Diskurs

Im oberösterreichischen Almtal gibt es einen buddhistischen Rückzugsort – der geistige Gründer, Mönch Chökyi Nyima Rinpoche, feierte dort mit vielen Anhängern den Jahresbeginn.

Wer in Vorchdorf von der Westautobahn abfährt, taucht schnell in eine ländliche Idylle ein. Die Häuser sind klein, aus den Kaminen steigt Rauch, nur wenige sind unterwegs. Am Vortag war Silvester. Die meisten sitzen zu Hause, in Orten, die Pettenbach, Spieldorf oder Ranklleiten heißen.

Auf dem Navigationsgerät im Auto ist Scharnstein, Bäckerberg 18 eingestellt. Auf dem Weg dorthin werden die Straßen immer schmaler, der Weg führt durch Wälder und über Brücken. Bevor es dann aber steil bergauf geht, entdeckt man ein Schild, auf dem in gelben Lettern die drei für die Gegend ungewöhnlichen Worte ‚Rangjung Yeshe Gomde‘ stehen. So heißt das vom tibetischen Mönch Chökyi Nyima Rinpoche 2004 gegründete Meditationszentrum. Als Abt eines Klosters in Nepal hat er es sich zur Aufgabe gemacht, den Buddhismus in der westlichen Welt zu verbreiten. Der Gutshof im Almtal ist einer von vielen Orten, an denen regelmäßig Retreats zur Herzens- und Geistesschulung stattfinden. Zweimal im Jahr ist der Gründer selbst anwesend und er scheint recht viele Anhänger zu haben, denn fünf Minuten und ein paar Kurven später ist da ein großer Parkplatz mit sehr vielen Autos und eine kleine Karawane geht über die verschneiten Wiesen zum riesigen Gutshof, der auf einem Hügel liegt, hinauf.

An einem sicheren Platz

In der im Jänner grau-kalt verschneiten Landschaft peitschen dort bunte tibetische Fahnen im Wind. Drinnen im Haus ist es warm, das Frühstück ist gerade in einem recht großen Speisesaal im Gange. „Bitte hier nur mit Hausschuhen“, lächelt ein Herr in Hüttenpatschen und zeigt zum Abgang in den Keller, dort wäre die Garderobe. Doch genau dort an der Stiege ist auch die Rezeption. Dort sitzt Birgit Meiche, die alle hier nur Bibi nennen und die dieses buddhistische Retreat zum Jahresbeginn mitorganisiert hat. Ehrenamtlich. „Wir sind alle über WhatsApp vernetzt“, sagt sie. In ihrem normalen Beruf ist sie Sozialarbeiterin in Wien, sagt die langhaarige blonde 30-Jährige. Diesmal seien 120 Menschen gekommen. „So viel wie fast noch nie“, strahlt sie, weil der ‚Tschökinima‘ (so klingt der Name des Mönches im Munde derer, die ihn schon lange kennen) einfach ein sehr charismatischer Mensch ist. „Du wirst es spüren“, sagt sie bedeutungsvoll.

An der Rezeption jedenfalls ist sehr viel los. Es werden gerade ‚Jogi-Jobs‘ vergeben. Eine nette ältere Dame lässt sich fürs Geschirrwaschen einteilen, ein Mann will am nächsten Tag Putzdienst machen. Ein ungefähr 50-Jähriger kommt in Haube und Schneestiefeln vorbei. Er braucht jemanden, sagt er, der mit ihm zum Einkaufen in den Metro nach Vorchdorf fährt, unter anderem sei die Sojamilch aus. „Okay, bin dabei“, sagt ein anderer. Es wuselt und brummt in diesem riesigen Gutshof. Alle sind geschäftig und haben etwas zu tun. Viele kennen sich, fallen Neuankömmlingen in die Arme und freuen sich, einander wiederzusehen. Wer grüßt, bekommt ein Lächeln, keiner muffelt in diesem zum buddhistischen Zentrum umgewandelten Gutshof, wo nur Menschen hinkommen, die einander zugetan zu sein scheinen, die es schön miteinander haben und das neue Jahr freundlich begrüßen wollen. „Wir haben das alles hier aus dem Nichts aufgebaut“, erzählt Bibi bei einer Führung durch das Haus. Nach der Gründung 2004 haben Chökyi Nyimas Anhänger alles auf freiwilliger Basis aufgebaut.

„Am Anfang waren sogar die Klos noch draußen“, sagt sie. Heute gibt es im Keller riesige, pieksaubere Gemeinschaftswaschräume. Überall sind kleine Zimmer eingerichtet, geschlafen wird in Stockbetten zu zweit oder zu viert. Weil der Andrang diesmal so groß war, wurden auch ‚Dormitories‘ mit bis zu 20 Betten eingerichtet. „Im Sommer tun wir uns leichter, da schlafen viele draußen in Zelten“, sagt Bibi, der wichtig ist, dass jeder hierherkommen kann, auch wenn er nicht viel Geld zur Verfügung hat. Die, die es sich leisten, sind in Pensionen im nahen Viechtwang untergebracht.

An einem sicheren Platz

Mithelfen ist hier für alle ganz selbstverständlich. Gerade ist eine Staubsaugerbrigade unterwegs. Mithelfen, Verantwortung übernehmen ist Teil des Konzeptes und wer Bibi zuhört, könnte denken, dass all diese Leute hier ihre Familie sind, eine Familie, die sie und damit alle anderen sich selbst ausgesucht haben. Und streng? Nein, das sei man hier auch wirklich nicht. Es wird vegan und vegetarisch gekocht, aber es gibt immer auch Fleisch. Und auch Koffein und Alkohol sind nicht verpönt, sondern werden in der eigens dafür eingerichteten Bar im Gutshof ausgeschenkt. Auf den gemütlichen Ledersofas lungern immer Leute herum.

Im alten Gutshof gibt es überraschenderweise aber auch einen ganz modernen, verglasten Lift. „Eine Spende, damit auch Menschen mit Gehbehinderung rauf in den Lakhan gelangen“, sagt Bibi. Lakhan ist der Name des Meditationsraumes unter dem Dach des Hauses, in den um elf Uhr dann endlich auch der Rinpoche zum großen Zusammensein kommen wird.

Der Lakhan ist riesig und lichtdurchflutet. Ein goldener Buddha unter einem Baldachin schaut mit halb geschlossenen Augen auf unzählige runde Pölster, die in ordentlichen Reihen auf dem Teppichboden ausgelegt sind. Viele waren bereits bei der Morgenmeditation um halb acht und haben sich ihren persönlichen Platz eingerichtet. Es liegen Decken auf dem Boden und hölzerne Schachteln, in denen die Gebetszettel und Bücher aufbewahrt werden. Gabs, der ‚gute Geist des Hauses‘, wie Bibi ihn nennt, hält hier alles in Schuss. Gerade ist er mit Räucherstäbchen zugange, streicht die kleinen Teppiche vor dem Rednerpult glatt und überprüft noch einmal Walkmans, über die die englische Übersetzung kommen wird. „Wir sind alle ganz easy und entspannt“, sagt er, ist aber gleich wieder weg, weil er noch die Blumen auf der Truhe schön arrangiert.

Es ist 15 Minuten vor elf Uhr, langsam trudeln auch die Menschen ein. Ein Paar – er graue Haare, Jeans und Pullover, sie eine Hose, ein Kleid darüber und ein Schal – nimmt im Schneidersitz in der Mitte des Raumes Platz. Beide schließen die Augen und versinken in einen Zustand vollkommener Ruhe. Ein älterer Herr nimmt auf einem Sessel unter der Dachschräge Platz, andere plaudern leise.

Die meisten hier sind über 40, viele auch älter. Es sind Männer und Frauen, Letztere leicht in der Überzahl. Es sind Leute aus Italien, Holland und aus der Schweiz da, einige sprechen Spanisch und dazwischen sind auch ein paar sehr junge Frauen. Nina zum Beispiel, sie ist knapp über 20, studiert in Linz und ist fast von Anfang an dabei. Oder Tara, die schon seit 14 Jahren mit ihrem Vater hierherkommt. Sie sitzen auch nebeneinander. Oder Alex aus Wien, für den das Retreat mit Chökyi Nyima Rinpoche ein Fixpunkt im Jahreskreis ist, „weil es Kraft gibt“, sagt er. Und irgendwer erzählt, dass der US-Schauspieler Richard Gere und die Pop-Ikone Cher auch glühende Anhänger seien.

Aber dann kündigt ein Gong den großen Moment an. Klein, lächelnd und gewandt kommt der Rinpoche in den bis auf den letzten Platz gefüllten Raum. Die Menge verbeugt sich. Es ist mucksmäuschenstill und der Mönch nimmt seinen Platz vor dem goldenen Buddha ein. Dann beginnt die feierliche Zeremonie. Es ertönt ein Gesang mit vielen ‚Ös‘ und ‚Tschs‘, denn so klingt Tibetisch. Viele setzen die Kopfhörer auf, um die Simultanübersetzung ins Englische mitzuhören.

Bewusstsein ist ein Leitthema in Chökyi Nyimas Vortrag, die Gedanken vieler Menschen seien konfus, ein Grund für negative Gefühle, sagt er und setzt das Konzept der Leere entgegen. ‚Attachments‘ mit der Welt zu lösen, Gedanken zu reinigen, aufhören zu leiden, das könne jedem gelingen, der das Dharma praktiziert. Die Leute im Raum lauschen den Worten und nicken dort, wo der Rinpoche einen Nerv ihres Lebens getroffen zu haben scheint. Doch in all seiner Ernsthaftigkeit blitzt immer wieder auch der Schalk durch seine Worte: Besser einmal als keinmal am Tag meditieren, besser intelligent als unintelligent sein und sich für etwas einsetzen, mit Mitgefühl und Güte, das sei unsere Kreditkarte ohne Limit, sagt er humorvoll.

Am Ende spricht er sogar ein paar Worte Englisch. „Enjoy harmony, caring, respecting and trusting. Really I love you all, honestly, genuinely, no fake“, sagt er, bevor er die Zeremonie feierlich mit einem Gesang beschließt und mit den fünf Mönchen den Raum wieder verlässt. „Er berührt mich“, sagt eine Frau Mitte 50 zu ihrer Freundin beim Hinausgehen, „den Gedanken, nicht mehr urteilen zu müssen, fand ich schön.“

Und dann gehen die Gespräche beim Mittagessen weiter. „Oder auch nicht, das macht jeder, wie er will“, wird Bibi später in der Bar erzählen und das Fotobuch zeigen, wo man die Baugeschichte des Meditationszentrums nachvollziehen kann. Viele kommen in die Bar, weil es hier WLAN gibt. ‚samsarasucks‘ ist das Passwort, aber irgendwie funktioniert es wieder mal nicht. Man kommt mit den anderen ins Gespräch. Da ist Rosa aus Wien, die oft übers Wochenende hierherkommt, weil sie den lokalen Mönch mag, vor allem seine tiefe Stimme. „Man wird süchtig“, sagt sie. Im Shop, den es hier übrigens auch gibt, kann man CDs, Bücher, Schals und Statuen kaufen. Günther aus Salzburg ist zum ersten Mal da. „Interessante Erfahrung“, sagt er. Er ist Psychologe, ein Freund hat ihm das Retreat empfohlen. Ein anderer Kaffeetrinker lässt sich vom Small Talk nicht stören und liest seinen Krimi ganz unbeirrt.

Für diejenigen, die sich in die buddhistische Sicht auf das Leben vertiefen wollen, gibt es ab 15 Uhr einen Vortrag von Gerd über die fünf Aggregatzustände, das ist sein Thema. Das habe jedoch nichts mit der westlichen Vorstellung von Materie zu tun, sagt er. Er ist Naturwissenschaftler im zivilen Leben, hier spricht er jedoch über Formierung, Gefühl, Wahrnehmung, Formation und Bewusstsein, lädt alle Anwesenden ein, mitzudenken, und ganz mühelos entwickelt sich im Lakhan eine angeregte Diskussion darüber, was es bedeutet, ‚etwas zu erleben, ohne das eigene Selbst zu involvieren‘, wie Gerd sagt.

„Du brauchst drei Tage, bis du so richtig runterkommst und in dieses Gemeinschaftsgefühl eintauchst“, wird Bibi beim Mittagessen später verraten. Sie schafft das jedes Mal wieder wunderbar, obwohl sie ständig irgendetwas checkt und erledigt. „Komm wieder“, wird der Chökyi Nyima bei einer kurzen Privataudienz sagen, „es ist ein besonderer Ort.“

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Fotos © Chris Zvitkovits

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