Diskurs

Naikan ist eine spirituelle Therapie, die zur Versöhnung mit den Eltern und allen anderen, die unser Leben geprägt haben, beitragen kann.

Die Meditation der Achtsamkeit, wie sie Buddha lehrte, gibt einem die besondere Chance, tief in sich hineinzuschauen, die jeweiligen Verletzungen und Muster zu erkennen und sie loszulassen. Dies ist die wahre Aufgabe der Achtsamkeit und ihre eigentliche Kraft zur inneren Veränderung und Versöhnung. Erst auf Basis dieser Reinigung kann sich der Geist für seine höchsten Ebenen öffnen.

Achtsamkeit wird heute vielfach als eine Methode vermittelt, die zur körperlichen und seelischen Gesundheit beiträgt, indem man lernt, einfach im gegenwärtigen Moment verankert zu sein. Eine Verbesserung der Lage ist so möglich, doch kann nur erreicht werden, wenn man bereit ist, den dunklen Seiten, den unterdrückten Gefühlen und alten Verletzungen zu begegnen.

Doch das ist eben nicht so einfach. Dabei ist das Aufdecken der Prägungen aus der Erziehung besonders wichtig. Aus zahllosen Gesprächen und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Einstellungen zu den Eltern oder anderen Menschen aus der Kindheit das ganze Leben massiv beeinflussen, besonders dann, wenn diese negativ gefärbt sind. Meine Überzeugung ist, dass eine Öffnung des Geistes in Richtung Selbstliebe, umfassende Liebe, Vertrauen und transzendente Weisheit nur möglich ist, wenn man die inneren Kämpfe mit den Eltern beendet, die Verurteilungen überwindet und sich aussöhnt. Ohne Frieden im Inneren kann sich die wahre, unbegrenzte Natur des Geistes nicht zeigen.

Als ich im Alter von 25 Jahren mit der Meditation begann, versuchte ich wie viele Übende mit Konzentration, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen und alte Geschichten, die manchmal hochkamen, eher zu unterdrücken. Ich baute damals mit einer Gemeinschaft ein buddhistisches Zentrum auf, und es gab viele Konflikte. Da ich wirklich gute Lehrer und Lehrerinnen hatte, erkannte ich bald, dass mindestens fünfzig Prozent der Ursachen für Konflikte in mir selbst lagen. Es zeigten sich dabei immer meine eigenen Vorurteile, Muster, Ängste und Unsicherheiten. Heute weiß ich, dass die Ursache jeder geistigen Regung zu hundert Prozent nur in meinem Geist liegt, nicht im vermeintlichen Auslöser.

Die drei Fragen


Die Übung der Achtsamkeit hat das Potenzial, alles zu erkennen und zu lösen. Doch anfangs war ich noch nicht so weit. In dieser Zeit lernte ich einige humanistische Wege kennen, zum Beispiel die Bioenergetik. In diesen Gruppen kam ich in Kontakt mit Emotionen, besonders mit Wut und Angst, und lernte, sie in einem geschützten Rahmen zuzulassen und auszudrücken. Das war zum Teil sehr befreiend, doch nach einiger Zeit merkte ich, dass sich tief sitzende Programme von Ablehnung nicht auflösten. Bis dank eines meiner besten Freunde eine japanische spirituelle Therapie in mein Leben kam. Diese heißt Naikan. Das Wort bedeutet „Innenschau“ und wird nach wie vor von diesem Freund, dem japanischen Lehrer und anderen im deutschsprachigen Raum angeboten. Ihr Ziel ist es, die innere Beziehung zu den Eltern beziehungsweise allen Personen, die uns erzogen und geprägt haben, auf eine neue und mehr der Wahrheit entsprechende Weise zu erleben, um so vorhandene Knoten zu lösen.

Bei Naikan verbringt man eine Woche in einem Zimmer oder hinter einem Wandschirm und hat nur Kontakt zum Lehrer.

Dieser kommt alle ein bis zwei Stunden, stellt Fragen, hört meistens nur zu und bringt auch das Essen. Man ist die ganze Zeit nur damit beschäftigt, das eigene Leben von der Geburt bis zur Gegenwart zu untersuchen. Man beginnt meistens mit der Mutter und soll sich an die ersten fünf Jahre des Lebens mit der Mutter erinnern. Man kann sich vorstellen, dass einem am Anfang dazu nicht viel einfällt. Wie die meisten Menschen hatte ich große Lücken. Du bekommst kleine Hilfen, indem dir gesagt wird, du sollst dich an Details erinnern, etwa: Wie sah dein Kinderbett aus? Womit hast du gespielt? Was hast du gegessen?

Die größte Hilfe und das Entscheidende an dieser Methode sind drei Fragen. Sie lauten: „Was hat deine Mutter in dieser Zeit für dich getan? Was hast du in dieser Zeit für deine Mutter getan? Welche Schwierigkeiten hast du ihr in dieser Zeit verursacht?“ Die offene, vierte Frage: „Welche Schwierigkeiten hat deine Mutter dir gemacht?“ wird nicht gestellt. Warum nicht? Daran brauchen wir uns nicht zu erinnern, das wissen wir.

Stundenlang lag ich dort im kalten Schlafzimmer und sehnte mich weinend nach dem Gutenachtkuss meiner Mama.

Am Anfang fiel mir nicht viel ein, hin und wieder tauchte ein Bild auf, ein Teller, eine Mahlzeit, ein Gefühl, ein abendliches Ritual. So ging ich Stück für Stück die Jahre durch, danach durfte ich mich auf gleiche Weise an meinen Vater erinnern, danach wieder an die Mutter, und so ging es weiter. Später kamen noch andere Personen dazu, Großeltern und Freunde. Durch die Isolation, die ich bald als einen hilfreichen Rückzug und als Sicherheit empfand, und durch die vielen Wiederholungen lichtete sich nach einigen Tagen das Dunkel. Die Erinnerungen sprudelten. Es kamen viele unangenehme Gefühle hoch: Schmerzen, Einsamkeit, Trauer, Enttäuschungen, Wut, Ohnmacht und Ängste. Oft flossen Tränen.

Meine Mutter war ein liebevoller und fröhlicher Mensch, doch die Zeit nach dem Krieg war hart. Sie war oft überlastet, musste arbeiten und konnte sich nicht so um mich kümmern, wie sie es gerne wollte. Das konnte ich als Kind natürlich nicht verstehen, so blieben diese negativen Gefühle in mir und bestimmten meine Handlungen. Daher empfand ich später als Jugendlicher die liebevolle Fürsorge meiner Mutter oft als Einmischung und Kontrolle. Ich entzog mich, was für sie wiederum schmerzlich war.

Zweck dieser drei genialen Fragen ist es, ein unverzerrtes Bild der Vergangenheit zu vermitteln. Ich erkannte, dass ich viel mehr bekommen als gegeben hatte und dass selbst Bestrafungen aus Liebe geschehen waren. Es ist eine falsche Sichtweise, zu denken, von den Eltern nicht geliebt worden zu sein. Ohne Liebe wäre niemand am Leben. Als Kind konnte ich nicht verstehen, warum mich meine Mutter im Alter von drei Jahren meiner strengen Großmutter überlassen konnte. Stundenlang lag ich dort im kalten Schlafzimmer und sehnte mich weinend nach dem Gutenachtkuss meiner Mama. Durch Naikan wurde mir klar, dass meine Mutter diese Entscheidung mit guten Absichten traf: Auf dem Land gab es besseres Essen, die Luft war gut, es ging ihr um meine Gesundheit. Ich verstand auch, dass selbst die Strenge meines Vaters ein Ausdruck von Fürsorge war. Ich konnte erkennen, wie sehr er sich mit viel Geschick um meine Bildung gekümmert hatte.

Wenn man Meditation und Achtsamkeit richtig übt, so kann man all das, was sich im Geist an Hindernissen vorfindet, plötzlich sehen und aus dem Verstehen heraus loslassen.
Wenn das schwierig ist, so kann Naikan den Weg dahin öffnen. Deshalb bin ich dankbar dafür, dass ich diese Hilfe bekommen habe. Sie hat mich von tief sitzenden, negativen Haltungen befreit. Dadurch konnte sich mein Geist für seine wahre, unbegrenzte Natur öffnen.

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Illustration © Francesco Ciccolella

 

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