Diskurs

Dzongsar Khyentse unterstützt mit seinen Äußerungen missbräuchliches Verhalten durch Vajrayana-Lehrer. Und seine Anhänger zeigen alle Anzeichen von Menschen, die in einem destruktiven Kult gefangen sind. Eine Insiderin berichtet.

Ich bin immer wieder erstaunt, dass es in einer Religion, die umfassende Belehrungen zu ethischem Verhalten und weitreichende mitfühlende Sichtweisen besitzt, Lehrer gibt, die die Grenzen der grundlegenden Normen des moralischen Anstands infrage stellen. Einmal mehr wirbt Dzongsar Khyentse, einer der neuen Hauptlehrer der internationalen buddhistischen Gemeinschaft Rigpa, in seinem neuen Buch „Poison is Medicine“, „Gift ist Medizin“, in einer breiten Öffentlichkeit für die Praxis der „reinen Wahrnehmung“ innerhalb des Vajrayana. Bei dieser wird jede Handlung des Gurus als rein gedeutet, selbst wenn diese Handlungen einem anderen fühlenden Wesen schaden.

Jede religiöse Unterweisung, die übertrieben wird, ist eine Form des Fundamentalismus.

In einem kürzlich geführten Interview mit dem DBU-Organ „Buddhismus Aktuell“ wird Dzongsar Khyentse in Bezugnahme auf eines seiner Bücher mit dem Titel „Der Guru trinkt Schnaps?“ gefragt, was Lernende tun sollen, wenn der Guru nicht nur Schnaps trinke, sondern körperliche Gewalt gegen seine Schülerinnen und Schüler ausübe oder sie vergewaltige. Dzongsar Khyentse antwortete: „(…) Wenn Sie diesen Guru nicht geprüft haben und wenn Sie sich nicht entschieden haben, ihn vollständig als Ihren Guru anzunehmen, dann sollten Sie die Polizei rufen und sein Verhalten öffentlich machen. Wenn Sie aber nach intensiver Prüfung diesen Menschen vollständig als Ihren Guru angenommen haben, dann werden Sie sein Verhalten in diesem Augenblick, wenn er Schnaps trinkt (…) oder was auch immer tut, nicht als unangemessen ansehen. Denn in der Zwischenzeit hat sich Ihre Projektion, Ihre Wahrnehmung verändert.“ Das Problem hier ist, dass Schaden Schaden ist.

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Dzongsar Khyentse

Jede religiöse Unterweisung, die übertrieben wird, ist eine Form des Fundamentalismus. Eine Belehrung über Leerheit, die übertrieben wird, ist eine Form des Nihilismus und kann Schaden verursachen. Dzongsar Khyentse demonstriert mit seinen Ausführungen eine beträchtliche Gleichgültigkeit gegenüber der wachsenden Zahl von Schülern, die sich vom Dharma abgewandt haben: entweder weil sie selbst geschädigt wurden oder weil sie nicht länger an einer Kultur teilhaben können, die die Schädigung anderer zulässt. Dies tut er, obwohl im Buddhismus ausführlich dargelegt wird, dass keinem fühlenden Wesen Schaden zugefügt werden soll.

Ein Feuer brennt, und Dzongsar Khyentse ist damit beschäftigt, es weiter anzufachen, statt innezuhalten und auf die Gefahren hinzuweisen. Er behauptet, sein Held, Chogyam Trungpa, Gründer und bis zu seinem Tod Leiter der buddhistischen Gemeinschaft Shambhala, habe den westlichen Geist besser verstanden als jeder andere buddhistische Lehrer. Er ignoriert den Schaden, den Trungpa hinterlassen hat. Gleichzeitig setzt er viele gute und brauchbare Aspekte der westlichen Kultur herab. Er verspottet „liberales“ Denken und verunglimpft die abrahamitischen Religionen. Anstatt einen festeren Grund für das Gedeihen des Dharma im Westen zu finden, der auf den Stärken der westlichen Wertesysteme beruht, fördert er seinen Weg der „Bodenlosigkeit“. Dieser scheint aber die Schüler ihres traditionellen moralischen Kompasses zu berauben.

Als die Enthüllungen über Sogyal Lakhars Missbrauch bei Riga vor vier Jahren aufkamen, erlebte ich, wie viele langjährige Rigpa-Anhänger um eine Zukunft rangen. Als klar wurde, dass es dafür nur wenig Unterstützung von Lehrern innerhalb der Dzogchen-Linie geben würde, und als Dzongsar Khyentse erklärte, dass langjährige Vajrayana-Schüler, die sich von Sogyal Lakhars schädlichem Verhalten abwandten, zur Hölle verdammt seien, wurde ich Zeuge eines großen Exodus aus dem gesamten Buddhismus.
Es gab auch einen Exodus aus Shambhala wegen Trungpas sexuellen Missbrauchs. Und jetzt gibt es Schüler, die angesichts der Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Karmapa Orgyen Trinley Dorje mit ihrem spirituellen Weg ringen. Ich bin Teil einiger dieser Exilgemeinschaften und möchte Dzongsar Khyentse sagen, dass viele dieser Schüler zu kämpfen haben, wirklich zu kämpfen haben, wie jeder, der den langjährigen Glauben an seine Religion verloren hat. All diese ehemaligen Schüler würden jetzt nicht in dieser Form ringen, wenn die Dzogchen-/Kagyu-Gemeinschaft einfach ernsthaft anerkannt hätte, dass Schaden Schaden ist.

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Die jüngsten Kommentare und Veröffentlichungen von Dzongsar Khyentse sorgen dafür, dass dieses Problem größer wird. Das Vajrayana sieht in manchen Gemeinschaften wie eine Art Gefängnis aus. Vor einigen Jahren schrieben ich und über hundert andere ehemalige Rigpa-Anhänger einen Brief an etwa vierzig Lamas, in dem wir sie baten, eine Erklärung abzugeben, ob sie Sogyal Lakhars schädliche Handlungen dulden würden oder nicht. Diesem Brief fügten wir die umfangreichen Ergebnisse des Silken-Berichts bei, in dem Sogyal Lakhars Misshandlungen bestätigt wurden. Wir haben erhebliche Anstrengungen unternommen, um eine Übersetzung des Briefs der acht ehemaligen Rigpa-Anhänger ins Tibetische anzufertigen, in dem Sogyal Lakhars Misshandlungen offengelegt werden.

Wir wollten von der tibetisch-buddhistischen Gemeinschaft die Zusicherung, dass Schaden Schaden ist und nicht akzeptiert werden kann. Sie brauchten Sogyal Lakhar nicht namentlich zu erwähnen. Sie konnten sich taktvoll verhalten. Leider reagierten neben Mingyur Rinpoche und S. H. der Dalai Lama nur zwei Lamas mit klaren Stellungnahmen, in denen sie die Taten verurteilten und bereit waren, klare Grenzen für sicheres Verhalten innerhalb der tibetisch-buddhistischen Gemeinschaften zu ziehen.
Viele von uns sind nicht direkt geschädigt worden. Wir können es aber nicht tolerieren, Teil einer religiösen Gemeinschaft zu sein, in der Schaden geduldet wird. Ich erinnere mich, einmal einen Kommentar von einem der Verfasser des Briefes der acht ehemaligen Rigpa-Anhänger gelesen zu haben. Er erklärte, er könne die Schreie aus Sogyals Residenz einfach nicht länger ignorieren.

Die Androhung der Hölle für Schüler, die nicht zusehen wollen, wie anderen geschadet wird? Befreiung für Schüler, die Vergewaltigung tolerieren. Was ist hier los?
Dzongsar Khyentse postete auf seiner öffentlichen Facebook-Seite: „Wenn du dich mit der nicht-dualistischen Bodenlosigkeit des Buddhismus unwohl fühlst, kannst du genauso gut einer der abrahamitischen Religionen folgen. Das sind die Religionen, die einem klar begründeten, dualistischen Weg folgen und Dinge sagen wie ‚Iss kein Schweinefleisch, iss Fisch, und Frauen müssen Burkas tragen.‘ Wenn das Etikett ‚Religion‘ für deinen elitären, sogenannten fortschrittlichen Geist zu beschämend ist, könntest du es mit einer Art quasi-atheistischem Säkularismus versuchen, der mit moralischer Ethik überzogen und mit dogmatischer liberaler Selbstgerechtigkeit aufgeblasen ist. Oder du lässt dich blindlings von existenzialistischen Ängsten verschlingen und ärgerst dich dann über diejenigen, die sich an der Hoffnung berauschen.“

Abgesehen von der bedrückenden und beleidigenden Verleumdung anderer Religionen, die in dieser Aussage deutlich wird: Seit wann ist das Dharma jemals so beengend, wie Dzongsar Khyentse es beschreibt? Seit wann werden diejenigen, die nicht bereit sind für Belehrungen über Leerheit oder fortgeschrittene Vajrayana-Praxis, verunglimpft und zum Christentum oder Islam weggeschickt? Nicht nur, dass Vajrayana-Praktizierende sich ebenso an Regeln halten, die man als „klar begründeten dualistischen Weg“ bezeichnen könnte – es wird zum Beispiel verlangt, dass kein Knoblauch verzehrt wird, während der Praxis der Weißen Tara, keine Eier in anderen Situationen, oder Mönche und Nonnen müssen Roben auf eine bestimmte Art und Weise tragen und vieles mehr –, sondern es ist auch eines der großartigen Merkmale des Dharma, dass es für alle einen Platz zum Praktizieren gibt, egal, auf welcher Stufe sie stehen.

Beengende Aussagen wie diese von Dzongsar Khyentse fühlen sich wie ein Im-Stich-Lassen der Schüler an. Etwa, wenn er schreibt, dass kein Platz für dich im Buddhismus ist, wenn du deine „moralische Ethik“ nicht aufgeben kannst. Diese Aussage ist eine Reaktion auf die Enthüllungen der acht ehemaligen Rigpa-Anhänger im Jahr 2017 über ernsthaften Schaden und Missbrauch durch Sogyal Lakhar. Sie wurde auch im Zusammenhang mit Dzongsar Khyentses klarer Drohung getroffen, dass diese Buddhisten als fortgeschrittene Vajrayana-Schüler für die Hölle bestimmt seien.

Kurz nach der Veröffentlichung des Briefs der acht ehemaligen Rigpa-Anhänger passierte etwas Alarmierendes auf Dzongsar Khyentses Facebook-Seite. Als Reaktion auf die vielen Einwände gegen seine kategorischen Aussagen, in denen er ehemalige Rigpa-Schüler zur Hölle verdammt, postete er einen kurzen Videoclip von der Konferenz zwischen dem Dalai Lama und westlichen buddhistischen Lehrern aus dem Jahr 1993. In diesem Clip erklärt der Dalai Lama, dass es falsch sei, sich als Vajrayana-Schüler kritisch über seinen Lehrer zu äußern. Wir versuchten, Dzongsar Khyentse darauf hinzuweisen, dass der Dalai Lama in der Konferenz diese Position revidierte. Leider versäumte es Dzongsar Khyentse, seinen Fehler einzugestehen und seinen Facebook-Post zu korrigieren, um die vollständigere, nuanciertere Perspektive des Dalai Lama aufzuzeigen. Kurz: Dzongsar Khyentse hat nicht die volle Wahrheit gesagt.

Das Vajrayana sieht in manchen Gemeinschaften wie eine Art Gefängnis aus.

Wir erleben derzeit die Übertragung des Vajrayana in den Westen. Dzongsar Khyentses verletzt seine Sorgfaltspflicht als religiöser Lehrer, wenn er dabei eine „Verrückte Weisheit“ lehrt und die große Zahl von Schülern unbeachtet lässt, die verletzt wurden und sich abgewandt haben. Diese „Verrückte Weisheit“ des tibetischen Buddhismus, die von Lehrern wie Dzongsar Khyentse vertreten wird, ist beengend und basiert auf einigen wenigen Ausnahmefällen in der Geschichte des Vajrayana. Sie ist nicht die Hauptpraxis des Vajrayana!

Bevor jetzt jemand einwendet, aber Dzongsar Khyentse weise die Schüler doch an, ihren Vajrayana-Meister zu untersuchen, bevor sie sich ihm anvertrauen: Es ist für einen westlichen Schüler nicht möglich, irgendeinen Lehrer zu untersuchen, wenn die Urteilsfähigkeit des Schülers als „mit einer moralischen Ethik überzogen“ verunglimpft wird. Der Schüler begibt sich in eine Kultur, die sich zur Aufgabe gemacht hat, den eigenen moralischen Kompass zu erschüttern. Wie soll ein Schüler urteilen, wenn seine Wahrnehmung von Richtig und Falsch angezweifelt wird? Es wird Glauben gefordert. Dzongsar Khyentse trainiert seine Schüler, auf seine Provokationen mit Glauben zu reagieren. Wie sollen sie da urteilsfähig bleiben?


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 118: „Zufriedenheit"

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In meiner Anfangszeit bei Rigpa und anderen buddhistischen Zentren war ich persönlich aufgrund meines Glaubens, der einem christlich-fundamentalistischen Glauben ähnelte, nicht in der Lage, irgendetwas mit Klarheit zu erkennen. Die Dynamik religiöser Gemeinschaften mit kulturübergreifenden Elementen ist kompliziert. Sie beeinträchtigt ernsthaft die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung. Ich schlage, wie viele andere, deshalb vor, dass tibetisch-buddhistische Lehrer innehalten, um diese Dynamik besser zu verstehen. In der Zwischenzeit müssen verrückte Weisheitspraktiken aufhören!

In Anlehnung an den Artikel „Dzongsar Khyentse und sein Tanz mit dem Nihilismus“ von Joanne Clark.
Englisches Original: www.ursachewirkung.com/118-khyentse-en
Deutsche Übersetzung: www.ursachewirkung.com/118-khyentse-de

Bilder Dzongsar Khyentse © Picture Alliance
Bild Sogyal Lakhar © Wiki Commons
Header © unsplash

Kommentare  
# Frank Wolff 2021-12-28 13:44
Diese verschwurbelte Haltung ist nicht neu! Zum Glück gibt es buddhistische Lehrer mit klarem ethischen Fundament. Und der Markt ist frei!
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