Diskurs

In Boudha, einem Stadtteil von Nepals Hauptstadt Kathmandu, haben sich über die Jahrzehnte Tausende tibetische Flüchtlinge angesiedelt. Chinas Einfluss wächst jedoch seit Jahren.

Auf der Stirn der älteren Tibeterin hat sich ein dicker Fleck aus Staub gebildet. Um die Knie hat sie kleine Pölster geschnürt. Sie führt ihre Hände an die Stirn, an das Kinn, an die Brust und wirft sich wieder nieder. An ihren Händen sind Holzplatten befestigt, über ihrer Chuba, dem traditionellen tibetischen Kleid, trägt sie eine schwere Schürze, die ebenfalls von Staub überzogen ist. Das Seufzen beim Aufstehen ist kaum zu hören – Hunderte Menschen gehen schnellen Schrittes an ihr vorbei. Sie ziehen im Uhrzeigersinn um den ‚Tschörten‘, das tibetische Wort für Stupa, also um einen Reliquienschrein, in Boudha.

Schon um sechs in der Früh ist der Rundweg um den Stupa voller Leben. Die vielen Tausenden Schritte der Gläubigen schleifen über die alten Pflastersteine. Die Luft ist vom Murmeln der Mantras erfüllt. „Om Mani Padme Hum“ – das tibetische Mantra zieht endlos über die Lippen der Buddhisten, wenn sie frühmorgens ihre ‚Koras‘, also ihre Kreise, um den Stupa in Boudha im Nordosten Kathmandus ziehen. Den Stupa zu umrunden soll gutes Karma bringen. Und wer die Koras in Niederwerfungen absolviert, also den Weg mit dem eigenen Körper ausmisst, der bekommt besonders viel davon – so der Glaube der Tibeter.

Der riesige Stupa von Boudha ist seit jeher einer der wichtigsten Pilgerorte für Tibeter. Seit der Dalai Lama 1959, also vor 60 Jahren, aus Tibet geflohen ist, sind ihm Hunderttausende Landsleute gefolgt. Viele von ihnen haben sich in Boudha niedergelassen.

Während die Rollläden der Geschäfte noch heruntergezogen sind, pulsiert bereits das Leben um den Stupa. Der Geruch von Sang, den Räucherstäbchen, beißt in der Nase, der gepflasterte Pfad ist mit Bettlern, Invaliden und Bettelmönchen gesäumt. Denn: Auch Almosen bringen gutes Karma. Auf den Stufen der Läden beginnen einige tibetische Verkäuferinnen ihre Waren aufzulegen – Unterwäsche, dicke Socken, Plastikpfannen oder Gebetsfahnen. Die Läden dahinter sind noch geschlossen. Hotels reihen sich neben Souvenirläden, die den Glückssuchenden aus aller Welt tibetische Rollbilder, Buddha-Statuen, Gebetsmühlen, Klangschalen und gebatikte Kleidung verkaufen wollen. Neben dem ‚Happiness Guesthouse‘ ist der ‚Small Paradise Design‘-Kleiderladen. Und von der Terrasse des ‚Paradise Cafe‘ kann man direkt auf den Stupa schauen.

Nepal lässt sich immer mehr politisch von China leiten.

Dazwischen sind in den vergangenen Jahren immer mehr chinesische Läden eingezogen. Einige bieten Kleidung aus China an. Denn der Tourismus aus China ist in Nepal in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Und das geht auf ein immer engeres Verhältnis Nepals zu seinem großen Nachbarn im Norden zurück. Der Handel zwischen den Ländern ist keine historische Neuheit. Dass sich Nepal aber immer mehr politisch von China leiten lässt, schon. Und das bekommen auch die Tibeter in Boudha zu spüren. 

In Nepal leben offiziell um die 20.000 Tibeter. Wie viele es tatsächlich sind, ist nicht erfasst. Die meisten von ihnen haben keine Papiere, sondern sind in abenteuerlicher Flucht über den Himalaya gekommen. In ihrer Heimat Tibet leben sie als Minderheit im kommunistischen China und müssen mit starken Einschränkungen und Unterdrückungen zurande kommen. Viele beklagen fehlende Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit. Allein ein Bild des Dalai Lama zu besitzen ist verboten. Für die Tibeter ist der Dalai Lama ihr spirituelles Oberhaupt. Für die Chinesen ist er ein Separatist. Doch auch im nepalesischen Exil haben sich die Restriktionen für Tibeter über die vergangenen Jahre verschärft.
„Ich bin vor ein paar Jahren nach Nepal gekommen und war sehr überrascht, weil ich gesehen habe: Die Chinesen waren schon vor mir da“, meint Lobsang mit einem Lachen, aber doch todernst. „Die Chinesen kontrollieren Tibet auch von draußen.“ Er heißt eigentlich anders, möchte aber seinen Namen lieber nicht veröffentlicht wissen. In Boudha studiert er Buddhismus. Das könnte er in Tibet nicht machen. „Meine Erwartungen waren anders. Verglichen mit meinen Freunden in Tibet bin ich natürlich jetzt viel weniger kontrolliert. Aber im Vergleich mit Leuten aus dem Westen lebe ich sehr eingeschränkt.“ 

Für die Tibeter ist der Dalai Lama ihr spirituelles Oberhaupt. Für die Chinesen ist er ein Separatist.

Vor allem seitdem der König Nepals 2006 abgedankt hat, verstärkte sich der Einfluss Chinas rasant. Als 2008 die großen Proteste in Lhasa begannen und sich auf das gesamte Plateau ausweiteten, bekamen auch die Tibeter in Boudha, die auf den Straßen demonstrierten, die Härte des nepalesischen Staates zu spüren. Manche waren zwei Wochen in Haft, weil sie an dem Stupa protestiert hatten.

Heute sind politische Proteste verboten. Im März, wenn sich der Jahrestag des tibetischen Aufstands von 1959 jährt, verstärkt Nepal die Sicherheitskräfte um den Stupa. Man will hier keine Demonstrationen. Jedes Jahr am 6. Juni werden alle öffentlichen Feiern zum Geburtstag des Dalai Lama verboten. An jenen politisch sensiblen Tagen sei der Platz um den Stupa fast leer, erzählt Lobsang. „Das ist ein offensichtliches Phänomen, dass das für die nepalesische Regierung sehr heikel wird.“ Anstatt öffentlich zu feiern, ziehen sich die Tibeter in ihren privaten Bereich zurück und begehen den Geburtstag ihres Oberhaupts bei gemeinsamen Partys oder im gemeinsamen Gebet.

Chinas
Bis Mitte der 1990er Jahre vergab der nepalesische Staat noch Flüchtlingsausweise. Genauso wie in Indien bekommen Flüchtlinge auch hier keinen Pass. Mit dem Flüchtlingsausweis konnte man in Nepal aber zumindest ein Konto eröffnen oder den Führerschein machen. Aber Mitte der 90er beschloss der nepalesische Staat, diese Ausweise auszusetzen. Die Tibeter, die seitdem gekommen sind, leben illegal im Land, erklärt Lobsang. „Viele kaufen sich einen Pass auf dem Schwarzmarkt“, meint er. Der würde zwischen 100.000 und 150.000 Rupien kosten, also zwischen 800 und 1.200 Euro. „Kommt drauf an, wie gut man verhandelt.“ In Nepal ist das eine extrem hohe Summe.

In Boudha haben sich auch etliche Exil-Klöster angesiedelt. Vor allem die tibetisch-buddhistischen Traditionen, die nicht ‚Gelug‘ sind, florieren hier. Der Dalai Lama gehört zur Gelug-Linie und Dharamsala, der Sitz der tibetischen Exilregierung, ist dementsprechend Gelug-dominiert. In Boudha finden andere Strömungen ihren Platz. Viele der Klöster sind wohlhabend und so wurden sie und ihre Äbte zu Dreh- und Angelpunkten des tibetischen Lebens. Auch ausländische Studenten kommen hier gerne her, um den tibetischen Buddhismus in authentischer Umgebung zu studieren.

Viele Tibeter arbeiten in Restaurants, als Händler oder als Sprachlehrer für die westlichen Buddhismus-Studenten. Und doch verlassen manche von ihnen Boudha wieder. Chinas Arm ist für viele zu lang geworden. Der nepalesische Premierminister Khadga Prasad Oli von der Kommunistischen Partei Nepals (CPN-UML) arbeitet eng mit der chinesischen Regierung zusammen. Zahlreiche große Bauprojekte wie Staudämme, Kraftwerke oder Straßen im Land werden von China finanziert – das Prestigeprojekt ist die Bahn bis nach Kathmandu. In den nächsten Jahren wird China die Lhasa-Bahn nämlich bis nach Kathmandu verlängern. Gebaut wird bereits seit einiger Zeit.

Kurzfristig sind die positiven Auswirkungen für viele Nepalesen spürbar. Die Straßen sind besser, es gibt täglich und rund um die Uhr Elektrizität und die Internet-Verbindungen sind schnell.

Kathmandus Touristenviertel Thamel ist zu weiten Teilen in chinesischer Hand. Kritiker bezeichnen es als einen Ausverkauf an China.

Als Indien 2016 versuchte, wieder die Oberhand über den nepalesischen Nachbarn zu gewinnen, ging der Schuss nach hinten los. Indien stellte seine Gaslieferungen ein, um politischen Druck auszuüben. Während der Frust vieler Nepalesen über Indiens Politik wuchs, sprang still und leise China ein. Kathmandus Touristenviertel Thamel ist mittlerweile zu weiten Teilen in chinesischer Hand. Kritiker bezeichnen es als einen Ausverkauf an China. 

„Der wirtschaftliche Einfluss Chinas ist überall zu sehen“, stellt auch Lobsang fest. Er hat mit Interesse verfolgt, dass US-Außenminister Mike Pompeo im März Nepal aufgefordert hat, die Rechte der tibetischen Flüchtlinge im Land zu achten. „Ich freue mich darüber, dass der nepalesische Außenminister Pradip Gyawali versichert hat, dass Nepal die Rechte der Tibeter in Nepal weiter schützen wird“, sagte Pompeo in einer Stellungnahme. Er nannte dabei vor allem das Bekenntnis Nepals dazu, Tibeter nicht nach China zurückzusenden.

Die USA fordern den nepalesischen Außenminister auf, die Rechte der Tibeter in Nepal zu schützen.

Für Lobsang war allein der Hinweis des hochrangigen US-Ministers ein Zeichen dafür, dass der Umgang mit Tibetern in Nepal stetig schlechter wird. „Wenn sogar die USA Nepal ermuntern müssen, dann ist das ein offensichtliches Zeichen“, meint er. Tibeter seien in allen Bereichen so weit hinter dem Rest der Welt: Politik, Maschinen, Technologie, Wirtschaft. „Nur wenn es um das Verständnis von Weisheit geht, sind wir allen voraus. Im Bereich der Vorstellungen unseres Geistes sind wir sehr gut“, sagt er lächelnd.

Wer genau schaut, sieht, dass an den Läden um den Stupa Videokameras installiert sind. Es sind Überwachungskameras. Wenn Hunderte Tibeter hier tagtäglich ihre Kreise ziehen, wer weiß, wer mitschaut? Lobsang kennt das schon aus Lhasa, wo die Überwachung Alltag ist. „Die Kameras sind nur da, um Leuten Angst zu machen. China gibt sein Bestes, um die Körper und auch den Geist der Menschen zu kontrollieren.“

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