Ein japanisches Sprichwort besagt: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mache einen Umweg.“ Das Gleiche trifft auf die Selbsterkenntnis zu.
In dieser Rubrik beantwortet MoonHee Fragen des alltäglichen Lebens oder Fragen, die ihr schon immer einmal stellen wolltet.
In ihrem allerersten Beitrag „Wie geht es dir heute? Danke, gut!“ findet ihr mehr Informationen dazu.
Die Selbsterkenntnis, obwohl wir uns selbst am nächsten stehen, liegt uns so fern wie die Weiten des Universums. Sich selbst zu erkennen, ist wohl die größte Herausforderung des Menschen. Der direkte Weg scheint kaum machbar. So ist, um das Ziel dennoch zu erreichen, ein Umweg vorprogrammiert.
Das Erkennen zieht ein Verstehen nach sich. Auch wenn uns das Erkennen leichter fällt als das Verstehen, tun wir es dennoch jeden Tag. Wir erkennen Dinge und im besten Fall verstehen wir sie. Für die Selbsterkenntnis braucht es aber mehr.
Wir berechnen die Umlaufbahnen der Planeten und fliegen zum Mond. Wir können leben und Wissenschaften betreiben, ohne dass wir uns selbst erkennen müssen. Das ist möglich, weil wir rational denkende und lernfähige Wesen sind. Warum tun wir uns dann mit dem Erkennen unseres Selbst so schwer? Weil Verstehen nicht gleich Verständnis ist.
Verständnis geht über das Verstehen (Intellekt) hinaus. Verständnis ist eine Beziehungssache. Sich selbst zu erkennen, bedeutet, die Welt – in sich – zu erkennen. Nicht in dem Sinne, dass ich mich als Mittelpunkt der Welt erlebe, sondern dass ich verständnisvoll gegenüber den Dingen werde. Ein Selbsterkennen ohne Weltbezug kann es nicht geben. Die Selbsterkenntnis ist keine Ego- oder Me-Time-Nummer. Das Gegenteil ist der Fall. Das Selbst ist immer ein partnerschaftliches Selbst. Je mehr ich mich der Welt öffne, desto mehr erkenne ich mich selbst und umgekehrt: Je mehr ich mich selbst erkenne, desto mehr öffne ich mich der Welt.
Das wahre Selbst ist ein Doppelselbst. Selbstsein bedeutet Weltsein und Weltsein Selbstsein. Zwischen Selbst, Welt und dem Weg gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Die Grundlage allen Seins ist Einheit. Die Grenzen von Selbst und Welt existieren nur in meinem Kopf.
Selbstrealisation ist also Selbst-be-Wegung – es hat durch seine Be-Wegung den Weg erschlossen. So kann gesagt werden: Der Weg des wahren Selbst ist zugleich der Weg zum wahren Selbst. Wenn Weg und Welt eins sind, kann der Begriff „Weg“ durch den der Welt ersetzt werden. Selbstrealisation ist demnach Selbst-be-Weltung – es hat durch seine Be-Weltung die Welt erschlossen (vgl. Moonhee Fischer 2021, S. 95).
Der kürzeste Weg zur Selbsterkenntnis führt über das Du, das ein Ich-Du in sich trägt. Das Ich-Du bzw. das Du-Ich ist die ganze Beziehung des Selbst.
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