Es ist schon Jahrzehnte her, dass ich mich zur Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio für Frauen entschlossen hatte – und nach einem halben Jahr einfach weggeblieben bin. Doch mit zunehmendem Alter gewinnt das Thema Kraft neue Bedeutung.
Ich bin kein Mensch, der sich durch Wettbewerb motivieren lässt. Wenn ich etwas tun möchte (oder nicht), kommt die Idee oder der Impuls meist aus mir selbst heraus und SEHR selten von außen. Meinen Eltern hat das in ihrer Erziehung manchen Ärger bereitet, doch wenn man es mit einer Stiergeborenen zu tun hat, redet man sich einfach auf die Sturheit hinaus. Das macht sogar mein Mann manchmal, wenn ich kompromisslos meine Meinung kundtue. Doch das ist ein anderes Thema.
Mir reicht es grundsätzlich, dass ich in etwas gut bin. Ich muss nicht die Beste sein. Was wiederum dem Wettbewerbsgedanken zuwiderläuft, denn wozu fahre ich Rennen, wenn ich nicht gewinnen will? Ich will etwas tun, was mir Freude macht, und wenn ich gewinne, nehme ich das zur Kenntnis. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie gesagt: Ich kann Wettbewerben nicht besonders viel abgewinnen.
Und deshalb mag ich auch keine Fitnessstudios.
Vor Jahrzehnten wollte ich es trotzdem ausprobieren, in einem damals neu eröffneten Frauenfitnessstudio. Damals dachte ich mir, dass zumindest der Druck wegfallen würde, beim Gewichteheben das andere Geschlecht beeindrucken zu wollen/müssen. Wir Weiber wären unter uns, jede würde sich ihrer Aufgabe widmen und dann wieder nach Hause gehen. So ähnlich war es dann auch, allerdings hatte ich meinen Trainingsplan unterschätzt. Dieser schrieb mir nämlich vor, mindestens 20 Minuten auf dem Ergometer zu verbringen. Am Anfang biss ich die Zähne und Hinterbacken zusammen, doch letztere machten diese Fitness-Anforderung bald zu einer Tortur.
Erstens wusste ich nach spätestens zehn Minuten nicht mehr, wie sich die Prinzessin auf der Erbse in mir auf dem Sattel halten sollte.
Zweitens befanden wir uns in der Prä-Handy-Zeit, in der man sich nicht einfach Kopfhörer mit Podcasts, Audiobooks oder Videos in die Ohren stecken konnte.
Man war gezwungen, den Geräuschen der Geräte oder den Gesprächen anderer Menschen zuzuhören. Mit Schmerzen im Hinterteil ist weder das eine noch das andere ein ausgesprochenes Vergnügen. Und irgendwann einmal beschloss ich, meine Mitgliedschaft zu kündigen und etwas anderes auszuprobieren. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was es war: Qi Gong vielleicht oder Yoga oder Badminton? Auf jeden Fall machte ich um Fitnessstudios künftig einen großen Bogen.
Und diese großen Bögen würden immer häufiger, da sich die Zahl der Studios in den letzten Jahren sprunghaft erhöhte. Nicht nur, dass neben den Handyläden und Kebabständen auch die Nagelstudios verzehnfacht wurden: Auch Fitnessstudios schossen wie die Schwammerl aus dem feuchten Boden. Häufig konnte man den Menschen durch polierte Fensterscheiben beim Schwitzen zuschauen. In meiner Welt kommt Schwitzen nicht vor, und wenn ich es doch einmal tun muss, versuche ich, es heimlich und alleine zu tun. Warum in aller Welt sollte ich wollen, dass mir Passanten dabei zusehen, wenn sich die Schweißflecken unter meinen Achseln mit jenen am Rücken vereinen? Das alles war mir zutiefst suspekt.
Jetzt bin ich seit einigen Monaten 60, und auch wenn mir mein Alter grundsätzlich wurscht ist, merke ich doch, dass mein Körper mehr Betätigung braucht als Yoga, Bauchtanzen und zügiges Gehen. Da geht es weniger um die Beweglichkeit, die nach wie vor sehr zufriedenstellend ist, als vielmehr um die Kraft. Irgendwo in meinem Zuhause liegen zahlreiche Gewichte herum, die ich anfangs reaktivieren wollte. Doch ich verschwendete meine Zeit lieber damit, nach den besten Trainingsplänen zu googeln, als die Hanteln tatsächlich zu stemmen. So kam ich nicht weiter.
Eine Freundin erzählte in einem Nebensatz von einem Bewegungsstudio, das sie als Ersatz für ihre aktuelle Trainingsgruppe in Betracht zog. Und da ich ein großer Fan von Synchronizitäten bin, recherchierte ich das Konzept und unterbreitete es meinem Mann. Er kann locker zehn Stunden am Stück sitzen und in seinen Bildschirm schauen, ohne auch nur einen Muskel zu bewegen. Und obwohl er noch keine 60 ist, war ihm schon bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Wir meldeten uns für ein Probetraining an.
Um es kurz zu machen: Wir sind nun stolze Besitzer einer Jahresmitgliedschaft, weil dieses Studio alles hat, was wir in einem Fitnessstudio aushalten können: ruhige Menschen, im Dachgeschoss, überschaubare Trainingseinheit und kein Gedudel oder fancy Trainingsklamotten. Wir trainieren an zwölf Maschinen unsere Widerstandskraft, und es tut gut. Der Muskelkater hält sich glücklicherweise in Grenzen, und die Vorfreude auf das Frühstück im Erdgeschoss des Gebäudes im Anschluss an die Bewegungseinheit ist umso größer.
Das Gute an den Schwammerl-Fitness-Studios ist: Es gibt inzwischen wirklich für alle Bewegungsgeschmäcker Angebote. Und ähnlich wie bei Psychothera:peutinnen lohnt es sich auch hier, nach dem zu suchen, was einem zusagt. Momentan ist es für uns genau das Richtige. Doch wir werden sehen, wenn wir uns in grauen Wintermorgenstunden befinden und die Motivation eher zu Feuer als zu Fitness tendieren wird. Trotzdem: Wir sind zuversichtlich!
Lied zum Text: "Real Emotions"/Los Lonely Boys
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