Diskurs

Das menschliche Ego ist ein Konstrukt aus Gedanken und Gefühlen. Beides muss gut gepflegt werden – Buddha hilft dabei.

Selbstlosigkeit ist ein verflixtes Konzept. An der Oberfläche glänzt es zwar, unter Umständen aber richtet es mehr Schaden an als Nutzen. Mutter Teresas Lebenswerk ist dafür ein Beispiel unter vielen. Sie wurde weltweit als Heilige verehrt, litt währenddessen aber entsetzlich, weil sie sich als Heuchlerin empfand und den Bezug zu Jesus Christus, ihrer spirituellen Quelle, verloren hatte. Ihre Tagebücher bezeugen das. Zehn Jahre nach ihrem Tod wurden sie veröffentlicht und führten zu einem weltweiten Aufschrei unter den Anhängern dieser Ikone für selbstlose Hingabe. War sie selbstlos zu ihrem eigenen Schaden und dem von Tausenden anderer, die aufgrund ihrer Engherzigkeit zum Katholizismus konvertieren mussten, um im damaligen Kalkutta nicht zu verhungern? 

Selbstlosigkeit ist auch eine mögliche Übersetzung des Pali-Wortes Anatta – einem, wenn nicht dem Kerngedanken von Buddhas Lehre. Buddha unterschied seine Lehre von dem damals in Indien vorherrschenden Brahmanismus, der das Selbst (Sanskrit atman; Pali atta) zum Kern hatte. Die Entdeckung des tiefsten inneren Selbst sollte zur Identifikation mit Brahman führen, dem Ganzen, personal verstanden als Gott.

Selbst und Selbstlosigkeit
Also, was nun: Soll man das Selbst ganz loswerden, um darin Buddha zu folgen, oder soll man ganz zum Selbst werden und so den Heiligen des Brahmanismus folgen, der sich im Lauf der Zeit zum heutigen Hinduismus entwickelt hat? Kein Wunder, wenn da so mancher spirituell Suchende Orientierungsschwierigkeiten hat. Und nun wird nach dem ganzen Lamento über das begrenzende Ego auch noch allerorten die Selbstfürsorge empfohlen: Wenn du dich selbst nicht liebst, wie kannst du dann andere lieben? Wenn du dich selbst nicht gut versorgst, wie kannst du dann anderen helfen?

Ich möchte hierzu einige Empfehlungen geben, die auf – ja, nennen wir es mal so: Selbsterfahrung basieren. Auf der Beheimatung im eigenen Körper, in den eigenen Gedanken und Gefühlen und sogar in der mir zugewiesenen echten oder fiktiven Identität. Zunächst mal das: Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, meinen eigenen Körper zu bewohnen. Mein Bewusstsein darin freundlich verweilen zu lassen, ohne dass mein Fokus allzu schnell wegfliegt zu den Objekten außerhalb davon. So ähnlich hat das ja auch Buddha in seiner Anapanasati-Sutra empfohlen. Man könnte dieses meditative Verweilen im eigenen Körper als dem zugehörig betrachten, was man heute Selbstfürsorge nennt, und das inzwischen in so vielen Büchern und Kursen gelehrt wird. 

Als ein Teil im Ganzen muss ich dieses Selbst gut versorgen, denn in ihm versorge ich damit auch das Ganze, dessen Teil es ja ist.

Es gibt jedoch nicht nur den Körper. Bei der Betrachtung dessen, was in mir und außer mir geschieht, treffe ich auch noch auf meine Gedanken sowie Gefühle und die mir zugewiesene persönliche Identität, wie auch immer diese zustande gekommen sein mag. Meine Gefühle und Gedanken, das bin ich nicht, soweit akzeptiert. Das bin ich ebenso wenig wie mein Körper. Aber was ist mit der persönlichen Identität, mit der Person, für die ich mich halte? Bin ich auch das nicht wirklich? Und wenn das so sein sollte – siehe Buddhas Konzept des Anatta –, wie kann ich dann dieses Ich oder Selbst lieben und freundlich mit dem versorgen, was es braucht? Dürfte ich dann vielleicht sogar die Würde dieses Ich verteidigen, obwohl es doch nur eine Fiktion ist?

Die Lösung dieses Widerspruchs liegt in einer genaueren Betrachtung des Objekts. Dieses Ich oder Selbst, diese Person, der ich da in meiner Meditation oder Introspektion zusehe, ist ja keine Insel. Ebenso wie mein Körper ist sie Teil eines größeren Ganzen. Mein Körper ist ein biochemisches Fließgleichgewicht. Mein Geist nicht minder: Die Gedanken kommen, sie gehen auch wieder; ich habe sie so wenig erschaffen wie das, was ich an Nahrung meinem Körper zuführe. Und auch die Persona, diese Ansammlung von Eigenschaften, mit der ich mich identifiziere, habe ich nicht erschaffen. Ich habe dieses Gebilde allenfalls kokreativ mitgestaltet, und auch bei dieser Mitgestaltung bleibt die Frage offen, wer es ist, der denn da „den anderen Teil von mir“ mitgestaltet hat. Darauf gibt es offenbar keine endgültige Antwort. 

Wenn ich nun dieses körperliche oder geistige Gebilde, mit dem ich mich da aus Gewohnheit identifiziere, beides als ein Holon betrachte, also als etwas, das Teile in sich trägt und selbst Teil von etwas Größerem ist, dann löst sich das Konzept des Selbst auf. Egal, ob ich dazu Ich, Ego, Person, Charakter, individuelle Identität oder Selbst sage. Es ist ein Gebilde, das nicht nur ständig in Bewegung ist, also heute anders ist als gestern, es ist auch Teil eines Gewebes. Vielleicht ist es das, was Thich Nhat Hanh mit „Intersein“ meinte. Wir sind alle miteinander verbunden, körperlich, geistig, emotional, spirituell, welche Ebene auch immer man da wählt. Das Individuum ist eine Fiktion. 

Selbstlosigkeit als etwas Positives, als eine Tugend, als die Fähigkeit zur Hingabe und Liebe ließe sich demgemäß übersetzen als Einsicht in die „Connectedness“, die Verbundenheit dieses Selbst. Als ein solches Holon, ein solches eingebundenes Teil im Ganzen muss ich dieses Selbst gut versorgen, denn in ihm versorge ich damit auch das Ganze, dessen Teil es ja ist. Ähnliches gilt auch von der linearen Logik her: Wenn dieses Ich oder Selbst verkümmert, kann es anderen nicht mehr helfen.

Eine seelisch verkümmerte Mutter Teresa hat keine Strahlkraft mehr, um andere in die Liebe, Freude, Empathie und Selbstfürsorge zu führen. Mitten in Kalkutta, wo das indische Konzept des Atman ebenso wie das des Anatta einem doch von überall her ins Gesicht springt, wie kann man dort dem ausweichen? Das wird mir wohl für immer ein Rätsel bleiben. Ich hätte auch dieser katholischen Nonne eine tiefe Beziehung zu Jesus gewünscht, zu diesem herausragenden Lehrer der Transpersonalität, wie er etwa im Thomas-Evangelium erscheint. Oder zu dem Bengalen Ramakrishna, der das Selbst als Hingabe an die große Mutter lebte. Oder zu Buddha, der es im Anatta fand und auflöste. Teresas Durchhaltevermögen ist bewundernswert, mit dem Geschenk der Einsicht scheinen die Götter bei der Ausstattung dieser Person hingegen geiziger gewesen zu sein.

Man sollte sich nicht für die Ich-Identität schämen und sie als Ego beschimpfen, das wäre nur das protestantische Konzept der Ursünde in neuem Gewand. Stattdessen kann dieses Ego als ein fiktives Gebilde erkannt werden, das eingebunden ist in das Gewebe all der anderen Ichs und Wirs. Dann sind Selbstfürsorge und Liebe, Egoismus und Altruismus, Selbst und Selbstlosigkeit keine Gegensätze mehr.

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