Diskurs

Mit den „Vier Edlen Wahrheiten“ des Zen-Meisters Gudo Nishijima Leid überwinden – eine philosophische Betrachtung.

Sind Sie, lieber Leser, eigentlich frei in Ihren Entscheidungen? Oder sind Sie durch Beweggründe ebenso motiviert wie eingeschränkt? Können Sie wollen, was Sie wollen, oder lag der Philosoph Arthur Schopenhauer richtig, als er schrieb: „Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will“? Und besteht die Wirklichkeit aus Geist, und ist die Materie so etwas wie dessen geronnene Form, oder ist Geist das Ergebnis von Materie? Philosophen, und vor allem die der westlichen Welt, sind sich seit Jahrhunderten über solche Fragen vor allem eines: uneins.

Ob der Mensch im Geiste und im Handeln frei oder gebunden ist und ob die Welt nun aus Geist oder Materie besteht, darüber streiten die hochdekorierten Gelehrten bis heute. David Chalmers beispielsweise, Rockmusiker und Philosoph, steht auf der Seite des Geistes, sein Kontrahent, der Philosoph und Physiker Daniel Dennett, ist Naturalist und Materialist. Könnte es sein, dass die Auflösung und Synthese dieser Positionen aus dem Osten zu uns kommen, da sie bereits im fünften Jahrhundert v. u. Z. von Siddhartha Gautama, dem historischen Buddha, entwickelt wurden? Wenn wir dem Zen-Lehrer Gudo W. Nishijima folgen, dann ist die Antwort: Ja. Sie findet sich in den sogenannten „Vier Edlen Wahrheiten“.

Gudo W. Nishijima, der unter anderem Lehrer des populären Zen-Meisters Brad Warner war, konnte mit der traditionell buddhistischen Auslegung von Leiden und Begehren wenig anfangen. Wie er in seiner Essay-Sammlung „Begegnung mit dem wahren Drachen – Leben und Zen“ schreibt, besteht das Leben nicht nur aus Leiden, es ist auch nicht dem Leiden unterworfen, sondern bietet viele schöne, befriedigende Momente. Außerdem ist, so Nishijima, Begehren essenziell für unser Leben und davon unmöglich zu trennen, und der weise Gautama hätte nie etwas Unmögliches verlangt. Deshalb definiert er die „Vier Edlen Wahrheiten“ auf diese Art und Weise.

Freiheit

Erstens: Es gibt die Wahrheit vom Leiden. Zweitens: Es gibt aber auch die Wahrheit der Leidensentstehung. Drittens: Es gibt die Wahrheit der Leidenserlösung. Und viertens: Es existiert auch die Wahrheit des achtfachen Pfades, die zur Leidenserlösung führen. Laut Nishijima entsprechen die „Vier Edlen Wahrheiten“ vier grundlegenden Lebensphilosophien, die Idealismus, Materialismus, Handeln und Wirklichkeit sind.

Diese vier Lebensphilosophien findet Nishijima im umfangreichen Werk des ersten japanischen Patriarchen des Soto-Zen, Dogen Zenji, und sieht sie als Schlüssel, um das doch recht kryptische Werk des Zen-Abtes aus dem 13. Jahrhundert zugänglich zu machen.

Was Idealismus ist? Diese Lebensphilosophie entspricht dem Planen von Lebensentwürfen. Wir hegen, besonders in jungen Jahren, Ideale, nach denen wir uns ausrichten. Wir halten unseren Geist für frei, offen und unabhängig. Wir denken uns Ziele aus und überlegen, wie wir sie verwirklichen können. Wir wollen die Welt am liebsten so sehen, wie sie, unserer Vorstellung entsprechend, sein sollte. Mit der idealistischen Geisteshaltung lesen wir vielleicht Kant oder nehmen an, dass der Geist die Welt durchgehend erschafft.

Doch mit dieser Extremposition stoßen wir bald hart und leidend an eine Grenze, nämlich an die der Welt, wie sie, zumindest vermeintlich, wirklich ist: Wir erkennen, dass wir in vielen, wenn nicht womöglich in allen Bereichen determiniert sind. Wir Menschen sind abhängig von unserer Biologie, von Erziehung und unseren Genen, die allesamt das Denken beeinflussen. Sogar unsere Haltung beim Sitzen – ob gerade, entspannt oder krumm – hat Einfluss auf unser Denken. Die Dinge der Welt beugen sich nicht unseren Idealen, sondern sie selbst haben die Kraft, Träume, Vorstellungen und Ideale zu beugen. Womöglich verfolgen wir jetzt das Konzept, dass die Materie das einzig Wahre sei, und wir neigen zu einer materialistischen, physikalistischen Weltanschauung.

Selbstverständlich sind beide Lebensphilosophien, der Idealismus und der Materialismus, zu würdigen und haben eine wichtige Stellung in unserem Leben: Wir benötigen Ideale, um zu leben und geistig zu wachsen. Dies tun wir jedoch nicht frei schwebend, sondern wir müssen uns dabei auf unsere Erdhaftigkeit besinnen, um nicht abzuheben. So betonen die verschiedenen buddhistischen Traditionen beispielsweise die Wichtigkeit der Ausrichtung auf Ideale, wie sie als Sittenregeln oder Paramitas zu finden sind, gleichzeitig jedoch wird auf die Vergänglichkeit allen Seins verwiesen oder auf Ursache und Wirkung.

Wie bekommen wir nun die beiden extrem verschiedenen Lebensphilosophien unter einen Hut? Nishijima lehrt, dass die Synthese von Idealismus und Materialismus durch den Realismus geschieht, das heißt: durch eine Philosophie des Handelns. Diese Philosophie hebt Idealismus und Materialismus im doppelten Wortsinn auf: Beide Lebensphilosophien werden aufgehoben im Sinne einer Auflösung, und zugleich werden sie aufgehoben im Sinne einer guten Aufbewahrung. Das klingt schwieriger, als es tatsächlich ist.

Um zu handeln, benötigen wir einen Raum, in dem Handlung stattfindet, und eine Zeit der Handlung. Das Konzept des Handelns geht also von einem Handeln an einem Ort in der Zeit aus. Den einzigen Ort, den wir konkret zum Handeln haben, ist das Hier, die Zeit ist immer das Jetzt. Niemand kann in der Vergangenheit oder der Zukunft oder an einem anderen Ort als an dem, wo er genau jetzt ist, handeln. Durch das Handeln im Hier und Jetzt lassen sich Idealismus und Materialismus zu einer Synthese vereinigen. Im Hier und Jetzt sind wir sowohl frei als auch determiniert, weil im Augenblick Ursache und Wirkung an einem Punkt zusammenfallen. Jeder Augenblick ist durch seinen vorangegangenen Augenblick bedingt, aber in sich frei. Außerdem übersteigt das Handeln jede Philosophie. Im konkreten Tun stellt sich nicht mehr die abstrakte Frage nach Idealen oder materiellen Ursachen. Diese Fragen stellen sich als Theorie vor einer Handlung oder als Reflexion danach dar – zum Beispiel in der Form: „Warum habe ich so gehandelt?“ oder „Wie soll ich handeln?“

Die Lebensphilosophie des Handelns hat jedoch einen großen Haken: Wie auch die beiden anderen Lebensphilosophien, Idealismus und Materialismus, ist sie eine Theorie, also ein Gedankenkonstrukt. Dieses führt zum vierten und letzten Schritt der „Vier Edlen Wahrheiten“: Der Wirklichkeit.

Was bedeutet Wirklichkeit? Gudo Nishijima sagt, dass es nicht darauf ankommt, nur eine weitere Philosophie in Form einer Theorie des Handelns zu erdenken, sondern sie wirklich werden zu lassen, sie zu leben. Die einfachste Form des Handelns ist für ihn Zazen. Im „Nur-Sitzen“, im Shikantaza, sind wir direkt im Hier und Jetzt im Gleichgewicht. Durch das Zazen übersteigen wir Idealismus, Materialismus und die Theorie des Handelns, da wir in einem Zustand sitzen, der vom Denken verschieden ist, wie es Nishijima Roshi in seiner Übersetzung des Fukanzazengi, der „Universellen Aufforderung zum Zazen“ von Dogen formuliert. Die (Er-)Lösung von den Fragen nach Freiheit, Determinismus, Idealen und schnöder Materie findet also für jeden einzelnen Menschen friedlich auf dem Meditationskissen statt – und nicht in den dickleibigen Folianten von Philosophieprofessoren oder den Streitgesprächen bei hochtrabenden Podiumsdiskussionen. Zazen ist die Philosophie des Handelns.

Andreas Kneib ist Gesellschafter der Lebensbegleitung Nord, die sich im Norden Deutschlands um die pflegerische und pädagogische Begleitung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen kümmert.
Tipp zur Vertiefung:
Gudo Wafu Nishijima: „Aus meinem Leben – Wirklichkeit und Buddhismus“, DONA-Verlag
 
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