Diskurs

Menschen können nicht in einem großen Kollektiv planen, lehrt die Corona-Krise. Eine buddhistische Perspektive auf eine Welt im Umbruch.

Wenn ein System an historische Grenzen stößt, zeigen sich Krisen auf vielen Ebenen. Dass der globale Kapitalismus in eine Krise eingetreten ist, gilt fast als Gemeinplatz. „Die Ära der Globalisierung steht vor dem Ende“, schreibt „Die Welt“ schon am 24. August 2016. Kleinere Crashs an den Aktienmärkten konnten mit Blick auf den Boom an der Wallstreet, in China oder Indien noch als Wachstumskrisen diagnostiziert werden. Auch die Vorschläge von Klimaschützern stellen die Globalisierung nicht infrage; im Gegenteil. Man will sie nur durch neue Energieformen und Finanzprodukte, wie CO2-Zertifikate, in andere Bahnen lenken. Vergangene Fehlentwicklungen lassen sich, so die Hoffnung, durch kompensierende Maßnahmen wieder umkehren. Es offenbart sich hier allerdings eine naive Allmachtsfantasie der Moderne: Menschen dominieren – positiv oder negativ – die globale Wirtschaft und die Naturprozesse. Wir haben die globale kapitalistische Ökonomie „geschaffen“. Ebenso haben wir die Umwelt verändert. Also können wir diese Prozesse wieder umkehren. So der Gedanke.

Die durch das Corona-Virus ausgelöste globale Krise offenbart nun allerdings etwas ganz anderes: Menschen kontrollieren keineswegs globale Prozesse. Erkennbar war dies schon bei Vulkanausbrüchen, Tsunamis oder Tornados, aber auch bei Wirtschaftskrisen. Wir Menschen haben nicht alles in der Hand, weder im positiven noch im negativen Sinn. Zwar handeln Menschen durchaus auf individueller Ebene häufig planvoll, doch die wirtschaftliche Gesamtentwicklung weist wenig Spuren einer intelligenten Steuerung auf. Die Corona-Krise offenbart nur die Schieflage der globalen Verschuldung. Die Spekulationsblase war ein Auslöser, nicht die tiefere Ursache der globalen Wirtschaftskrise.
Die weltweit arbeitsteilige Wirtschaft wurde von keinem globalen Zentrum, keinem Weltenlenker kraft eigener Fähigkeiten planvoll erzeugt. Wirtschaftskrisen werden faktisch von uns Menschen hervorgebracht, ohne dies wirklich vorherzusehen. Der Historiker Adam Ferguson sagte schon im 18. Jahrhundert: „Die menschliche Gesellschaft ist das Resultat menschlichen Handelns, nicht aber das Ergebnis menschlicher Planung.“ Mehr noch: Der menschliche Geist ist nicht das, was die Aufklärungsphilosophie postuliert hat. Wir sind nicht einmal individuell völlig rational, als Kollektiv sind die Ergebnisse des Handelns weder durch mathematische Modelle noch durch eine globale Ethik zu erklären.

Es gilt hier jedoch, nicht voreilig auf eines von zwei Extremen hereinzufallen. Damit knüpfe ich zugleich an einen spezifisch buddhistischen Gesichtspunkt an: den Mittleren Weg. Weder beherrschen die Menschen technisch den Planeten, auch nicht ihre eigene Gesellschaft, noch folgt daraus, dass man sich nur fatalistisch dem Schicksal – den menschlichen Genen oder dem „Markt“ – ergeben müsse. Wir Menschen können nicht eine globale Wirtschaft und die ungeheure Komplexität der Natur auf der Erde als Gesamtheit steuern. Schon die Phrase „Wir Menschen“ in diesem Gedanken bleibt eine leere Abstraktion. Wie können 7,8 Milliarden Individuen auf unserem Planeten dazu bewegt werden, sich rational und frei von egoistischen oder ideologischen Erwägungen auf eine globale Zielsetzung zu einigen?

Globalisierung
Dass der Kapitalismus ein sich nur durch Krisen weiterentwickelndes System ist, hat die historische Erfahrung bereits im 19. Jahrhundert gelehrt. Auch die Diagnose, dass die Hauptursache dafür in der Zersplitterung egoistischer Zielsetzungen, der Willkür mächtiger Eigentümer, der durch das Geld bestimmten Motivation aus Gier und Aggression zu suchen ist, wurde schon früh formuliert. Die historisch wirkmächtigste Analyse stammt von Karl Marx. Er glaubte, die Konkurrenz individueller Pläne und die daraus immer wieder erwachsenden Krisen könne man durch eine staatliche Planwirtschaft überwinden, schränkte allerdings ein: „Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker ‚auf einmal‘ und gleichzeitig möglich.“ Diese Utopie wurde aber nur in den sozialistischen Ländern lokale Wirklichkeit. Der vermeintlich „vernünftige“ Zentralplan entpuppte sich hierbei als politischer Albtraum mit grausamsten Folgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfielen deshalb Neoliberale in das andere Extrem. Man sagte, der Egoismus und die Konkurrenz seien an sich gut. Zwar würden wir die Märkte nicht rational verstehen. Doch sie führten gerade durch ihre Blindheit zu unparteiischen Ergebnissen zum Wohle aller.

Zweifellos haben Wettbewerb und Innovationen als globalisierte Entwicklung eine atemberaubende Fülle an Gütern hervorgebracht. Länder mit verspäteter Entwicklung wie Indien, China, Südamerika und Teile Afrikas nehmen diesen Kapitalismus deshalb gerne als Vorbild und Leitstern für die eigene Entwicklung. Ein neuer Flirt mit dem Sozialismus – über die Hälfte der US-Amerikaner hält laut Umfragen den Sozialismus inzwischen für eine überlegene Gesellschaftsform – erwuchs aus jüngsten Krisen und ist ein Phänomen westlicher Länder. Tatsächlich hat hier eine aus der Kontrolle der Zentralbanken laufende maßlose Gier an den Finanzmärkten, eine immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich und die vielfach willkürliche Macht großer globaler Konzerne die fortschrittliche Tendenz des Kapitalismus in ihr Gegenteil verkehrt. Ein Mittelweg zwischen allmächtigen, unkontrollierbaren Märkten und totalitären Formen lähmender Staatswirtschaften scheint unmöglich. Meist kippte historisch die Entwicklung in das eine oder andere Extrem.

Nun fehlt es nicht an neuen utopischen Alternativen dazu. Die sozialistische Bewegung schlüpfte unter das grüne Kleid der Umwelt- und Klimaaktivisten und fordert einen „Green New Deal“. Liberale radikalisierten sich zu Libertären, die staatliche Kontrollen prinzipiell bekämpfen, sich aber andererseits auch gerne mit rechtsnationalistischen Ideologien verbünden. Man träumt von einer friedlichen Pluralität kleinerer Länder und bekämpft Großprojekte wie die EU, die Vereinten Nationen oder Chinas neue Seidenstraße. Ohne hier auch nur mehr als einen kleinen Hinweis auf die bunte Vielfalt der Vorschläge geben zu können: Es zeigt sich bei allen Unterschieden eine Gemeinsamkeit. Das beginnende Zerbrechen globaler Strukturen durch Handelskriege und die erkennbare Brüchigkeit internationaler Lieferketten im Zeichen des Corona-Virus, die ökologischen Folgen von Großprojekten und die Übermacht der Finanzmärkte lässt den Ruf nach lokalen Lösungen immer lauter werden. Das Schlagwort dazu lieferte schon E. F. Schumacher in seinem 1974 erschienenen Buch „Small Is Beautiful: Economics As If People Mattered“, in dem sich ein Kapitel „Buddhist Economics“ findet. Dieses Kapitel wurde zum Stichwortgeber für einen engagierten Buddhismus und weitere Studien zur buddhistischen Ökonomie, an die auch meine Bücher anknüpfen.

Der Grundgedanke ist einfach: Fehlentwicklungen der Globalisierung müssen durch eine Rückkehr zu einem menschlichen Maß korrigiert werden. Eine Rückkehr zu einer weniger intensiven Bodenwirtschaft, der Verzicht auf überflüssige Konsumgüter oder etwa lokale Lieferwege wurden zum utopischen Leitbild für eine neue, dezentralisierte Weltwirtschaft. Und zweifellos sind lokal einige Versuche durchaus gelungen und haben gezeigt, dass auch andere Anbaumethoden oder alternative Lebensweisen partiell möglich sind. Man kombinierte dies mit dem Gedanken an ein Ausscheiden aus den globalen Geldmärkten durch regionale Währungen. Dennoch wird hier häufig etwas übersehen. Man kann nicht die Weltbevölkerung durch die Rückkehr zu einer vorindustriellen Produktionsweise global versorgen. Bedürfnisse – etwa nach Smartphones, Reis, Erdöl oder Flugreisen – wurden zur subjektiven Kehrseite einer global arbeitsteilig operierenden Wirtschaft. Alle Krisen der Globalisierung sind die unvermeidbare Rückseite des Lebenswillens der rund acht Milliarden Menschen. Große Utopien können inspirieren, bleiben aber gleichwohl meist unrealistisch oder, wenn verwirklicht wie der „reale Sozialismus“, destruktiv.

Welche Antwort kann die buddhistische Wirtschaftsethik hier geben? Die erste Wahrheit, die der Buddha lehrte, ist die Wahrheit vom Leiden. Damit sind nicht nur Alter, Krankheit und Tod gemeint, sondern die viel allgemeinere Erfahrung, dass wir die Welt nicht kontrollieren, sondern sie vornehmlich erleiden. Alles menschliche Handeln hat stets auch unvorhersehbare Konsequenzen. Das ist, einfach ausgedrückt, das Karmagesetz. 

Das Handeln wird gelenkt vom Geist, sagt Buddha. Doch dieser Geist ist nicht rein und vernünftig. Menschen erliegen der fundamentalen Illusion des ich-zentrierten Denkens, von dem aus sich Gier und Aggression immer wieder neu entfalten. Diese drei Geistesgifte, das ist die zentrale Erkenntnis der buddhistischen Ökonomie, sind eine soziale, globale Wirklichkeit geworden: als Geldillusion, Geldgier und Konkurrenz. Durch ihre Erkenntnis und die Einübung des Gegenmittels – des Mitgefühls – lassen sich diese drei Geistesgifte in ihrer Wirksamkeit lokal begrenzen, ohne sie allerdings gänzlich aufheben zu können. Gerade die Krise der Globalisierung öffnet aber neue Möglichkeiten zur Besinnung auf die buddhistische Lehre und Mitgefühlsethik.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben