Diskurs

Joe Schraube im Gespräch mit dem Herausgeber der Ursache\Wirkung, Hendrik Hortz.

Joe Schraube studierte Philosophie und Politikwissenschaft. Er ist unter anderem Mitinitiator der Psychedelic Society Germany sowie Gründer und Organisator der Entheo-Science. Die Entheo-Science ist ein Kongress, der sich alle zwei Jahre mit spirituellen Erfahrungen unter Verwendung psychodelischer Substanzen befasst. Joe Schraube arbeitet heute als Tischler und hilft unter anderem in der Krisenintervention auf Festivals, wenn Menschen dort Probleme mit Drogen bekommen.

Hortz: Lieber Joe, wir sind uns Anfang des Jahres in Berlin begegnet, und es entstand sehr schnell die Idee, einmal gemeinsam über die Verwendung von Psychedelika im Buddhismus zu sprechen. Wie bist du eigentlich zu diesem Thema gekommen?

Schraube: Ich war Anfang der 1990er-Jahre in Berlin als Student in der linken Szene unterwegs. Rückblickend würde ich mich damals als einen hardcore- naturwissenschaftlichen Materialisten bezeichnen. Dann begegnete ich Rudolf Bahro. Als Mitglied der Grünen kritisierte er – für mich überzeugend – die Politik der Grünen als zu oberflächlich. Die Umweltkrise war seiner Meinung nach eine Innenkrise, eine spirituelle Krise des Menschen. Aus meinem politischen Engagement wurde dann mehr und mehr eine Beschäftigung mit Spiritualität. Ich begann zu meditieren und habe mich mit spirituellen Texten beschäftigt. Mir wurde klar, ich mache das hier irgendwie für die „Erleuchtung“ und hab mich dann schon gefragt: „Gibts die denn überhaupt?“ Darüber habe ich mit sehr vielen Menschen gesprochen, die schon seit zwanzig oder dreißig Jahren meditiert haben. Und da entstand dann die Idee, dass Psychedelika so eine Art kurzzeitigen Ausblick auf das gewähren können, wo man vielleicht nach einer langen Zeit der Übung einmal ankommen wird. Und genau diese Vorschau ist mir in meiner ersten drogeninduzierten Reise dann gewährt worden.

Du hast also so eine Art Abkürzung genommen?

Die Idee der Abkürzung ist eines der häufigsten Missverständnisse. Es begegnet mir immer wieder die Vorstellung, dass man Erwachen dadurch haben könnte. Bekommt man aber nicht. Man landet ja wieder auf demselben Kissen und in demselben Ego wie vorher. Was man allerdings bekommt, ist eine Orientierung. Man bekommt eine Ahnung, wo die Reise hingehen könnte. Ich kann heute besser einschätzen, ob Menschen, die von Erwachen sprechen, von einer eigenen Erfahrung berichten, oder ob sie nur irgendwie zu viele Filme geguckt haben.

Über welche psychoaktiven Substanzen sprechen wir denn da genau? Meine persönlichen Drogenerfahrungen beschränken sich lediglich auf Marihuana und Rotwein.

Das wären im Wesentlichen LSD, bestimmte Pilze, San Pedro, MDMA, 2C-B und Ayahuasca – oder kurz DMT. Das sind so die psychedelischen Klassiker, wenn ich jetzt keinen vergessen habe. Es gibt eigentlich so vier bis sechs Substanzen, die die psychedelische Szene als die interessantesten befunden hat.

Es braucht doch gewiss ein ganz bestimmtes Setting, wenn man sich auf eine solche drogeninduzierte innere Reise begibt. Sich einfach nur an den Küchentisch setzen, etwas einwerfen und auf eine Erfahrung hoffen, die dich einer Nichtdualität näherbringt, ist doch sicherlich nicht der richtige Weg, oder?

Genau, der Rahmen ist das Spannendste und Wichtigste. Daran müssen wir aber noch arbeiten. Die Settings, die ich mir so vorstelle, entsprechen ziemlich genau einem buddhistischen Retreat, das vielleicht so vier Tage läuft, sehr strukturiert ist und eine klare Ausrichtung hat, in dem, was man übt. Normalerweise würde man da Zen üben oder hätte irgendeine andere Praxis. Und in diesem Fall wäre die Übung dann eben das intensive Erleben von Gefühlen und Einsichten, still zu halten und nicht ins Ausagieren zu gehen.

Das heißt, im buddhistischen Bereich gibt es das noch gar nicht?

Nicht wirklich. Die meisten Menschen, die heute mit Psychedelika umgehen, sind eben nicht Buddhisten oder spirituelle Einheitssucher. Es sind Menschen, die entdeckt haben, dass Psychedelika nicht süchtig machen, in der Regel ganz gut verträglich sind, und dass Alkohol eher ein Problem darstellt. Die hören einfach Musik und gehen feiern. Daher ist das Design vieler Settings gewissermaßen meist hedonistisch angelegt. Was es aber gibt, ist so ein psychospiritueller Underground. Das sind Leute, die Psychedelika zur Persönlichkeitsentwicklung nutzen und nicht unter hedonistischen Vorzeichen. Da sind verschiedene Traditionen und Schulen gewachsen. Meistens ist das ein Drei-Tages-Setting mit Gruppen so um die fünfzehn bis 25. Man kommt Freitagabends an und hat ein erstes Sharing, um zu wissen, wo man gerade steht und wie es einem geht. Der nächste Tag ist meist recht still. Je nach Substanz ist die Reise sehr lang, oder man nimmt sich nach der Reise noch ein bisschen Zeit für Meditation oder Interaktion therapeutischer Art.

Joe Schraube

Foto © herzsprung-fotos.de

Was heißt das, „die Reise ist sehr lang“?

Eine Kombination, die gerne genommen wird, ist MDMA und LSD. Wenn man diese beiden Stufen sozusagen fährt, dann sind das schon mal zwölf bis dreizehn Stunden. Und wenn die Erfahrung sehr intensiv ist und sehr lichtvoll – das habe ich oft erlebt –, ist Schlaf einfach nicht möglich. Man kann liegen, aber nicht schlafen. Nach so einem Erlebnis ist der Erfahrungsaustausch sehr wichtig. Es liegt sehr an den Leitern, wie therapeutisch oder spirituell das wird. Man muss da auch noch einmal genauer unterscheiden zwischen Therapie mit Substanzen und Buddhismus mit Substanzen. Das eine geht in Richtung Selbstoptimierung. Buddhismus verschiebt den Fokus mehr auf die Quelle oder die Einheit oder die Stille, die hinter allem liegt.

Was genau passiert bei so einer Reise im Inneren?

Du kennst das ja, wenn man meditiert, dann ist man Beobachter. Man beobachtet das Denken, den Körper, den Atem, die Verspannung. Und dann ist eine interessante Frage: Was ändert sich eigentlich, wenn man dabei Psychedelika nutzt? Psychedelika sind unspezifische Verstärker. Alles wird lauter. Die Unruhe in dir wird lauter, die Gedanken, was ich morgen in der Arbeit machen muss, werden lauter. Auch das sonst Unbewusste wird lauter. Die Gefühle in meinem Herzen werden lauter, aber auch die Entspannung. Es gibt eine merkwürdige Anhebung von allem. Nach dieser Anhebung aller Signale ist es letztlich eine Entscheidung, welchen Signalen ich mich zuwende. Fange ich an, in diese beschleunigten Gedanken reinzugehen oder in die Körperwahrnehmung? Oder gehe ich nach innen, indem ich mir die Dinge angucke, die ich bisher in den Raum getan habe, wo „Unbewusstes“ dransteht. Denn auch die werden lauter und deutlicher und sind dann plötzlich zugänglich. 

Dann ist es durchaus hilfreich, wenn man vorher bereits buddhistische Praxis kennt und auch eine gewisse Routine hat. Angucken der Emotionen, das Loslassen möglicherweise auch und das Fixieren eines Ruhepols: Ich kenne das aus Krisensituationen. Da habe ich mir manchmal gedacht, wenn ich das jetzt nicht schon ein paar Jahre geübt hätte, könnte ich das in der krisenhaften Situation nicht so routiniert anwenden. Ich hätte das Handwerkszeug nicht, sozusagen.

Ja, richtig. Man kann vielleicht pointiert sagen, die, die von solchen Erfahrungen am meisten profitieren würden, weil sie Routine in der Technik haben, machen sie nicht, weil sie Vorbehalte gegen Psychedelika haben.

Und wie können psychoaktive Substanzen für eine spirituelle Entwicklung dann tatsächlich hilfreich sein?

Der Dalai Lama wurde einmal gefragt, was er denn von der Benutzung von psychedelischen Drogen wie LSD hält. Da lacht er und sagt: „Ich hab keine Erfahrung, aber alles, was ich von Leuten gehört habe, die es genommen haben, war, dass es eigentlich nur die Illusionen verstärkt. Da wir aber schon genug Illusion haben, verstehe ich nicht ganz, wozu man noch mehr davon braucht.“ Das ist mal ein Statement und eine Perspektive, nach der Psychedelika mit Spiritualität gar nichts zu tun haben. Von meinen buddhistischen Freunden höre ich häufig, das hätte nichts mit Spiritualität zu tun. Man würde Verwirrung nur vertiefen und ähnliche Dinge. Aber das sagen Leute, die es nicht kennen. Also können sie es eigentlich auch nicht beurteilen.

Wie ist deine Sicht?

Aus meiner Sicht sind es drei Aspekte, die für die spirituelle Entwicklung hilfreich sind: Das eine ist der Leuchtturmeffekt, den ich schon beschrieben habe. Man schaut einmal aus der Illusion raus und hat dann einen klaren inneren Kompass. Der nächste Aspekt ist therapeutisch. Es geht darum, Dinge loszulassen, die im Unbewussten sind. Zunächst müssen die Dinge ja hochgeholt werden, bevor man mit ihnen arbeiten kann. Aber normalerweise kommt man da nicht oder nur schwer ran. Ich würde das fast wie eine Reinigung beschreiben. Den letzten Aspekt, den nenne ich „Ferien vom Ich“. Ich hatte eine Leuchtturmerfahrung am Anfang und habe mich dann intensiv mit meinem Unbewussten befasst: Kindheit, Traumata, Liegengelassenes. Ich genieße es jetzt ab und zu mal, in einem komplett Ich-losen, komplett im Frieden-Zustand zu sein. Das ist auch eine Übung des Loslassens im Gegensatz zu so einer Art westlicher Arbeitsethik. 

Das hört sich ja erst einmal durchwegs positiv an. Aber alles hat doch immer zwei Seiten. Wo siehst du denn Gefahren bei der Verwendung psychoaktiver Substanzen?

Die Gefahren liegen nicht dort, wo die Leute glauben. Da gibt es Ängste wegen Sucht oder auch, dass die Qualität der Substanz nicht stimmen könnte. Das habe ich in der Szene aber noch nie erlebt. Die Gefahren liegen eher im Psychischen, dass man auf traumatischem Material sitzt. Man wollte vielleicht einfach nur mal aus Neugier ein paar bunte Bilder gucken und wird möglicherweise mit den eigenen verdrängten Traumata konfrontiert. Wenn man dann nicht eine gute Unterstützung an seiner Seite hat, kann das sogar sehr kontraproduktiv sein.

Kommen wir zur lieben Moral. Die buddhistischen Tugendregeln sind sehr klar: Die fünfte Sila sagt: „Ich nehme mich der Übungsregel des Abstehens von der Annahme berauschender Mittel, die zur Gewissenlosigkeit führen, an.“ Schließt diese Sila nicht die Verwendung von psychoaktiven Substanzen aus?

Das ist ein wichtiger Punkt. Schauen wir doch mal, was dort wirklich steht und in welchem Zusammenhang „berauschende Mittel, die zur Gewissenlosigkeit führen“ stehen. Es geht also um die negativen Folgen des Konsums von berauschenden Mitteln. An anderer Stelle, im Digha Nikāya 31, ist das noch einmal umfassender ausgeführt. Da ist von „berauschenden und berückenden Getränken“ und „betäubenden und betörenden Mittel[n]“ die Rede. Die Folge des Konsums wird so beschrieben: „Merkliche Geldeinbuße, zunehmende Zänkerei, kränkliches Befinden, in üblen Ruf kommen, Scham und Heimlichkeit preisgeben und an Weisheit lahm werden.“ Also für mich ist völlig klar, welche „Mittel“ hier gemeint sind: Opium, Alkohol und alle abhängig machenden Stoffe, die die Wahrnehmungsfähigkeit herabsenken. Das kann ich bei Psychedelika, die unter kontrollierten Bedingungen zur Unterstützung einer spirituellen Entwicklung verwendet werden, nicht sehen, weshalb Psychedelika in der fünften buddhistischen Tugendregel wohl nicht gemeint sein können.

Das ist ein tadelloses Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch und deine Offenheit, Joe!

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