Diskurs

Der bhutanische Medienwissenschaftler Dorji Wangchuk war Pionier bei der Einführung des Fernsehens. Heute ist Social Media sein Thema und er geht der Frage nach, was Journalismus in seiner buddhistischen Heimat bedeutet.

Als Dorji Wangchuk Anfang der 1990er-Jahre seinen Master im italienischen Bologna machte, entschied er sich, seine Abschlussarbeit darüber zu schreiben, wie man das Fernsehen in Bhutan einführen könnte. Der Titel lautete ‚Project Television Bhutan‘. In dem kleinen Königreich im Himalaya, bekannt als das einzige buddhistische Königreich der Welt, gab es zu dieser Zeit noch kein Fernsehen. Der damalige König des Landes, Jigme Wangchuck IV., war gegen die neue Technologie. Das Fernsehen würde die traditionelle Lebensweise, die sozialen Strukturen, ja, die ganze Kultur des Landes zerstören.
Als Wangchuk Mitte der 90er-Jahre in sein Land zurückkehrte und dem König seine Pläne vorschlug, sagte dieser ihm genau das. Doch mit den Jahren wurde es auch in Bhutan immer leichter, per Satellit Fernsehkanäle zu empfangen. Die Leute brauchten nur noch die Hardware, also ein Gerät und eine Satellitenschüssel. Es mag zwar verboten gewesen sein, aber immer mehr Bhutanesen schauten heimlich fern.
Die Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich war dann der Knackpunkt. Halb Bhutan saß illegalerweise vor der Flimmerkiste. Der König sah daraufhin ein, dass er die Technologie nicht stoppen konnte, und setzte Wangchuks Masterarbeit um. Seit 1999 gibt es in Bhutan Fernsehen.
In den vergangenen 20 Jahren hat sich jedoch medial viel getan. Dorji Wangchuk ist momentan nur mehr selten in seinem Heimatland. Nach langer Tätigkeit als Direktor des königlichen Büros für die Medien Bhutans (Royal Office for Media) zog es ihn wieder ins Ausland. Er schreibt heute an seiner Doktorarbeit in Macau. Für den internationalen Vajrayana-Gipfel in Thimphu ist er in seine Heimat gereist. Der bescheidene Mittvierziger steht zwar selbst lieber hinter der Kamera, doch beim Gipfeltreffen betritt er die Bühne und hält einen Vortrag zum Thema ‚Soziale Medien in Bhutan‘. Wangchuk ist auch dieses Mal thematisch wieder einen Schritt voraus, denn die sozialen Medien verändern Bhutan – ob das Land das will oder nicht.
„Bhutan funktioniert immer noch stark nach traditionellen Dorfstrukturen“, erklärt Wangchuk im Gespräch. Die Menschen leben hauptsächlich in Dorfgemeinschaften, zwischen Bergen, in Tälern, die von der imposanten Berglandschaft geprägt sind. Jede Gemeinschaft habe ihre eigene Gottheit, so Wangchuk, die über das Schicksal der Menschen wacht – oder zumindest mitbestimmt, wie sich das Klima entwickelt. Jede Familie hat aber auch Gottheiten, die mitbestimmen, was auf dieser Welt täglich passiert. Man sieht diese Gottheiten vielleicht nie, aber sie sind immer da, anwesend, und können sich in unterschiedlicher Form manifestieren. Manche von ihnen haben zornvolle Ausprägungen. Daher müssen sie immer wieder durch Opfergaben friedlich gestimmt werden. Wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, muss man diesen Gottheiten Opfer darbringen, um die schlechte Tat wiedergutzumachen. „Diese speziellen Rituale können nur Dorfpriester ausüben“, sagt der Medienwissenschaftler.
Doch viele Bhutanesen leben im Ausland, hauptsächlich in den USA oder in Australien. Oder so wie Wangchuk in Macau. Sie wollen aber trotzdem mit den Ritualen in ihrer Heimat verbunden bleiben. Und hier kommt das Smartphone ins Spiel: Per Smartphone schalten sich die im Ausland lebenden Bhutanesen in die Rituale ein. Wenn der Priester daheim in Bhutan sein jährliches Ritual abhält, ruft er dabei 16 bis 17 Gottheiten an. Kommt die jeweilige Gottheit an die Reihe, dann macht der Expat seine Opfergabe und seine Niederwerfungen – aus der Ferne, live übertragen über das Smartphone.
„Es geht also nicht nur darum, mit den Familien selbst per Facebook oder WhatsApp in Verbindung zu bleiben“, erklärt Wangchuk, „man bleibt so auch mit den Gottheiten in Verbindung.“ Es ist in Wangchuks Gesicht zu erkennen, wie sehr ihn die neuen Technologien faszinieren. Außer ihm beschäftigt sich kaum jemand in seinem Heimatland mit der medialen Erforschung dieser neuen Möglichkeiten.
Was Wangchuk verstanden hat: Vielleicht mag man die neuen Entwicklungen nicht, aber man kann sie nicht aufhalten. Viele Mönche und Äbte der zahlreichen Klöster in Bhutan würden das Smartphone am liebsten verbieten, sie tun es auch. So wie einst das Fernsehen wird es dann heimlich benutzt. Wangchuk plädiert dafür, sich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen und sie nach eigenem Gutdünken zu verwenden und zu gestalten.
Ist Wangchuk also weniger ein Visionär als ein Realist? Wenn es um die grundsätzliche Arbeit von Journalisten geht, dann hat er große Visionen. In seiner Doktorarbeit widmet er sich auch folgenden Fragen: Was kann Journalismus? Was soll Journalismus? Wie ist unser Mediensystem aufgebaut? Sein Fokus dabei sind die kulturellen und sozialen Eigenarten Bhutans. Denn er weiß, wie sehr die Medien und der Journalismus vom Westen geprägt werden, weil sie in den USA und in Europa entstanden sind.

Bhutan
„Wir wissen, dass diese Konzepte und Medienmodelle in Europa und den USA angefangen haben. Sie sind eurozentrisch, gewachsen hauptsächlich als Antwort auf ganz bestimmte historische und politische Entwicklungen sowie soziale Bedingungen. Aber in Bhutan“, so der Medienwissenschaftler Wangchuk, „sind wir Mahayana-Buddhisten.“ Die bestehenden Kommunikationstheorien, die journalistischen ‚codes of practices‘, die Journalismustheorien, die vorliegenden Antworten auf die Frage, was Nachrichten überhaupt sind: „All das sind Dinge, die nicht wirklich zu uns gehören.“
Also begann er, eine eigene Form des Journalismus zu entwickeln, eine, die auch Bhutanesen als solche empfinden. Und diese nennt er Journalismus des Mittleren Weges – ‚Middle Path Journalism‘. Diese Theorie lehnt sich an den im Mahayana-Buddhismus praktizierten ‚Mittleren Weg‘ an: Um Erleuchtung zu erlangen, muss man jede Art von Extremen vermeiden. Und diese philosophische Grundanschauung möchte Wangchuk auch für den Journalismus übernehmen.
„Wenn wir in Bhutan den kulturellen und sozialen Kontext betrachten, sehen wir, dass im westlichen Modell zu viel Gewicht auf individuellen Rechten und Freiheiten liegt. Hier in Bhutan versuchen wir, gemeinschaftliche Harmonie zu propagieren. Auch Familie ist hier extrem wichtig.“ Wangchuk sieht zu viele Nachrichten über Prominente, Stars und Sternchen in der globalen Medienwelt. Auch Menschen in Machtpositionen würden überproportional häufig beleuchtet. „In Bhutan versuchen wir nicht nur, Menschen zu respektieren, sondern alle Lebewesen – also auch Tiere und Pflanzen.“
Wangchuk wünscht sich ein alternatives Medienmodell, das Mitgefühl, Gemeinschaftswerte und soziales Engagement fördert. Er denkt, dass es nicht nur Luxus ist, sich über neue Medienmodelle Gedanken zu machen, viel eher hält er den Schritt für unverzichtbar. „Medien haben so viel Macht. Auf lange Sicht haben wir sonst ein Problem.“
Er betont, dass er das westliche Modell auch gar nicht ersetzen möchte, viel eher komplementieren oder eine Alternative anbieten. Andere Aspekte, wie zum Beispiel die Schaffung von Transparenz, sind ihm sehr wichtig. „Natürlich gibt es gute Aspekte am westlichen Medienmodell, zum Beispiel die Erhaltung der Transparenz und die Sicherung von Recht und Justiz. Das sind Werte, die wir auch hier gerne haben.“ Schnell setzt er hinzu: „Nicht, dass wir die hier nicht hätten. Aber man weiß ja nie.“


Anna Sawerthal, geboren 1983, arbeitet als Journalistin in Wien. Sie hat Tibetologie und Buddhismuskunde in Wien, Nepal, Lhasa und Heidelberg studiert. An der Universität Heidelberg promovierte sie über die tibetische Pressegeschichte.

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