Diskurs

Warum es guttut, seine Herkunftsfamilie zu verlassen, um sich selbst und seine Beziehungen neu zu erfinden.

Der historische Buddha Siddharta Gautama hat seine Familie verlassen, um auf die Suche zu gehen, so erzählt man es sich seit Jahrtausenden. Exakt in dem Moment, als seine Frau einen Sohn geboren hatte, soll er seine Familie verlassen haben. Noch in derselben Nacht habe er ein Pferd gesattelt und sei aufgebrochen, um herauszufinden, was die Ursache des menschlichen Leidens ist. Warum musste er das tun? Hätte er die Erkenntnisse, die ihm auf seiner Suche als wandernder Asket zuteilwurden und die dann nach sechs Jahren in seinem Erwachen unter dem Bodhibaum gipfelten, nicht auch zu Hause erfahren können, in seiner Familie?

Eine weitere Erzählung besagt, dass er schließlich nach vielen Jahren seiner Frau Yasodhara gegenüber zugegeben habe, dass er sie nicht hätte verlassen müssen. Das kommt der heute vorherrschenden Überzeugung schon recht nahe, dass ein Mensch nicht ins Kloster gehen oder zum Eremiten werden muss, um tiefe Erkenntnisse zu erwerben.

Mitten im Alltag, mitten auf dem Marktplatz, im Auf und Ab unseres Beziehungslebens können wir Achtsamkeit üben und uns zu höchster persönlicher Reife hin entwickeln. Die Beziehung oder Familie zu verlassen, um Weisheit zu erlangen, gilt heutzutage eher als Flucht aus der Verantwortung und damit auch als Flucht vor sich selbst. Damals aber floh Siddharta Gautama, der spätere Buddha, aus seiner Verantwortung als Ehemann, Vater eines Kindes und Thronfolger in spe und wurde für mehr als zwei Jahrtausende zum Vorbild für spirituelle Sucher in aller Welt.

Auch ich selbst bin im Alter von 28 Jahren aus einer in vieler Hinsicht idealen Beziehung geflohen, weil ich die Chance nicht verpassen wollte, mein Leben in der Nähe meines damaligen spirituellen Meisters zu verbringen. Ausschlaggebend bei dieser Entscheidung war für mich auch die Biografie von Buddha, nicht nur seine Lehre.
Heute würde ich nicht mehr aus einer Partnerschaft, Familie oder Vaterschaft fliehen, um mich noch mehr dem Dharma widmen zu können. Ich meine jedoch, dass wir unausweichlich unsere Herkunftsfamilie verlassen müssen, um erwachsen zu werden. Das gilt umso mehr für diejenigen, die Erleuchtung erfahren wollen.

Familie
Pabbajja heißt im Theravada die erste Initiation. Sie wird übersetzt als „Hinausgehen in die Heimatlosigkeit“. Ich bin überzeugt, dass ein solches Hinausgehen auch heute noch in der einen oder anderen Form nötig ist. Egal, in welcher Kultur und auf welche Weise es geschieht, es muss ja nicht die buddhistische Variante sein. Ein Hinausgehen aus dem Kokon der Herkunft kann auch in der Meditation praktiziert werden – das Trennen der bisherigen sozialen Bindungen ist aber nicht die Voraussetzung für spirituelle Entwicklung.

Was die Herkunftsfamilie anbelangt, scheint mir ein tiefer Abschied nötig zu sein. Dieser kann rituell vonstattengehen, idealerweise ohne Streit oder eine andere krasse Art des Abbruchs. Doch es muss immer etwas durchtrennt werden, so wie die Nabelschnur nach der körperlichen Geburt. Für ein tiefes Erwachsenwerden, ein Gewinnen von echter Souveränität, halte ich das Durchtrennen der geistig-seelischen Nabelschnur zur Herkunftsfamilie für unabdingbar.

Der Mensch in einer Gebundenheit, die ihn davon abhält, den Weg der Reifung und Erkenntnis zu gehen, wird in Indien traditionell „Haushälter“ genannt. Dieser Haushälter würde an Besitz und sozialer Geltung festhalten, heißt es, an vergänglichen Werten, die die spirituelle Entwicklung behindern. Es kann jedoch auch die soziale Geltung eines Bhikkhu, Lama oder wandernden Sadhu – heute die eines spirituellen Lehrers – ein Hindernis sein, das der Auflösung des Egos und der Erkenntnis von Anatta, der Ichlosigkeit, im Wege steht.

Dem entgegenwirken soll die Sangha, die Gemeinschaft der Suchenden. Einerseits kann sie durch „Freunde auf dem Weg“ (Kalyanamitta) die nötige Motivation bieten, um dranzubleiben. Andererseits wird sie bei den kaum vermeidbaren Konflikten im Zusammenleben auch eine gewisse Reibungswärme erzeugen, die ebenfalls hilfreich sein kann. Eine solche Reibungswärme wird man allerdings auch in der eigenen, selbst gegründeten Familie und Partnerschaft in der Regel nicht entbehren. Eingebunden in soziale Strukturen fällt es schwerer als in der Einsamkeit, sich frei von Anhaftung und Aggression zu wähnen und zu glauben, einen hohen Stand der Verwirklichung erreicht zu haben. Unsere lieben Nächsten wissen nämlich im Konfliktfall nur zu gut, auf welchen Knopf sie bei uns drücken müssen, um Reaktionen sichtbar zu machen, die ein überhöhtes Selbstbild binnen Sekunden kollabieren lassen. Im Diesseits unseres Beziehungslebens werden wir wiedergeboren.

Heute sind unsere Familienstrukturen nicht mehr so stark wie vor wenigen Generationen, als die bäuerliche Lebensweise noch einen Großteil der Gesellschaft bestimmte. Vielmehr haben der Staat und andere soziale Institutionen das meiste von dem übernommen, wofür früher die Familie sorgte: Alten- und Krankenpflege, Kindererziehung und Bildung. Dementsprechend sind wir weniger kompromissbereit, Unannehmlichkeiten in unserem Familien- und Beziehungsleben in Kauf zu nehmen. Versorgung war viele Jahrtausende lang Aufgabe der Familie, heute wird sie von Märkten und den sozialen Netzwerken übernommen.

Was machen die Menschen nun mit dieser neuen Freiheit? Nach dem Hinausgehen in die Heimatlosigkeit schafft man sich neue Beheimatungen, denn im Nichts, im Niemandsland der Leere, ist nicht einmal ein körperliches Leben möglich, geschweige denn Bindungen, die uns Geborgenheit geben und uns emotional erfüllen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wer allein lebt, schafft sich eine Fantasiewelt von Bindungen, so wie die indischen Eremiten sich einst Fantasiewelten von Göttern, Dämonen und anderen Seinsebenen erfanden, aus denen wir kommen würden und die wir wiedergeboren würden.

Zum heutigen systemischen Wissen passt es besser, das Sterben und Werden des Rades der Wiederkehr (bhava chakra) als ein Geschehen auf der Heldenreise in diesem Leben zu verstehen, als eine Reise durch die kleinen und großen Tode und Wiederauferstehungen unseres Beziehungslebens. Nicht irgendwo in einer Anderswelt, sondern im Diesseits unseres Beziehungslebens werden wir wiedergeboren. Unsere Seele wandert. Die Seele wird nicht als zeitloses Atman verstanden, sondern als wandelbare Psyche, die in den jeweiligen Beziehungen jeweils „sind“. Als ein solcher Durchwanderer seiner Innen- und Außenwelten kann sich jeder selbst und anderen dennoch Geborgenheit geben und Heimat finden, inmitten einer Welt, die sich unaufhörlich ändert.

Kindern Heimat in einem immerhin relativ beständigen Nest zu geben, bleibt die noble Aufgabe für Eltern. Es ist eine Aufgabe, die einem aber nicht von der Erkenntnis des Dharmas abzuhalten braucht. Mittendrin, dort wo das tägliche Leben tobt, ist höchste Erkenntnis möglich.

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