Diskurs

Der Buddhismus ist der Pfad des Bewusstseins. Selbstbeobachtung, Achtsamkeit und Mitgefühl können auf dem Weg sehr hilfreich sein.


Bewusstsein gilt generell als etwas Gutes, Erstrebenswertes. Beim Aufzählen dessen, was uns Menschen vom Tier unterscheidet, nennen wir oft das Bewusstsein: Wir sind Menschen, weil wir uns unserer selbst bewusst sind. Tiere gelten als instinktiv Handelnde. Aufgrund ihrer biologischen Ausstattung mit Instinkten oder Trieben können sie kaum anders, als sich so oder so zu verhalten, sagt man, je nach installiertem Programm. Erst der Mensch gilt als mit einem weitreichenden Bewusstsein ausgestattet und so zur Willensfreiheit fähig. Das ist die Voraussetzung für ein ethisch gutes Verhalten. Auch eine höhere geistige Entwicklung mit dem Ziel einer Befreiung zu Lebzeiten – für Hindus moksha, für Buddhisten nirvana – ist ohne Bewusstsein nicht möglich.
Eine Unterscheidung zwischen Bewusstsein, auf Englisch consciousness, und Bewusstheit, awareness, ist sinnvoll. Die zentrale buddhistische Tugend der Achtsamkeit, sati, entspricht eher dem, was im Englischen awareness heißt. Auf Deutsch könnte man es Wachheit, Geistesklarheit, geistige Präsenz oder Bewusstheit nennen. Mit sati ist jedenfalls nicht das Ergebnis eines Bildungsvorgangs gemeint, einer Konditionierung. Wenn etwa Wissenschaftler einander ansprechen mit „Sie als Physiker sind sich doch sicherlich bewusst, dass Elementarteilchen einander abstoßen können“ oder religiöse Menschen mit „Sie als Christ sind sich doch sicherlich bewusst, wie wichtig Mitgefühl ist“, dann ist hier Bewusstsein als Ergebnis einer Konditionierung im Denken, Fühlen und Wahrnehmen gemeint. So wie auch der Begriff des Klassenbewusstseins unter Sozialisten sowie Adeligen oder auch das Kastenbewusstsein unter Hindus nichts mit Wachheit und Geistesgegenwart zu tun hat.
Sati hingegen bedeutet, dass ich, wenn ich etwas denke, fühle oder tue, mir dessen gewahr bin. Ich tue es nicht in geistiger Umnachtung, sondern bei wachem Bewusstsein. Ein Besessener, ein Mensch im Alkohol-Vollrausch, im Koma oder in Volltrance ist sich nicht bewusst, was er oder sie gerade tut, und kann sich danach nicht mehr erinnern, was war. Bewusstsein als Wachheit oder Geistesgegenwart ist etwas anderes als der auf bestimmte Art gebildete Verstand, der unausweichlich Wahrnehmungsfilter und -präferenzen zur Folge hat. Ein solches ‚echtes‘ Bewusstsein oder Gewahrsein könnte man als das eigentliche Ziel des Buddhismus und vieler anderer spiritueller Praktiken verstehen. Neben dem Mitgefühl als dem zweiten zentralen Ziel des Buddhismus, das viele übrigens für eine unausweichliche Folge von sati halten. Und ebenso wie sati kann man auch Mitgefühl trainieren – die Praxis des liebenden Mitgefühls, metta, beansprucht genau dies.
Warum eigentlich halten wir Bewusstheit für besser als Unbewusstheit? Der Grund ist vermutlich, dass wir unsere Ziele boykottieren, wenn wir unsere unbewussten Anteile nicht kennen. Wenn eine Hand nicht weiß, was die andere tut, halten wir uns manchmal mit ebenso viel Kraft von etwas zurück, das wir andererseits wollen. Die unerkannten Anteile in unserem Inneren, die wir gerne auf unsere äußeren Feinde projizieren, können uns das Erreichen unserer Lebensziele vermasseln. Sie können uns gewalttätig werden lassen und uns zu Taten verleiten, die wir danach bereuen. Sie halten uns in Ambivalenz gefangen, lassen uns Doppelbotschaften geben und führen zu unklarer, Konflikte erzeugender Kommunikation.
Nicht immer bewerten wir jedoch Bewusstheit höher als ihr Fehlen. Hierzu hat Heinrich von Kleist sein berühmtes Traktat über das Marionettentheater geschrieben. Unbewusst ausgeführte Bewegungen können auf den Betrachter fließender, anmutiger, schöner wirken als bewusste, vom Verstand gelenkte Bewegungen. Selbstbewusstsein kann das Individuum ‚von sich selbst‘ berauschen und in Eitelkeit gefangen halten. Wir empfinden das dann als hässlich gegenüber der Schönheit des Unbewussten, die gerne ‚Unschuld‘ genannt wird. Wer kein Bewusstsein für das eigene Tun hat, kann dafür nicht so leicht schuldig gesprochen werden. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, sagte Jesus zu den Soldaten, die ihn gekreuzigt hatten.

Buddhismus
Heinrich von Kleist greift, wie gesagt, in seiner Erzählung ‚Über das Marionettentheater‘ die Schönheit des Unbewussten auf. Dort lässt er seinen Erzähler die Anmut der seelenlosen Figuren bewundern und sie mit denen eines selbstbewussten Menschen vergleichen, dessen Eitelkeit die Schönheit seiner Bewegungen behindert: „Ich sagte, dass ich gar wohl wüsste, welche Unordnungen in der natürlichen Grazie des Menschen das Bewusstsein anrichtet.“ Aber es gibt eine Lösung, wenn man den Weg der Selbsterkenntnis bis zum Ende geht, schreibt Kleist: „So findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat.“
Sati, die zentrale Tugend der Lehre des Gautama Buddha, führt uns nach dem Naschen vom Baum der Erkenntnis erst mal durch das Jammertal eitler Selbstbeobachtung. Die Schönheit unserer anfangs noch unbewussten Kindlichkeit und Jugend geht dabei verloren. Jedes Bewusstsein von sich selbst führt zunächst einmal zu Selbstverbesserungsbemühungen, die uns unbeholfen aussehen lassen, linkisch, komisch, in ihrer Hilflosigkeit zuweilen auch tragisch oder tragikomisch. Erst wenn das Licht des Bewusstseins alle Schattenbereiche durchleuchtet hat, lungern im Dunkel unseres Unbewussten keine Dämonen mehr herum, die uns hinterrücks überfallen können. Unsere Bewegungen sind dann wieder schön und – in Kleists Worten – die Bewegungen eines Gottes auf Erden. Denn nur ein Gott könne sich, sagt er, auf diesem Felde mit der unbewussten Grazie der Figuren des Marionettentheaters messen.
Kleist hatte keine Kenntnis von Buddhas Lehre, dennoch gelang es ihm in seiner Erzählung vom Marionettentheater, die Kernidee der buddhistischen Lehre der Bewusstwerdung des Menschen zu erfassen. Er beschrieb sie mit Worten aus der jüdisch-christlichen Mythologie vom Ausgang des Menschen aus dem Paradies der Unschuld und (Selbst-)Bewusstlosigkeit – bis hin zum Erreichen einer Rückkehr ins Paradies oder des Himmels auf Erden durch den Erwerb vollkommener Bewusstheit: „Wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es – das Paradies – vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“
Wenn die Anforderungen dieser ‚Reise um die Welt‘ uns als schier unerträglich erscheinen, kann uns der Verlust des Bewusstseins als erstrebenswert erscheinen. Dann betrinken wir uns oder suchen uns eine Sucht – zudröhnende Rauschmittel, Arbeitssucht, Sexsucht, Ruhmsucht, Karriere und Geldgier eignen sich dafür ebenso wie allerlei Zerstreuungen, Unterhaltung, Smalltalk und Zeitvertreib. Nach dem Rausch folgt der Kater, nach der Zerstreuung das Gefühl, Zeit vergeudet zu haben. Oft ist es die eigene Sterblichkeit, die uns schließlich daran erinnert, dass kein Weg mehr ins Paradies der Unschuld führt: Wer die Bewusstwerdung einmal begonnen hat, kann nicht mehr zurück. Nun bleibt uns nur noch, das Bewusstsein zu erweitern, bis die Parallelen sich im Unendlichen wieder treffen. Dann wird kein Feedback uns mehr irritieren können. Wir sind uns unserer selbst gewahr und wieder so anmutig wie einst als Kinder.

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