Diskurs

Im Westen gilt der Buddhismus als gewaltlose Religion. Dass das mehr Mythos als Realität ist, zeigen die aktuellen Entwicklungen in Myanmar, Sri Lanka und Thailand.

In der Buddha Bar in Paris hatte die Meditationslehrerin Acharavadee Wongsakon eine Eingebung. Mitten auf der Tanzfläche stand eine riesige Buddha-Statue, umgeben von Disco-Kugeln, Zigarettenrauch und Alkohol. Die Lehrerin war schockiert und fasste den Entschluss: Sie würde die Ehre des ‚Propheten des Buddhismus‘ schützen. Also gründete sie 2012 die Organisation ‚Knowing Buddha‘, die auch auf ihrer Homepage erklärt, was alles respektloser Umgang mit Buddha-Symbolen sei. Ihr Sitz ist in Thailands Hauptstadt Bangkok, wo die Diffamierung des Buddhismus per Gesetz verboten ist. Bei Verstoß drohen bis zu einem Jahr Gefängnis oder 667 US-Dollar Strafzahlungen. Immer wieder setzen sich Mönche für die Verschärfung dieser Blasphemie-Gesetze ein.

Vor vier Jahren reiste die Britin Naomi Coleman nach Colombo, Sri Lanka. Auf ihrem Oberarm war ein Tattoo geritzt. Es zeigt einen Buddha im Schneidersitz, in Meditationspose, auf einem Lotusthron. Ein Motiv, das im Westen allzu bekannt ist – hier steht es für Entspannung und Gewaltlosigkeit. Doch Coleman wurde bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen in Colombo verhaftet und dann abgeschoben. In Sri Lanka ist der Großteil der Bevölkerung buddhistisch. Buddha-Tattoos verletzen die Gefühle der Singhalesen, so die damaligen Entscheidungsträger.

Es ist das gleiche Land, das seit Jahren immer wieder Schlagzeilen wegen Attacken von Buddhisten auf religiöse Minderheiten macht. Anfang des Jahres kam es wieder zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Buddhisten und Muslimen. Bis vor kurzem waren die Hauptkontrahenten der Buddhisten die mehrheitlich hinduistischen Tamilen, die mit Terrororganisationen wie der LTTE (Tamil Tigers) für Schrecken sorgten. 2009 sagte ein buddhistischer Mönch zur Historikerin und Asienwissenschaftlerin Dagmar Hellmann-Rajanayagam: „Was sollen wir tun? Die LTTE wird uns töten und den Buddhismus zerstören. Also müssen wir sie zuerst töten, wenn sie noch Kinder sind.“ Seit 2014 gilt die Terrororganisation als erloschen. Jetzt kommt es vermehrt zu Gewalt zwischen Buddhisten und Muslimen.
Auch aus Myanmar kommen laufend Berichte über die Verfolgung der muslimischen Minderheit. Seit Ausbruch der Rohingya-Krise ab August 2017 sind 700.000 Rohingya nach Bangladesch geflohen. Die UNO verweist in einem aktuellen Bericht auf Morde, Gewalt gegen Kinder, Vergewaltigungen und Versklavung und spricht von Anzeichen des Völkermords. Facebook sperrte etliche Konten von buddhistischen Mönchen im Land, weil sie per Social Media gegen Muslime gehetzt hätten. ‚Hassprediger‘ titelten viele Medien.

Buddhismus
Rassistische Mönche

‚Buddhistischer Bin Laden‘ nennt sich der burmesische Prediger Ashin Wirathu selbst. ‚Das Gesicht des buddhistischen Terrors‘ formulierte das TIME Magazine auf seinem Cover, das den Mönch starr blickend in roten Roben zeigte. Bis 2012 saß er wegen Anstiftung zur Gewalt im Gefängnis. Als Facebook auch seinen Account suspendierte, meinte er, das Unternehmen sei von Muslimen gesteuert. Ein anderer burmesischer Mönch, Situ Sayadaw, sprach im Oktober 2017 vor Dutzenden Armee-Angehörigen und zitierte dabei aus der singhalesischen Mahavamsa-Chronik. Darin steht, dass das Töten Andersgläubiger keine Probleme am Weg zur Erleuchtung mache – denn Andersgläubige seien keine Menschen. Sayadaw betonte in seiner Rede immer wieder, dass es nicht er sei, der das sage, doch so stehe es nun einmal geschrieben. Der Text stammt aus dem 5. Jahrhundert nach Christus, wurde also 1.000 Jahre nach dem Wirken des historischen Buddha niedergeschrieben.

„Ja, wir sind Extremisten und Rassisten“, rief wiederum der singhalesische Mönch Galagoda Gnanasara 2014 in die tosende Menge in Sri Lanka. Die buddhistischen Minister würden die Buddhisten im Land zu wenig schützen. „Sie nennen uns Extremisten und Rassisten! Ja, das sind wir!“ Damals war der Redner Generalsekretär der buddhistisch-nationalistischen ‚Buddhist Power Force‘, Bodu Bala Sena (BBS). Vor wenigen Monaten wurde er wegen Einschüchterung verurteilt und inhaftiert.
Myanmar, Sri Lanka, Thailand – in Südostasien werden buddhistische Fundamentalisten immer einflussreicher. Zwar sind nur vereinzelte Fälle bekannt, aber steckt dahinter eine orchestrierte Aktion fundamentalistischer Kräfte? Und wo ist die Grenze zwischen dem noblen Ansinnen, ‚die Religion zu schützen‘, und einer Hardliner-Politik von Verboten, die bis hin zur Anstachelung und Ausübung von Gewalt gehen kann?

Eine Frage der Interpretation
Buddhistischer Fundamentalismus ist gemäß der Doktrin eigentlich nicht möglich, da alle Phänomene flüchtig und unbeständig sind, meint Hellmann-Rajanayagam. Und weiter: „Die wörtliche Befolgung einer Lehre ist nicht möglich, weil jede Anwendung bereits Deutung heißt.“ Denn Fundamentalismus bedeutet eigentlich: Das Eins-zu-eins-Auslegen einer ursprünglichen Botschaft, die Ideen und Worte eines Religionsstifters unverfälscht zu befolgen. Zurück zu den Wurzeln.
Als Siddharta Gautama, besser bekannt als Buddha, um 500 vor Christus wirkte, hat niemand aufgeschrieben, was er sagte. Erst vierhundert Jahre später entstanden die ersten textlichen Quellen und von da an wurden sie verändert und neu interpretiert. Was der Buddha ‚wirklich‘ sagte, ist nicht gesichert überliefert. Was der Buddha wirklich meinte, war schon zu seinen Zeiten Interpretationssache. Einen Fundamentalismus im eigentlichen Sinn, den kann es nicht geben.

Und doch formieren sich in den vergangenen Jahren Gruppen, die anderen im Namen des Buddhismus das Leben zur Hölle machen. Ob nun die Hardliner-Rhetorik der singhalesischen BBS oder die Hetzkampagnen der burmesischen 969 oder Ma Ba Tha – all jenen Organisationen ist eines gleich: Sie verbinden buddhistische Botschaften mit lokalem Nationalismus. Hinter Angriffen auf Muslime steckt die Überzeugung: Diese Menschen gehören ethnisch und religiös nicht zu uns.
Fundamentalismus als Begriff sei im Grunde neutral, so Hellmann-Rajanayagam. Eine Rückkehr zum Ursprung und ein Isolieren hat noch lang nichts mit Gewalt zu tun. Vollkommen friedlich leben etwa orthodoxe Juden in London oder die Amischen in den USA. Problematisch werde es dann, wenn die Gruppe ausschließend wird. Wenn die Überzeugung da ist, dass Andersgläubige schlechter seien.
Diese Art von buddhistischem Fundamentalismus sei nichts Neues, erläutert der indische Journalist Vishal Arora. „Was wir heute in Südostasien sehen, ist nicht die Entstehung eines buddhistischen Fundamentalismus, sondern die Wiederentstehung davon“, meint er. „Gewalt gab es immer in buddhistischen Gesellschaften.“

„Dass Buddhismus gewaltlos war, ist ein Mythos, von dem man sich ganz schnell verabschieden sollte“, hebt auch Hellmann-Rajanayagam hervor. Die Religion fordere zwar Gewaltlosigkeit. Ganz einfach, weil das Ziel ist, so wenig schlechtes Karma anzuhäufen wie möglich. Aber: „Der real existierende Buddhismus war nie gewaltlos.“ Das Gebot des Buddha, nicht zu töten, war kein Verbot. Viel eher habe er auf die Mechanismen aufmerksam gemacht: „Ihr könnt es tun, wenn ihr wollt, aber dann müsst ihr die Konsequenzen tragen.“ Der Vinaya, also die Gesetzgebung der Mönche, baut anschließend darauf auf und verbietet zu töten. Doch der Buddhismus als Religion der Herrscher und der Bevölkerung war nie gewaltlos. Nicht in Tibet, nicht in Myanmar, nicht in Indien, nicht in Sri Lanka und nicht in China.
Wie kommt es nun dazu, dass sich Buddhisten weg vom Ideal der Gewaltlosigkeit, hin zur Anwendung von Gewalt bewegen? Laut Hellmann-Rajanayagam ist das nicht ausgelöst durch ein punktuelles Ereignis, sondern ein schleichender Prozess. Zur oben beschriebenen Isolation kommt eine Bedrohung hinzu. Ausschlaggebend sei dabei nicht, ob die Bedrohung real ist, sondern bloß, dass sie wahrgenommen wird.

Nationalistische Rechtfertigung
Und hier greifen dann Rechtfertigungen wie etwa, man greife ja nur zur Gewalt, um sich vor dieser Bedrohung zu schützen. In einem Sutra im Pali Samyutta Nikaya fragt zum Beispiel ein Schüler den Buddha, ob ein Krieger, der einen gerechten Kampf kämpft und in der Stunde seines Todes seine Taten bereut, den Konsequenzen seines Karmas entgeht. Der Buddha verneint das. Selbst wenn er für eine gute Sache kämpfe, den Konsequenzen des Karmas entgehe niemand. Doch dieser Punkt wurde über die Jahrhunderte neu interpretiert, erklärt Hellmann-Rajanayagam. „Zum Schutz der Religion nehmen dann Krieger schlechtes Karma auf sich.“

Die Idee, dass Herrscher die Religion schützen müssen, damit sie nicht verschwindet und damit die Mönche ihre Meditation durchführen können, gab es bereits im frühen Buddhismus. In einem singhalesischen Epos aus dem 5. Jahrhundert etwa, erzählt Hellmann-Rajanayagam aus ihrer Forschung, hatte ein König Gewissensbisse, weil er Millionen Menschen getötet hat. „Doch die Mönche sagten zu ihm: ‚Du brauchst keine Gewissensbisse zu haben, weil du keine Menschen getötet hast, sondern nur Tiere, denn sie waren keine Buddhisten.‘“
Über die Jahrhunderte wurde die Chronik in Sri Lanka in immer schärferer Form weitergegeben. „Hier sehe ich so etwas wie einen Anfang von Fundamentalismus“, sagt Hellmann-Rajanayagam. Durch die Kolonialismus-Erfahrung im 19. Jahrhundert haben sich ganz neue Dynamiken entwickelt. Gepaart mit einem aufkommenden Nationalismus wurde ‚die Erzählung zu einem Metanarrativ singhalesischen Nationalismus‘. Buddhismus und Sri Lanka werden gleichgesetzt.

Reaktion auf Islamisierung
Erst wurden Tamilen, nun sind Muslime Ziel der Attacken und Ausgrenzung. Vorherrschend ist die Angst, dass eine Mehrheit von einer Minderheit bedroht und überrannt wird. So sieht Hellmann-Rajanayagam eine verstärkte Islamisierung Malaysias im Zusammenhang mit einer verstärkten ‚Buddhifizierung‘ Burmas. Die Kenntnis von der Entwicklung in Malaysia könnte demnach zu einer Eskalation und Verstärkung vorhandener Ängste führen. Beide Trends hätten mit Religion sehr wenig zu tun, sondern mit Politik und Wahlkampf: „Das ist eine Reaktion auf eine Islamisierung, die die Länder vielleicht gar nicht berührt, aber in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.“ Konsequenz ist, dass sich in Südostasien die jeweiligen extremer werdenden Trends immer mehr aufschaukeln.
Ähnliches ist in Europa zu beobachten und auch hier haben buddhistische Organisationen ihren Anteil. Seit Jahren etwa steht der buddhistische Lehrer Ole Nydahl aufgrund von islamfeindlichen Aussagen in der Kritik. Eine Prüfung der Staatsanwaltschaft Kempten ergab im September, dass seine umstrittenen Aussagen vom August 2018 durch die Meinungsfreiheit gedeckt seien.
Das Problem bei Vertretern von fundamentalistischen Positionen sei, dass sie manchmal sehr charismatisch wären, meint Hellmann-Rajanayagam. Sie traf etwa Wirathu im Jahr 2013. „Verglichen mit Äußerungen von Mönchen in Sri Lanka war der Mann damals moderat“, erinnert sie sich heute. Doch auf Einladung der singhalesischen BBS reiste er danach nach Sri Lanka, wo er von den BBS-Granden hofiert wurde. Nach seiner Rückkehr waren seine Aussagen vollkommen extremistisch, er hatte sich radikalisiert.

„Der buddhistische Fundamentalismus, den wir heute sehen, ist um vieles gefährlicher als der frühere“, bescheinigt Arora. Denn heute vernetzen sich Buddhisten international. Er weist darauf hin, dass verschiedene Ereignisse in Thailand, Myanmar und Sri Lanka in den Sommer 2012 fielen: Die BBS wurde in dem Jahr gegründet, im Juni gab es die ersten verheerenden Gewaltausschreitungen gegen Rohingya und eine neue Organisation startete auch in Thailand. In der Tat besuchte eine BBS-Delegation Thailand und Myanmar im März 2012. 2014 schließlich fand die erste ‚Great Sangha Conference‘ in Colombo statt, wo eine Zusammenarbeit zwischen BBS und Wirathu fixiert wurde.

Dass der Trend sich international durchsetzt, glaubt weder Hellmann-Rajanayagam noch Arora. „Die fundamentalistischen Gruppierungen wären gerne die neuen Gesichter des internationalen Buddhismus“, hält Arora fest. Doch es gelingt ihnen nicht. Im Westen ist das immer noch von Akteuren wie dem Dalai Lama besetzt, der Gewaltlosigkeit predigt und lebt. „Der Dalai Lama ist wahrscheinlich am fundamentalistischsten von allen“, sagt Hellmann-Rajanayagam mit einem Augenzwinkern. „Er geht zurück zu den Wurzeln und fordert, unsere Idee der Gewaltlosigkeit anzuwenden.“

Anna Sawerthal, geboren 1983, arbeitet als Journalistin in Wien. Sie hat Tibetologie und Buddhismuskunde in Wien, Nepal, Lhasa und Heidelberg studiert. An der Universität Heidelberg promoviert sie über die tibetische Pressegeschichte.
 
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