Diskurs

Exotische Gedanken, Religion und Lifestyle: Wie sich der Buddhismus im deutschsprachigen Kulturraum in den letzten 135 Jahren entwickelt hat – eine Spurensuche.

Dass vor 135 Jahren noch kaum jemand in Deutschland, Österreich oder der Schweiz über Buddhismus Bescheid wusste oder etwas damit verbinden konnte, erscheint heute in einer Zeit, in der Buddha-Statuen allgegenwärtig Auslagen verschiedenster Professionen schmücken und diese und weitere asiatisch-religiös anmutende Objekte in jedem Baumarkt oder Einrichtungshaus für wenig Geld erstanden werden können, als unvorstellbar. Buddha-Figuren werden überall dort aufgestellt, wo Ruhe symbolisiert und Gelassenheit demonstriert werden soll. Sie werden zu Sinnbildern für Oasen des Glücks. So kann man heute in ganz Europa „echte“ Buddhisten gleich wie jene Menschen finden, für die Buddhismus nicht Philosophie und Praxis bedeutet, sondern Ausdruck von Lifestyle, der Teil ihres Lebensglücks geworden ist.

Buddha-Figuren werden überall dort aufgestellt, wo Ruhe symbolisiert und Gelassenheit demonstriert werden soll.

Die revolutionäre Sprengkraft, die die Lehren des Buddha zu seiner Zeit hatten, konnte dieses System der Erkenntnisreligion in einer sich langsam pluralistischer gestaltenden (Religions-)Gesellschaft im Europa des 19. beziehungsweise 20. Jahrhunderts nicht erlangen. Langsam und ohne großes Aufsehen fand und findet dieses System immer mehr Anhänger. Die Buddhisten in Europa sind vornehmlich in den städtischen Zentren und in intellektuellen, bürgerlichen Gruppen zu finden. Dabei hat interessanterweise der Weg des Buddhismus im deutschsprachigen Kulturraum jenen der historischen Entwicklung nachgezeichnet. So beschäftigte man sich zu Beginn vorrangig mit dem Theravâda-Buddhismus, ab der Mitte des 20. Jahrhunderts gewann Mahâyâna an Bedeutung, bis schließlich ab den 1970er-Jahren der tibetische Vajrayâna-Buddhismus populär wurde.

Die ersten Berichte über und Kontakte mit dem Buddhismus brachten etwa der Jesuit Antonio de Andrade im 17. Jahrhundert oder auch der Kapuziner Francesco Orazio della Penna im 18. Jahrhundert nach Europa. Sie bereisten Tibet, um einem Mythos folgend zu überprüfen, ob dort ebenfalls Christen lebten. Bald schon mussten sie erkennen, dass es sich nicht um Christen handelte. Man war aber dennoch sehr bemüht, möglichst viel Christliches in der tibetischen Religion auszumachen, und stellte viele auf Unkenntnis beruhende Vergleiche und Gleichstellungen mit dem Christentum an. Auf Basis dieser ersten Quellen über den Buddhismus wurden im Folgenden zahlreiche Fehldeutungen und Missverständnisse über die buddhistischen Lehren verbreitet. Diese waren zu Beginn oft mehr einem europäischen Wunschdenken oder Ideen über eine mythische Geheimlehre geschuldet, als dem Bemühen, die buddhistische Philosophie oder Religion in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Diese Fehlinterpretationen wurde in weiterer Folge auch von vielen Philosophen übernommen und beeinflusste die Sichtweise der Westler auf den Buddhismus.

Buddhismus


Kant (1724–1804) etwa beschrieb den tibetischen Buddhismus auch „als ein in das blindeste Heidenthum ausgeartetes katholisches Christentum“. Der Buddhismus insgesamt wurde in jener Zeit als rückständige Zerrform von überspitztem Katholizismus dargestellt.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts galt Arthur Schopenhauer (1788–1860) als einer der belesensten Kenner der buddhistischen Lehre. Allerdings war er nicht daran interessiert, den Buddhismus im Westen zu etablieren, sondern übernahm das buddhistisch-philosophische Konstrukt, um seine eigenen Anschauungen zu untermauern. Seine extrem pessimistische Interpretation des Buddhismus und das dadurch vermittelte „Weltgefühl“ fand zwar Anhänger unter den Intellektuellen damaliger Zeit und stellte einen Wegweiser für viele spätere Buddhismus-Rezeptionen dar, wurde aber der buddhistischen Philosophie insgesamt nicht gerecht.

Hingegen nahm Carl Gustav Jung (1875–1961) den psychologischen Gedanken in zahlreichen Publikationen zur Psychologie der asiatischen Religionen auf. Durch Kommentare und Einleitungen in vielen Büchern über asiatische Religionen verhalf er diesen Werken zu einer großen Leserschaft und stellte neben den philosophischen Diskurs über den Buddhismus auch einen psychologischen, der vor allem durch die Techniken der Geistesschulung und Meditation einen Beitrag zu psychischer Gesundheit und Psychotherapie leisten sollte.

Auf Basis der ersten Quellen wurden im Folgenden zahlreiche Fehldeutun- gen und Missverständnisse über die buddhistischen Lehren verbreitet.

Die ersten Buddhisten im deutschsprachigen Raum
Die ersten Kontakte mit dem Buddhismus in Österreich sind bereits Ende des 19. Jahrhunderts nachzuweisen. Der Wiener Karl Eugen Neumann (1865–1915), Sohn eines Tenors der Wiener Hofoper und einer ungarischen Adeligen, war selbst seit 1884 Buddhist und nach Hellmuth Hecker (Jurist und deutscher Buddhismus-Chronist) der erste Deutschsprachige überhaupt, der zum Buddhismus konvertierte. Er fertigte auch die ersten deutschen Übersetzungen der wichtigsten buddhistischen Grundtexte aus dem Pâli-Kanon an.

Seine Auseinandersetzungen mit dem Buddhismus als Indologe waren vor allem von wissenschaftlichem Interesse geprägt. Sein großartiges Werk fand allerdings kaum Widerhall in der Gesamtbevölkerung jener Zeit. „Buddhismus war in dieser Epoche in bildungsbürgerlichen Kreisen eine intellektuelle Mode, die mit lebensreformerischem Gedankengut, Vegetarismus und Friedensbewegungen Überschneidungen aufwies“, schrieb der Autor Wolfgang Herbert dazu und war Gegenstand für kritische Auseinandersetzungen beziehungsweise Inspiration für viele Schriftsteller wie Gerhard Hauptmann, Thomas Mann oder Hermann Hesse.

Europas Vernunft wurde durch die Religiosität des Ostens ergänzt.

Aus jener Zeit sind dennoch, wenn auch sehr vereinzelt, Personen bekannt, die in buddhistische Orden in Ceylon oder Burma eintraten. So soll der Geigenvirtuose Anton Gueth 1904 in Burma als erster Deutscher die volle Ordination als buddhistischer Mönch und den Namen Nyânatiloka erhalten haben oder Arthur Fritz aus Graz 1913 in Ceylon einem Orden beigetreten sein. Sie beflügelten entsprechend in ihren europäischen Heimatländern vor allem die Auseinandersetzung mit dem Theravâda-Buddhismus.

Die neuen philosophischen Ideen waren es, die viele vom Christentum Enttäuschte anzogen, aber auch die militärische Niederlage von 1918 wird dafür verantwortlich gemacht, dass sich vor allem intellektuelle Jugendliche neuen Ideen aus dem Osten gegenüber interessiert zeigten. Die Jugend jener Zeit suchte nach Ausgleich für den Sinnverlust, der mit dem Niedergang Europas einhergegangen war. Europas Vernunft wurde durch die Religiosität des Ostens ergänzt. Auf der anderen Seite gab es Befürchtungen, dass die asiatischen Religionslehren den Untergang des geistigen Abendlandes hervorrufen könnten. Nichtsdestotrotz gründete Axel Grasel bereits 1923 die Buddhistische Gesellschaft in Wien.

Die Buddhismus-Diskussionen und -Gruppen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich und Deutschland wieder fast vollständig verdrängt und aufgelöst, da viele ihrer Anhänger einerseits Juden und andererseits Pazifisten waren. Lediglich klein(st)e Theravâda-Gruppen blieb im Untergrund aktiv.

Den ersten buddhistischen Impuls in der Schweiz soll der deutsche Mönch Nyânatiloka während seines Aufenthalts in Lugano 1910 angestoßen haben. In den 1930er-Jahren wurde dieser vom in Lausanne lebenden Briten Henry Hardy aufgenommen, der den von Lama Anagarika Govinda gegründeten Orden (Arya Maitreya Mandala) in der Schweiz vertrat und durch seine Lehrtätigkeit zur Verbreitung des Buddhismus in der Schweiz beitrug. 1942 nahm in der Schweiz die „Buddhistische Gemeinschaft in Zürich“ ihre Tätigkeit auf, in der sich der gebürtige Südtiroler Max Ladner besonders engagiert einbrachte.

Aber erst die Aufnahme vieler tibetischer Flüchtlinge in den 1960er-Jahren brachte einen bedeutenden Aufschwung der buddhistischen Aktivitäten in der Schweiz. Seit dieser Zeit ist der tibetische Buddhismus in der Schweiz besonders stark verankert. Seine Anhänger stellen heute etwa 50 Prozent der Schweizer Buddhisten. Diese tragen maßgeblich dazu bei, dass mit einem Bevölkerungsanteil von 0,5 Prozent in der Schweiz prozentuell so viele Buddhisten leben wie sonst nirgendwo in Europa.

Der tibetische Buddhismus findet in Deutschland und Österreich erst ab den späten 1960er-Jahren Anhänger, interessiert heute aber die meisten Mitglieder. Das mag daran liegen, dass Heinrich Harrer (1912–2006) nach seiner Rückkehr aus Tibet 1952 mit seinem bald darauf veröffent¬lichten Buch Sieben Jahre in Tibet großes Aufsehen erregte. Durch die Berichte über seine Freundschaft mit dem XIV. Dalai Lama und Tibet in der Zeit des Umbruchs beziehungsweise der Besetzung durch das maoistische China hat er ein großes Interesse an einem Land und seiner Kultur geweckt, das bis zu dieser Zeit kaum jemandem im deutschsprachigen Raum bekannt war.

Die Deutsche Buddhistische Union e. V. – Buddhistische Religionsgemeinschaft (DBU) gilt als Dachorganisation aller buddhistischen Traditionen und Schulrichtungen in Deutschland und wurde 1955 zuerst als „Deutsche Buddhistische Gesellschaft“ gegründet. Sie erarbeitete bereits 1985 ein gemeinsames buddhistisches Bekenntnis, das von allen buddhistischen Schulen in Deutschland anerkannt wird und sie eint.

Die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft (ÖBR) konnte nach langem Ringen und Bemühen, weil es damals starke Bedenken gegen das Sektenwesen gab, 1983 in Österreich gegründet werden, nachdem 1.000 Personen eidesstattlich erklären mussten, Buddhisten zu sein. Österreich gehörte damit zu den ersten Ländern Europas, das den Buddhismus als Religion anerkannte und mit den anderen anerkannten Religionsgemeinschaften gleichstellte. Diese Zusammentreffen der drei großen Haupttraditionen in einem Land unter einem Dach und einer Organisation ist ein Spezifikum, das es nur in Österreich und Deutschland gibt.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben