Diskurs

Zeitgenössische Konstruktionen von Geschlecht – Resonanzen der Moderne.

In den letzten Jahren sind Gender und Sexualität wieder vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Das ist einerseits den Aktivist*innen zu verdanken, die sich für die Erweiterung sexueller und reproduktiver Rechte für LBSTQIA+ und Frauen allgemein einsetzen und geht andererseits auf die sogenannten Anti-Genderisten zurück, die eben-diese Rechte zurückdrängen möchten. Doch ist das intensive Gespräch über Sexualität und Geschlechtergerechtigkeit nicht neu. Es wurde vor fast 300 Jahren begonnen und flammt seitdem immer wieder auf.

Denn normative Geschlechterkonstruktionen sind in die Moderne als Epoche eingeschrieben. Sie beinhalten beispielsweise Normen des vermeintlich richtigen sexuellen Verhaltens, aber auch Normen der Reproduktion wie etwa das Stillen von Kindern. Diese Normen greifen in das gesamte Leben ein. Sie umfassen eine Vielfalt von Aspekten, die bevölkerungspolitischer, ökonomischer, politischer, sozialer, kultureller, religiöser oder individueller Natur sein können. Zusammen bilden diese Aspekte die Gegebenheiten, in denen wir uns zurechtfinden müssen. Sie stellen aber auch einen Diskurs dar, in welchem sich verschiedene Ansichten begegnen. Dabei wird immer wieder neu verhandelt, was als Norm zu gelten habe. Einige der Aktivist*innen streben danach, bestehende Normen zu erhalten, andere suchen die Veränderungen.

Den Geschlechtern wurden aufgrund ihres Körpers, ihrer „Natur“, charakterliche Eigenschaften zugeschrieben.

Doch, halt! Noch einmal einen Schritt zurück! Wie sind diese Geschlechterkonstruktionen und die damit verbundenen normativen Vorstellungen überhaupt entstanden, deren Gespenster bis heute wirken? Bis ins 18. Jahrhundert hinein war in Europa die Säftelehre Galens die dominante medizinische Theorie. In ihr wurde davon ausgegangen, dass es eigentlich nur ein Geschlecht, nämlich das männliche gibt. So wurde zwar zwischen Männern und Frauen unterschieden, Frauen galten aber als das weniger entwickelte Geschlecht. Sie waren feucht und kalt, weshalb ihre Genitalien nach innen gekehrt waren. Männer hingegen waren warm und trocken. Sollte eine Frau ebenfalls warm und trocken werden, könnte sie sich durchaus zu einem Mann entwickeln. Ihre Genitalien würden dann nach außen gestülpt, so die Annahme. Diese Sichtweise, in der bereits eine deutliche Hierarchie zwischen Männern und Frauen bestand, änderte sich im Zuge der Industrialisierung und Entwicklung von Nationalstaaten. Während die alte Ordnung kosmologisch oder göttlich begründet wurde, wollte man nun eine Gesellschaft auf der Basis der Natur entwickeln – oder zumindest auf der Basis dessen, was man zur Natur erklärte oder wie man die Natur interpretierte.

Zeitgenössische Konstruktionen von Geschlecht

Ein sehr eindrückliches Beispiel ist die Debatte um das Stillen von Kindern. Es war im 18. Jahrhundert nicht üblich, dass Frauen ihre eigenen Kinder stillten. Carl von Linné war ein Verfechter des Stillens. So leitete er aus seiner Beobachtung von Tieren ab, dass alle Mütter ihre Kinder stillen und nicht zum Stillen weggeben sollten. Er prägte daher den Begriff „mammalia“ (Säugetier) als Gattungsname für Tiere und Menschen. Unter anderem dadurch waren Frauen der Natur plötzlich näher gerückt, während Männer als „homo sapiens“ über ebendiese Natur nachdenken konnten. Gleichzeitig gab es eine hohe Kindersterblichkeit, und im Zuge der Entwicklung von Nationalstaaten wurden Kinder zur bevölkerungspolitischen Ressource, die es zu erhalten galt. Schließlich wurde die Kindheit als Phase der Entwicklung eines Menschen entdeckt. Gleichzeitig entstand im Zuge der Industrialisierung eine neue Arbeitsteilung, welche im Bürgertum zu der bekannten Trennung zwischen hausarbeitender Frau und erwerbstätigem Mann führte, die zum Vorbild für alle sozialen Schichten wurde.

Zeitgenössische Konstruktionen von Geschlecht

Neu an diesen Entwicklungen in Bezug auf das Geschlecht war insbesondere eins: Den Geschlechtern wurden aufgrund ihres Körpers, ihrer „Natur“, charakterliche Eigenschaften zugeschrieben. So wurde beispielsweise die Mutterliebe entdeckt, und Frauen wurden qua Natur als emotional deklariert, während insbesondere bürgerliche und weiße Männer ganz rational über all dies nachdenken durften. Dementsprechend mussten sich Frauen ihr Wahlrecht und den Zugang zu höherer Bildung erst erkämpfen. Denn auch das sogenannte allgemeine Wahlrecht beinhaltete lediglich das Wahlrecht aller Männer.

Aber warum sind diese Abhandlungen und Entwicklungen Teil eines Diskurses über das Sexuelle? Sexualität besteht nicht für sich. Sie ist eben nicht einfach „natürlich“, sondern eingebettet in kulturelle, soziale und politische Entwicklungen. Dieser Lebensstil stellte eine Norm dar, die mit einer vermeintlich natürlichen und damit auch gesunden Sexualität assoziiert wurde. In ihr sind die Männer aktiv und die Frauen passiv, wodurch sie sich ideal komplementär ergänzen würden. Diese Norm wurde vorausgesetzt, und für sie wurde im 19. Jahrhundert der Begriff „Heterosexualität“ geprägt. Die Devianzen, wie etwa Homosexualität, Hysterie oder die vermeintliche Hypersexualität Schwarzer Menschen, wurden Gegenstand von Untersuchungen.

Sexualität ist eben nicht einfach „natürlich“, sondern eingebettet in kulturelle, soziale und politische Entwicklungen.

Zu diesen Diskursen haben immer auch Gegendiskurse bestanden. Olympe de Gouges ist nur ein Beispiel einer Frau, die das Wahlrecht für Frauen im Anschluss an die Französische Revolution beanspruchte und dafür geköpft wurde. Aus verschiedenen Richtungen wurden diese Geschlechterkonstruktionen hinterfragt. Mit ihnen grenzte sich in erster Linie das aufsteigende europäische Bürgertum ab und prägten sich jeweils nationalstaatliche Eigenheiten aus. Sie dienten nicht nur zur Aufrechterhaltung eines geordneten sexuellen Verhaltens, sondern auch zur Legitimierung von Ausbeutungsverhältnissen, dem Kolonialismus und in Bezug auf das Proletariat. Geschlechterkonstruktionen und Sexualität sind Mechanismen gesellschaftlicher Ordnungen. Sie gehen weit über das individuelle sexuelle Erleben oder die individuelle sexuelle Orientierung Einzelner hinaus. Zudem zeigt sich, dass eine heterosexuelle Normativität beziehungsweise die Erkämpfung sexueller Rechte niemals isoliert betrachtet werden kann. Sie müssen immer im Zusammenhang mit anderen Ungleichheitsstrukturen und sogar unserem Verhältnis zur Natur gesehen werden.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung Special №. 1: „Buddhismus unter dem Regenbogen"

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Dass uns diese Ordnungen nach wie vor wie Gespenster verfolgen, hat damit zu tun, dass gesellschaftliche Regulierungen und kulturelle Repräsentationen Prozesse der Identifizierung und damit auch Subjektivierung hervorrufen. Diese treiben dann wiederum die gesellschaftliche Regulierung und ihre Repräsentation in Kunst und Kultur voran. Dieser Vorgang ist nicht statisch. Die Gesellschaften haben sich seit dem 19. Jahrhundert stark verändert, und zumindest in Westeuropa kann von einer nie erreichten Freiheit in Bezug auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt von Lebensweisen gesprochen werden. Dennoch sind längst nicht alle gesellschaftlichen Regulierungen dem Pluralismus angemessen. Noch immer besteht eine Vielfalt an Benachteiligungen für marginalisierte Gruppen. Zudem sind die mit den Geschlechterkonstruktionen verbundenen Bilder, Vorstellungen, Identifikationen und Definitionen über die Sprache und verschiedene kulturelle Artefakte nach wie vor zutiefst im kulturellen Gedächtnis verankert. Sie werden in jedweder Interaktion wieder reproduziert, sei es ein alltägliches Gespräch oder eine Debatte im Bundestag, die zur Verabschiedung neuer Gesetze führt. Diese aufzudecken, zu wandeln und aufzulösen erscheint mir als eine der großen Aufgaben unserer Zeit.

Univ.-Prof. Dr. Sabine Grenz ist Professorin für Gender Studies an der Universität Wien und Privatdozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie befasst sich u. a. mit feministischer Wissens- und Wissenschaftsforschung und forscht aus einer geschlechtertheoretischen Perspektive zur postsäkularen Gesellschaft.


Illustration © Francesco Ciccolella
Bilder Header © Austrian National Library - unsplash

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