche weiter, ruhelos. Lass diese tonlose Sehnsucht tief in dir die Quelle von allem sein, was du sagst.“ Auch die christlichen Mystikerinnen Mechthild von Magdeburg und Teresa von Avila waren leidenschaftlich in ihrer Liebe zum göttlichen Geliebten, Jesus, ebenso der bengalische Mystiker Ramakrishna in Bezug auf die Göttin Kali. Leidenschaft und Gleichmut zu vereinbaren, diese Aufgabe stellt sich nicht nur Buddhisten, sie stellt sich allen Menschen – auch denen, die nach dem Höchsten streben, das menschenmöglich ist, und dabei doch fühlend, verletzlich, empfindsam bleiben und nicht so tun wollen und es nicht können, als seien sie ab ihrer Erkenntnis der Ganzheit zu einem empfindungslosen Eisblock erstarrt. Und das gilt nicht nur für die religiöse Leidenschaft, auch mit den weltlichen Leidenschaften verhält es sich so.

Alle Leidenschaften sind gefährlich, aber ohne sie würde uns etwas fehlen, das das Leben lebenswert macht. Ich will nicht ohne Liebe leben, nicht ohne Musik und Schönheitsempfinden, nicht ohne Tanz und sexuellen Genuss. Aber ich achte dabei darauf, dass etwas in mir gelassen bleibt, gleichmütig. Auch wenn ich geil bin oder Wut empfinde, etwas haben oder weghaben will, muss etwas in mir alles das gleichmütig bezeugen können, denn ich will dem nicht ausgeliefert sein. Ich will die Welle reiten, ohne von ihr überwältigt zu werden. Dieses Surfen zu erlernen lohnt sich, finde ich! Auch wenn es schwer ist, weil es eine sehr genaue Selbstbeobachtung erfordert, eine Achtsamkeit – Sati –, die nicht nur bemerkt, dass, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich spreche, dann spreche ich, sondern die so genau ist, dass sie jedes Gefühl und jeden Gedanken schon im Entstehen wahrnehmen kann. 

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