Diskurs

Was ist Satipatthana? Eine grundlegende Rede des Buddhas und die Quelle zu einem guten Verständnis der Achtsamkeit. Ein Überblick.

Um Achtsamkeit als Übungsweg besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf den Ursprung dieser heute gelehrten Methode zu werfen. Satipatthana (die Grundlagen oder Anwendung der Achtsamkeit) findet sich im Pali-Kanon in der Mittleren Sammlung Nr. 10 und der Längeren Sammlung Nr. 22. Keine andere Rede wird in den Ländern des ursprünglichen Buddhismus so geschätzt.

Die Rede ist klar und einfach in vier Teile aufgebaut, jedoch ist ihre tiefe Bedeutung schwer zu erkennen. Obwohl sie als Anleitung zur Übung gedacht ist, sagt sie kaum etwas Konkretes aus und muss daher gedeutet werden. Wenn man jedoch die weiterführende spirituelle Bedeutung der heute geübten Achtsamkeit verstehen möchte, ist sie unverzichtbar. Achtsamkeit ist kein Wundermittel, kein netter Freizeitvertreib, kein Mittel zu einem entspannten und dennoch erfolgreichen Leben, sondern, wie in der Rede gesagt wird, der „einzige Weg“, der „zur Läuterung der Wesen, zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Schwinden von Schmerz und Trübsal, zur Gewinnung der rechten Methode, zur Verwirklichung des Nibbana (Erleuchtung)“ führt. Achtsamkeit im Sinn von Satipatthana sollte man daher treffender mit Bewusstheit übersetzen.

Am Anfang der Rede wird klar gesagt, worum es geht und wozu diese Übung dient. Man soll sich von den weltlichen Beschäftigungen zurückziehen, meditieren, den Geist reinigen und formen, um alles Leiden zu überwinden und geistig zu erwachen. In dieser Rede finden wir vier große Kapitel: Achtsamkeit für den Körper, die Gefühle, den Geist und geistige Gesetze.

Buddhas


Gleich am Anfang des Abschnitts über den Körper wird deutlich, dass es um Meditation geht. Man soll sich einen ruhigen Platz suchen und aufrecht hinsetzen, die Achtsamkeit einladen und auf den Atem richten. Dieser Anfang ist sehr konkret, doch sobald es um die Aufmerksamkeit für den Körper geht, fällt auf, dass weitere konkrete Angaben fehlen. Das ist übrigens eine Eigenart der ganzen Rede: Es werden keine Methoden gelehrt. Da steht nicht, wie man den Atem beobachten soll, sondern nur: „Achtsam eben atmet er ein, achtsam eben atmet er aus.“ Buddha scheint den Übenden die Wahl der Mittel zu überlassen. Warum? Weil es ihm viel wichtiger war zu erklären, worum es geht und was man erkennen soll. Außerdem ist nur die Methode gut, die zur Situation und zu den Fähigkeiten des Übenden passt. Wer das versteht, der findet selbst die richtige Methode. Im nächsten Satz wird ein weiteres Prinzip der buddhistischen Übung deutlich. Man soll wissen, ob der Atem kurz oder lang ist. Das Wort „wissen“ meint, man soll sich dessen bewusst werden. Diese Meditation ist keine Atemübung, nimmt keinen Einfluss auf den Atem, sie fordert auf, das Wahrgenommene nicht zu verändern, sondern so zu nehmen, wie es ist.

Dann soll man den Körper in der Bewegung achtsam wahrnehmen. Das heißt, die Achtsamkeit im täglichen Leben ist genauso wichtig wie das ruhige Sitzen. Dann folgt die Betrachtung der einzelnen Körperteile, besonders auch der nicht schönen Teile, der Elemente, aus denen der Körper besteht, und schließlich soll man über den langsamen Zerfall des Körpers nach dem Tod meditieren. Bei diesen Übungen geht es darum, nicht nur einfach achtsam zu sein, sondern die Vergänglichkeit zu erkennen, das unnötige Anhaften am Körper zu überwinden und die wahre, unpersönliche Natur des Selbst zu durchschauen. Achtsamkeit dient hier der Reflexion und dem Verstehen.

Dann folgt eine wichtige Stelle, die insgesamt sechzehnmal wiederholt wird und eine Übungsanweisung ist, die für alle Gebiete der Achtsamkeit gilt. Hier heißt es, man soll jedes Gebiet sowohl „nach innen“ betrachten als auch „nach außen“. Es gibt verschiedene Interpretationen dieser geheimnisvollen Anleitung. Was hier angedeutet wird, sind zwei Arten der Meditation: Nach „außen“ heißt zu versuchen, ein Objekt, wie den Atem, wie aus einer Distanz zu beobachten. Viele Übende machen das unbewusst so. Von „innen“ hingegen versucht man, sich mit einem Objekt zu verbinden, man geht also „hinein“. Wie das geht, kann man nur in der eigenen Übung erfahren.

Schließlich wird nochmals klar gesagt, worum es geht. Man soll durch Bewusstheit sehen, wie alles entsteht und vergeht, deswegen nichts festhalten und zu folgendem Ergebnis kommen: „Unabhängig lebt er, und an nichts in der Welt ist er angehangen.“ Heute wird als Ziel der Übungen der Achtsamkeit oft Folgendes beschreiben: präsent, gegenwärtig, entspannt und gelassen sein. Oder es wird das Erreichen von Konzentration, Sammlung und ruhigen Geisteszuständen betont. Das sind sicher gute Ergebnisse, doch das eigentliche Ziel der Satipatthana-Übung ist anders. Nyanaponika, der erste westliche Interpret dieser Rede, sagt: Es ist ein Weg zu einem „höheren Menschentum“, weil er zu einem befreiten Geist führt, der sich von den „Trieben“ gelöst hat.

Als nächstes Gebiet folgt die Betrachtung der Gefühle. Dieses Kapitel ist sehr kurz gehalten, hier gibt es gar keine Erklärung, wie man damit zu üben hat. Es wird nur gesagt, man soll „wissen“, also bewusst wahrnehmen, von welcher Art ein Gefühl ist. Der Buddha versteht unter Gefühlen körperliche und geistige Empfindungen. Diese unterteilt er in drei Kategorien: angenehme, unangenehme und solche, die weder so noch so sind. Offensichtlich fand er das durch eigene Untersuchung heraus. Außerdem entdeckte er, dass man von diesen Empfindungen bestimmt wird. Wenn man von etwas bestimmt wird, dann ist man innerlich nicht frei.

Das ist vermutlich der Grund, warum hier keine weitere Methode gelehrt wird. Wer eine schmerzliche oder freudige Empfindung bemerkt, der merkt auch, dass sie mit einer Reaktion im Geist verbunden ist. Die eine möchte man vermeiden, die andere behalten. Die Methode besteht darin, in der Meditation gar nichts zu tun, die Reaktion nicht zur Ablehnung oder Zustimmung werden zu lassen. Wenn man bei dem Gefühl bleibt, wird man entdecken, dass es im Grunde die Reaktion ist, die dem Gefühl die jeweilige Färbung gibt. Die achtsame Beobachtung hat die Kraft, das Gefühl zu schwächen, ja sogar in sein Gegenteil zu verwandeln. In dieser kleinen Übung liegt der Schlüssel zur geistigen Unabhängigkeit.

Empfindungen, die weder angenehm noch unangenehm sind, sind keineswegs „neutrale“ Gefühle, wie manchmal gesagt wird. Es sind Gefühle, die bei tiefer Konzentration entstehen können und nicht von den Sinnen ausgelöst werden. Sie sind von ganz anderer Art, aber dennoch besteht die Gefahr, auch von ihnen bestimmt zu werden. Deswegen sagt der Buddha, müsse man alle Gefühle durchschauen.

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