Diskurs

Die Aktivistin und Buchautorin Vandana Shiva glaubt, dass die Menschen den Gleichklang mit der Natur wiederherstellen können. Sie weiß aber auch, dass man für Biodiversität kämpfen muss.

Zahlen mögen manchem grau und nüchtern vorkommen, aber einige davon haben es in sich, zum Beispiel diese: Laut einer Schätzung der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, sollen seit Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 75 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Pflanzensorten verloren gegangen sein, bei den Getreidesorten sogar neunzig Prozent. Unter den bis zu 300.000 essbaren Pflanzenarten kommen tatsächlich nur etwa 200 irgendwo auf der Welt auf den Tisch. Wobei der FAO zufolge nur zwölf Sorten, allen voran Reis, Mais und Weizen, 75 Prozent unseres pflanzlichen Essens ausmachen.

Die Biodiversität wäre demnach, wie in der gesamten Natur, so auch im Nahrungsbereich immer noch in Fülle vorhanden – aber sie wird nur sehr eingeschränkt genutzt. Warum? Weil es sich nicht lohnt. Wo kämen wir hin, wenn Kleinbauern für sich und ihre näheren und ferneren Communitys produzieren würden? Landwirtschaft muss vor allem ein Geschäft sein! Statt lokaler und dort auch bewährter Arten werden tendenziell solche angebaut, die genetisch einheitlich, ertragreich und global vermarktbar sind. Für kleine Landwirte, die womöglich seltene regionale Arten produzieren und auch das tradierte Know-how dazu haben, ist da kein Platz.

Das ist absurd, man kann es beklagen und bejammern. Dagegen aufstehen, ist aber auch eine Möglichkeit. Das tut die weltbekannte indische Umweltaktivistin Vandana Shiva. Rückblickend war ihr Weg fast vorgezeichnet, denn sie stammt aus einer Familie von „Aktivisten“, die auch sie in diese Richtung lenkte. So erzählt sie:

„Ich wuchs in einer von Gandhis Autarkiedenken beeinflussten Atmosphäre auf, meine Mutter arbeitete in der Früh am Spinnrad, und wir Kinder trugen den handgesponnenen Khadi. In der Schule waren damals aber gerade Nylonkleider die große Mode, und ich wollte auch eines haben. Mutter sagte zu mir: ,Wir kaufen eines für dich, aber bedenke: Von deinem Kleid wird ein Textilhersteller noch ein bisschen reicher. Ein von einer indischen Frau gesponnener Khadi hingegen bringt ihr das Geld ein, damit sie ihr Kind ernähren kann. Entscheide selbst!‘ Damit gab sie mir die erste Lektion in angewandter Volkswirtschaft, und nicht nur das: Ich erkannte, dass das geringste Produkt von zwei Seiten herkommen kann: von der der Ausbeutung und des Wohlstands für wenige; oder von jener der Schaffung von Wohlstand für die Gemeinschaft.“

Das Saatgut retten


Ihre Liebe zur Natur, ihr Wissen, dass wir ihr angehören, komme daher, dass sie in einer waldreichen Region am Rande des Himalajas aufwuchs, sagt Vandana Shiva. Sie näherte sich dem Thema aber zunächst von einer sehr theoretischen Seite und studierte Physik. Anfang der 1970er-Jahre ging sie zur Fortsetzung ihrer Studien nach Kanada, fuhr aber davor noch einmal nach Hause, um von den Lieblingsorten ihrer Kindheit Abschied zu nehmen.

„Und da sah ich, dass in der Region Bäche ausgetrocknet und Waldstücke abgeholzt waren. Das war natürlich schrecklich, aber ich wurde auch auf eine Gruppe von lokalen Frauen aufmerksam, die eine Umweltschutzgruppe gebildet hatten. Sie operierten mit gewaltlosen Mitteln à la Bäume umarmen, ließen sich aber nicht abwimmeln, bis die Forstarbeiter mit ihren Motorsägen abzogen.“

In den folgenden Jahren fuhr Vandana Shiva während der Uniferien immer nach Hause, um die Frauen in ihrem Aktivismus zu unterstützen. Am Beispiel der Auswirkungen der Waldabholzungen – Erdrutsche, Überflutungen, dann wieder Dürre – begann sie, über Biodiversität und ökologisches Gleichgewicht nachzudenken. Zugleich erkannte sie, dass man mit einer Protestbewegung nur dann Erfolg haben kann, wenn man sie richtig organisiert und seine Ziele mit Hingabe und Hartnäckigkeit verfolgt. Ganz im Sinne Mahatma Gandhis betrieben die Frauen passiven Widerstand beziehungsweise zivilen Ungehorsam und hielten sich von Gewaltanwendung fern. Vandana Shiva:

„Wenn all das passt, geht es auch ohne Geld. Für mich waren diese Frauen Vorbilder und der Anstoß, meinen eigenen Weg des Widerstands zu gehen.“

Der bot sich in vielfältiger Weise, nachdem Vandana Shiva aus Kanada zurückgekehrt war: Anfang der 1980er-Jahre gründete sie das Forschungsinstitut RFSTN zur Entwicklung nachhaltiger Anbaumethoden in der Landwirtschaft und startete Kampagnen gegen Waldabholzungen und den Bau von Staudämmen.

1987 erfuhr Vandana Shiva auf einer Konferenz, dass Agrarkonzerne daran arbeiteten, das Saatgut gentechnisch zu verändern und die daraus entstandenen Produkte dann rechtlich schützen zu lassen. Ergänzend wollte man auch die passenden Herbizide entwickeln. In der Zwischenzeit ist all das längst Realität, Stichwort Monsanto, heute Bayer.

„Ich dachte, was schaffen die da für ein System? Eine Handvoll Konzerne soll mithilfe von Gentechnik und Chemie bestimmen können, was nach ihren Regeln künftig angebaut wird – unter Verdrängung der natürlichen Sorten? Da wusste ich, was ich den Rest meines Lebens machen wollte: die Vielfalt an Saatgut auf dieser Erde bewahren. Und so gründete ich im Jahr 1991 Navdanya.“

Die NGO Navdanya, der Name bedeutet auf Hindi „neun Saaten“, aber auch „neues Geschenk“. Die NGO setzt sich für die Bewahrung natürlicher Saatgutsorten und deren Einsatz in der Landwirtschaft ein und hat bis dato 122 gemeinschaftliche Saatgutbanken aufgebaut. Die Sorten werden erhalten, selektiert und ausgetragen. Es sei ein Mythos, so Vandana Siva, dass man ohne Gentechnik, Herbizide und Kunstdünger keine guten Lebensmittel mit hohem Ertrag herstellen könne.

„Lokale Sorten sind überhaupt nicht ,primitiv‘ und ertragsarm, wie die Industrie behauptet. Wenn man sie richtig selektiert und behandelt und sie auf fruchtbarem Boden aussetzt, gedeihen sie prächtig, brauchen wenig Wasser und geben eine wunderbare Nahrung ab.“

Die Landwirte seien jahrzehntelang auf chemisch unterstützte Landwirtschaft getrimmt worden. Dadurch sei zum einen die Sortenvielfalt, ganz im Sinne der Monokultur, drastisch eingeschränkt worden; zum anderen schädige der enorme Einsatz von Pestiziden und Kunstdüngern die Umwelt und habe obendrein die Bauern oftmals finanziell ruiniert. Navdanya hat den Mechanismus umgedreht und seit Beginn neun Millionen von ihnen ausgebildet, auf organische, nachhaltige Produktion umzusteigen, dazu wurden Fairtrade-Absatzmärkte für sie geschaffen. Die heute 67-jährige Vandana Shiva bleibt daher zuversichtlich:

„Die Menschen werden sich mehr und mehr bewusst, wie wichtig eine vollwertige, aus dem reichen Schatz der Natur kommende Ernährung ist. Eine auf Gier basierende Wirtschaft – und beispielhaft die Landwirtschaft – wirkt sich zerstörerisch auf den Menschen und die Erde aus. Gandhi hat es ganz richtig gesagt: ,Die Welt hält genug für die Bedürfnisse aller bereit, aber nicht genug für die Gier von einigen wenigen.‘“

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