Im Interview mit Ursache/Wirkung spricht Dr. Christopher Wallis (Hareesh) über toxische Spiritualität, Erwachen, Wahrheit und die Gefahr spiritueller Klischees.
Dr. Christopher Wallis (Hareesh) ist Wissenschaftler und weltweit als Dozent und Autor indischer Philosophie und Übersetzer des Sankrikt anerkannt. Er hat sich auf Meditation und praktische tantrische Philosophie spezialisiert und blickt auf 30 Jahre Erfahrung in den spirituellen Praktiken des Shaiva Tantra zurück. Der Gründer des Online-Lernportals „Tantra Illuminated“ ist spiritueller Leiter seiner Community. In unserem Gespräch erklärt er, warum es für suchende Menschen wichtig ist, die Bedeutung gängiger spiritueller Konzepte zu hinterfragen.
Mehr über ihn und seine Arbeit unter: www.tantrailluminated.org
UW: Herr Wallis, Spiritualität hat im Leben vieler Menschen eine tiefe Bedeutung. Sie haben ein Buch mit dem Titel Toxic Spirituality – Wie man Irrwege erkennt und wirklich frei wird geschrieben. Was verstehen Sie unter toxischer Spiritualität?
Christopher Wallis: Von allen Aspekten des menschlichen Lebens birgt die Spiritualität das größte Potenzial zu tiefer Erfüllung, und doch kann sie auch sehr problematisch sein. In meinem Buch zeige ich auf, wie eine spirituelle Lehre auf unzulängliche oder sogar toxische Weise ausgelegt werden kann – als Klischee, Halbwahrheit oder sogar als vollkommener Irrglaube. Dennoch steckt auch hinter einer oft stark abgespeckten, damit gefälligen Hochglanz-Fassade eine tiefe Wahrheit.
Häufig geht es darum, zwischen Religion, die aus tröstlichen Vorstellungen besteht, und Spiritualität zu unterscheiden. Letztere setzt die Bereitschaft voraus, bestehende Überzeugungen abstreifen, um selbst zu sehen, was wirklich wahr ist.
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang spirituelle Lehrende?
Ich glaube, dass Lehrende auf dem spirituellen Pfad hilfreich sind, und zwar aus demselben Grund, aus dem man selbst keine Landkarte von einem Ort zeichnen kann, an dem man noch nie gewesen ist.
Sie haben genug Erfahrung, um das Terrain des Erwachensprozesses zu kennen und zu wissen, wie und welche Meditationspraxis dir hilft oder nicht. Der oder die Lehrerin muss sowohl das Terrain kennen, das ja durchaus potenziell gefährliche Fallstricke enthalten kann, als auch gut darin sein, es zu kartografieren, also darüber zu kommunizieren.
In diesem besten Sinn bietet ein Lehrender dir Landkarten an, die dich durch das manchmal unwegsame Gelände des spirituellen Erwachens führen können.
Sie schreiben über „nahe Feinde“ bzw. spirituelle „Halbwahrheiten“. Was sind diese Feinde und warum sind sie gefährlich?
Der Titel des englischen Buches lautet „Near Enemies of the Truth“. Im Deutschen ist der Begriff der »nahen Feinde« wenig geläufig. Daher wird im deutschen Buch überwiegend das eingängige Wort „Halbwahrheiten“ benutzt. Denn es steckt auch immer ein Körnchen Wahrheit hinter den platten Schlagworten.
Toxisch sind die hier erläuterten unvollständigen Vorstellungen insofern, als sie uns von den erklärten Zielen des Erwachens und der Freiheit weg und auf Irrwege führen, die nur schwer wieder verlassen werden können.
Nehmen wir ein gängiges Beispiel: „Im Hier und Jetzt leben“. Was daran ist falsch und was wahr bzw. wann ist es eine Halbwahrheit, wann Wahrheit?
Nun, auch das kann leicht zu einer als Spiritualität getarnten Maske für unsere eigenen Wünsche und Urteile werden. Wir sagen beispielsweise: »Hey, warum versuchst du nicht, präsent zu sein?«, wenn wir eigentlich von dem Betreffenden etwas mehr Aufmerksamkeit haben möchten. Aus direkter Erfahrung heraus ist es natürlich unmöglich, nicht im gegenwärtigen Moment zu sein. Man kann nirgendwo anders sein als hier und jetzt.
Nun können wir diese Aufforderung so verstehen, dass es darum geht, die Aufmerksamkeit auf die Gesamtheit der Erfahrungen im gegenwärtigen Augenblick zu richten, sei es durch Konzentration oder Meditation. Es geht in Wahrheit darum, sich weder in Gedanken an die Zukunft zu verlieren, noch irgendeiner Vergangenheit anzuhängen, sondern das, was gerade ist, wertzuschätzen.
Durch unsere achtsame Praxis können wir jenen außergewöhnlichen Seinszustand erreichen, in dem die drei primären Zentren des verkörperten Bewusstseins – Kopf, Herz und Unterbauch – offen und klar sind, frei von Widerstand gegen jede Energie, die hindurchfließen will, und vollständig miteinander und mit der Welt verbunden.
Die Begriffe „wahr“ und „falsch“ können sehr unterschiedlich verstanden werden. Wie verstehen Sie sie?
Heutzutage ist die Wahrheit zu einer heiklen Angelegenheit geworden. Viele Menschen sind stolz darauf, „ihre eigene Wahrheit zu sagen“. Das wird dann zum Problem, wenn man nicht zunächst einmal feststellt, was Wahrheit eigentlich ist. Es scheint, als hätten viele Menschen den Eindruck, dass Wahrheit relativ sei: „Was für mich wahr ist, muss für dich nicht wahr sein und umgekehrt.“
Aus meiner Sicht wird hier Wahrheit mit Glauben verwechselt. Glaube ist keine Wahrheit, sondern bestenfalls eine Interpretation subjektiver und/oder objektiver Wahrheiten. Objektive Wahrheiten sind solche, über die wir uns alle einig sind, wenn wir uns die Mühe machen, sie nachzuprüfen. Subjektive Wahrheiten sind nur demjenigen bekannt, der sie erlebt.
Dieser Artikel erschien ist in der Ursache\Wirkung №. 135: „Achtsamkeit & Aktivismus"erschienen:
Wenn jemand zu einer spirituellen Gemeinschaft gehört, wo solche geflügelten Worte gebraucht werden, wie kann er unterscheiden, ob es sich um Halbwahrheiten und Wahrheiten handelt?
Ich behaupte, dass fast alle populären Plattitüden, die man in alternativen spirituellen Gemeinschaften – und manchmal auch in der Mainstream-Religion – findet, Beinahe-Feinde oder auch falsche Freunde der Wahrheit darstellen.
Solche Aussagen mögen einer tiefen und subtilen Wahrheit nahekommen, sind aber dennoch so verzerrt, dass sie einen auf lange Sicht in die Irre führen und unnötiges Leid verursachen.
Letztlich ist jede, jeder gefordert, den eigenen gesunden Menschenverstand einzusetzen und Argumente zu kontemplieren und kritisch zu hinterfragen.
Sätze wie „Hör auf dein Herz“ oder „Alles geschieht zum Besten“ können echtes Erwachen verhindern, schreiben Sie. Warum ist das so?
„Hör auf dein Herz“ wird genau dann zu einem nahen Feind der Wahrheit, wenn das Herz im Gegensatz zum Kopf definiert wird. Natürlich gibt es echte Widersprüche zwischen dem, was man tun will, und dem, was man tun soll, aber es nützt niemandem, dies zu einem existenziellen, mythisch aufgeladenen Kampf der vermeintlichen Gegner, Herz versus Kopf, zu stilisieren.
Diese Gedankenwelt ist allerdings tief im westlichen Denken verwurzelt. Sie führt dazu, dass wir – je nach kulturell konditionierter Prägung und Wertung, persönlichem Umfeld und eigener Erfahrung – das eine dem anderen vorziehen. Was uns wiederum von der ganzheitlichen Wahrnehmung dessen, was ist, abbringt und somit echtes Erwachen verhindert. Tatsächlich gibt es in der alten indischen Kultur und Philosophie gar keine separaten Wörter für „Geist“ und „Herz“. Das heißt, jedes Wort, das in der Sanskrit-Sprache „Verstand“ bedeutet, steht auch für „Herz“ und umgekehrt.
Ich schlage daher vor, dass dieses Dilemma nicht wirklich existiert, sondern nur so lange für uns eine Rolle spielt und unsere Entscheidungsfindung bestimmt, wie wir es nicht tief reflektieren. Sobald wir den Mechanismen vermeintlicher Spaltung auf die Schliche kommen, können wir uns aus ihrer Macht über uns befreien. Wenn du aufhörst, an die Unauflösbarkeit dieser Widersprüche zu glauben, und beginnst zu sehen, dass es in erster Linie nicht darum geht, sich für einen von zwei einander entgegengesetzten Polen in einem scheinbar dramatischen Dilemma zu entscheiden – dann bist du in deinen Entscheidungen wesentlich freier.
„Alles geschieht zum Besten“ wird gerne vorgebracht, wenn jemand eine schmerzhafte Zeit durchmacht. Diese Aussage mag uns trösten, aber auf lange Sicht stellt genau dieses Gefühl ein Hindernis auf dem spirituellen Weg dar. Wenn wir uns hingegen darin üben, Ereignisse, die wir als schmerzhaft oder herausfordernd bezeichnen als Möglichkeit zu erkennen, zu lernen und zu wachsen; wenn wir unseren Schmerz vollständig fühlen, ohne ihn zu beschönigen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir eine zutiefst nützliche innere Arbeit leisten.
Sie regen dazu an, spirituelle Schlüsselkonzepte wie „Realität“, „Ego“ oder „Erleuchtung“ ebenfalls zu hinterfragen. Können Sie uns das näher erläutern?
Nun, diese einzelnen Wörter stellen im Grunde genommen komplexe oder subtile Konzepte dar, die oft wenig nutzbringend verstanden werden. So ist die Natur der Wirklichkeit, also die Frage „Was ist Realität?“, ein zentrales Thema auf dem spirituellen Weg.
Ich unterscheide hier zwei Arten der Erfahrung der Welt: die Realität erster Ordnung und die Realität zweiter Ordnung. Die Realität erster Ordnung kann als das definiert werden, was wir erleben, bevor wir einen Gedanken darüber fassen oder sie interpretieren. Die Realität zweiter Ordnung wird durch unsere Interpretationen, Geschichten, Erzählungen oder mental vorgefertigten Denkmuster in eng vorgegebenen Grenzen konstituiert: Es ist die Art und Weise, wie wir unsere Erfahrungen uns selbst und anderen gegenüber darstellen.
Alles, was wir in Worte fassen, ist automatisch Realität zweiter Ordnung. Es ist eine indirekte und daher unvollständige Darstellung unserer direkten Erfahrung. Obwohl uns diese Unterscheidung zunächst offensichtlich erscheint, verwechseln Menschen andauernd ihre Erzählungen über die Realität mit der Realität selbst – mit gravierenden Folgen.
Der größte Geschichtenerzähler ist unser selbstbezogenes Ego, es ist der wichtigste Faktor bei der Entstehung unserer Interpretationen. Unser Instinkt, Geschichten eigennützig zu erzählen, kann unbewusst oder kalkuliert sein. Beides kommt häufig vor, aber das Erste ist wahrscheinlich schwieriger zu handhaben, weil die Person wirklich glaubt, was sie sagt.
Jede Story, die wir oder andere uns erzählen, ist weder grundsätzlich nur falsch, noch gibt es irgendeinen Gedanken oder eine verbale Aussage, die vollkommen wahr ist. Aber es gibt Interpretationen, die unsere individuelle oder kollektive Erfahrung zutreffender erhellen und abbilden als andere. Wir sollten immer im Auge behalten, dass Gedanken oder Erzählungen als Werkzeuge und nicht als Wahrheiten zu betrachten sind.
„Erleuchtung“ ist einfach das falsche Wort – „Erwachen“ ist ein viel besseres. Es geht weder um ein finales Ziel, noch um Wissen irgendeiner Art. Es handelt sich um einen Prozess, einen grundlegenden Wechsel des Blickwinkels, der hier und jetzt für jeden möglich ist. Erwachen bedeutet, etwas zu verlieren: nämlich deine tief konditionierten Überzeugungen darüber, wer du bist und was die Welt ist. Und es gibt nichts weiter zu gewinnen als die Klarheit der Sicht auf die Welt.
Spirituelle Fallstricke und Halbwahrheiten mental zu erkennen ist die eine Sache. Was hilft uns, dieses Wissen tief zu verinnerlichen?
Es gibt ein grundlegendes Muster der Existenz – tiefe Strukturen, Symmetrien, Rhythmen und Leitmotive, die alle Dinge umfassen –, auch wenn einige Aspekte des Musters viel zu subtil und komplex sind, als dass wir sie vorhersagen oder gar beschreiben könnten. Meiner Erfahrung nach ist es überaus nützlich, durch Meditation und Schulung des Bewusstseins zu lernen, über den eigenen Verstand und mentale Filter hinauszugehen, sodass man beginnen kann, das Muster unmittelbar zu spüren.
Haben wir eine Verantwortung in diesem Zusammenhang – uns selbst und anderen gegenüber?
Alles entsteht aus Ursachen und Bedingungen, die ihrerseits Ursachen und Bedingungen haben. In diesem Sinne sind wir natürlich aufgefordert, unser Handeln zum eigenen Wohl und zum Wohl aller auszurichten. Gleichzeitig geht es darum zu erkennen, dass die eigene Essenz-Natur immer schon vollkommen ist.
Du kannst im Leben nicht scheitern, aber du kannst es versäumen, deine wahre Natur zu erkennen, was dazu führt, dass du deinen natürlichen Seinszustand nicht in dem vollen Ausmaß lebst, wie es möglich wäre.
Woran lässt sich eine Gemeinschaft erkennen, die Suchenden auf ihrem Weg wirklich dient und sie fördert?
Zunächst einmal geht es um die Frage: Welches ist eigentlich mein spirituelles Ziel? Denn entgegen landläufiger Meinungen führen nun einmal nicht alle Wege zum selben Ziel. Dann stellt sich die Frage, ob die Praxis einer Gemeinschaft auch geeignet ist, das angestrebte Ziel zu verwirklichen.
Es ist außerdem notwendig, die spirituelle Weisheit eines Lehrenden und seiner Gemeinschaft zu prüfen. Hinterfrage, was du erlebst, und bewahre dir eine gesunde Skepsis gegenüber jenen Antworten, die noch nicht durch deine eigene Erfahrung bestätigt sind.
Ist die Lehre kohärent und dennoch undogmatisch? Ist sie effektiv? Bezeugen die Menschen in der Gemeinschaft die Wirksamkeit der angewandten Praktiken? Sind sie dem Leben zugewandt, unvoreingenommen, und an ihrer eigenen spirituellen Entwicklung interessiert? Übernehmen sie Verantwortung, ohne auszuweichen (spiritual bypassing), ohne in Persönlichkeitskult, Glaubenssätze oder Phrasen zu verfallen?
Diese Fragen können als Orientierung dienen.
Wir danken Brigitte Heinz und Hajo Normann, den Übersetzern des Buches „Toxic Spirituality“, Brigitte Heinz und Hajo Normann, für ihre Mitarbeit bei diesem Interview.
Toxic Spirituality: Wie man Irrwege erkennt und wirklich frei wird
Autor: Christopher Wallis
Verlag: O.W. Barth
Seitenzahl: 352 Seiten
Preis: 25,00 €
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