Diskurs

Lebensmuster erkennen und sie verändern – was Psychotherapie und Buddhismus verbindet.

Herr K. ist ein Aktivist, wie es sich viele Organisationen wünschen. Er ist engagiert und hilfsbereit. Er studiert Medizin und möchte einmal Arzt werden. Er ist in die Psychotherapie wegen Prüfungsangst gekommen. Doch bald stellte sich heraus, dass es gar nicht so sehr um die Prüfungsangst ging, sondern um viele andere Themen.

Er war der Älteste von vier Geschwistern. Seine Eltern ließen sich früh scheiden. Die Mutter ging arbeiten. Herr K. musste sich um die Geschwister kümmern. Dieses Muster setzte sich später fort. In der Schule wurde er zum Klassensprecher gewählt. Er half Mitschülern, denen das Lernen schwerfiel. Auch in der Therapie war er ein Musterklient. Er kam überpünktlich und war stets sehr bemüht. Als ihn der Therapeut einmal fragte, was er neben der Tätigkeit für verschiedene Organisationen und dem Studium gerne macht, fiel ihm wenig ein.

Buddhismus


Im Laufe der Therapie konnte er seine Lebensmuster erkennen und bearbeiten. Er suchte lange Zeit die Bestätigung von anderen Menschen, um sich gut zu fühlen. Doch je intensiver er suchte, umso mehr war er ausgelaugt. Er glaubte, er sei nur wertvoll, wenn er sich für andere einsetzt. Der Therapeut arbeitete an seiner Stärkung des Selbstwertgefühls. Herr K. lernte zunehmend, auch auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und sich selbst zu lieben. Er begann, sich von einem inneren Glaubenssatz zu lösen, wonach er etwas leisten müsse, um geliebt zu werden. Herr K. achtete mehr auf sich und auf seine Grenzen. Wenn ihm etwas zu viel wurde, konnte er immer öfters „Nein“ sagen.

Im Laufe der Zeit änderte sich einiges. Herr K. fand neue Hobbys: Er sang in einem Chor, besuchte Kochkurse und entdeckte die Fotografie. Dazu kaufte er sich eine Kamera und machte wunderschöne Naturaufnahmen. Dieser Ausgleich half ihm beim Studium. Seine Prüfungsängste wurden weniger. Während der Corona-Krise meldete er sich als Freiwilliger. Als er einmal gebeten wurde, für andere einzuspringen und mehrere Dienste zu übernehmen, sagte er zu – allerdings unter der Bedingung, dass er danach ein paar Tage länger frei bekäme, um sich entspannen zu können.

Gerade für Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen, ist es wichtig, nicht die eigene innere Balance zu vergessen. Dabei gibt es kein Patentrezept. Jeder hat andere Wege, um seine inneren Energiereserven aufzufüllen. Hinzu kommt, dass manche mehr aushalten und andere weniger. Auch das ist gut so. Der Buddhismus bietet ebenfalls Anregungen, wie wir unser inneres Gleichgewicht finden können. So schrieb der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh, dass jeder Mensch sorgsam mit sich selbst umgehen und auf seine Grenzen achten soll. Wer sich für andere und die Umwelt einsetzt und viel mit Leid zu tun hat, müsse, so Thich Nhat Hanh, auch „mit Elementen in Berührung kommen, die nicht immer nur Leid ausdrücken: mit dem Himmel, mit Vögeln und Blumen, mit Kindern – was immer erfrischend, heilsam und stärkend in uns und um uns herum ist“.

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