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Kürzlich haben meine Mutter und ich einen halben Tag in einem Shopping-Center verbracht – freiwillig, aber auch nur, weil es geregnet hat. Es lebe die leere Fülle!

Einmal im Monat treffe ich mich mit meiner Mutter, entweder bei ihr oder bei mir. Dafür braucht es Termine, manchmal schon Wochen im Voraus. Dass da das Wetter nicht immer passend ist, nehmen wir in Kauf. So auch bei unserem August-Treffen, wo sich schwere Gewitter angekündigt hatten, die einen Stadtbummel zu einer etwas ungemütlichen Angelegenheit gemacht hätten.

Also beschlossen wir, uns in einem Einkaufszentrum herumzutreiben.

Dieses Einkaufszentrum gibt es, seit ich denken kann. Und schon als Kind war ich davon fasziniert, dass man so viele Geschäfte auf kleinstem Raum unterbringen kann. Das ganze Tal, in dem ich aufwuchs, hatte nicht so viele Einkaufsmöglichkeiten. Mit meinen Eltern fuhr ich da hin und wieder hin, wenn sie ihre variantenreiche Shoppingliste unter einem Dach abarbeiten wollten. Und das ist wohl bis heute für viele Menschen ein Grund, warum sie in ein Einkaufszentrum fahren – abgesehen von der Tatsache, dass man ausreichend Gratis-Parkplätze zur Verfügung hat und – wie wir an diesem Augusttag – im Trockenen einkaufen wollen.

Ich selbst wohne inzwischen in kleiner Distanz zu einem Shopping-Center, das sich als Ersatz für ein Stadtteil-Zentrum sieht. Es gibt dort eine Post und mehrere Kaffeehäuser, eine Apotheke und mehrere Restaurants. Man holt in der Früh seine Semmel beim Bäcker, bringt die Wäsche zur Reinigung und die Schuhe zur Reparatur hin, erledigt seine Lebensmitteleinkäufe. Was fehlt, sind der Doktor und der Pfarrer, sprich Menschen, die sich ums seelische und körperliche Wohl kümmern.

Diese Aufgabe wird nun an andere Anlaufstellen delegiert.

Das seelische Wohl liegt nun in den Händen von Bekleidungsgeschäften, die uns weismachen, dass wir nur hübsch genug aussehen müssen, um uns wohl in unserer Haut zu fühlen. In der Buchhandlung kann man aus meterweise Selbsthilfe-Literatur jenes Buch finden, das uns zur seelischen Wellness führt. Nicht zu vergessen der Elektronik-Markt, der uns mit immer neuen Geräten die Mühsal des Alltags abnehmen möchte. Wenn man dann vor einem Bildschirm sitzt, der locker die (halbe) Größe einer Kinoleinwand hat, wird die Seele schon zufrieden sein damit, nicht?

Was das körperliche Wohl angeht, kann man sich mit Schokolade und Smoothies, angereichertem Wasser und biologischen Gewürzen pimpen. Die Beauty-Shops kümmern sich um Haut, Nägel und Haare, Make-up und Sonstigem, was Stunden braucht, um aufgetragen und entfernt zu werden. Was noch fehlt, ist ein Fitness-Tempel, in dem man durch hochglanzpolierte Fenster sich gegenseitig zuschauen kann – beim Shoppen und beim Trainieren. Und vielleicht spaziert ja gerade die Hausärztin vorbei, der man dann bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung nicht mehr beteuern muss, dass man sich eh bewegt.

Viele Einkaufszentren sind rund um die Öffnungszeit proppenvoll. Meine Mutter und ich hatten uns einen Montag ausgesucht. Wir haben kaum einen Platz gefunden, wo wir Mittagessen konnten. Gut, wir befinden uns immer noch in der Ferienzeit und es hat geregnet. Doch muss man immer gleich in ein Shopping-Center rennen, wenn das Wetter schwächelt? Der Mechanismus scheint mir ein ähnlicher zu sein wie jener nach einem Wochenende oder Feiertagen. Kann man einen oder mehrere Tage nicht einkaufen oder bummeln gehen, muss das bei der nächstmöglichen Gelegenheit nachgeholt werden.

Ich habe jahrelang PR für das Einkaufszentrum gemacht. Deshalb weiß ich, dass der Erfolg von Shopping-Centern davon abhängt, wie lange sich Menschen dort aufhalten. Aus diesem Grund ist jeder Zentrumsbetreiber daran interessiert, Angebote zu liefern, um die Verweildauer der Kundschaft zu verlängern. Meine Mutter und ich hatten nach drei Stunden alles, aber auch wirklich alles gesehen. Und wir schauen normalerweise bei vielem genau hin, machen uns über das Gesehene Gedanken und nutzen alles als Ausgangspunkt für ein Gespräch, meist über den Zustand der Gesellschaft.

Wir fragen uns, warum geschmackvolle Mode in den Schaufenstern nicht auf den Alltagsmenschen übergreift, der sich heutzutage hauptsächlich zu bedecken scheint, anstatt sich zu kleiden. Wir fragen uns, warum es in den Schuhgeschäften so ein Überangebot an Sneakers gibt und wie ein festliches Outfit aussehen könnte, das mit Sportschuhen getragen wird. Wir fragen uns, warum Menschen in einem Blumengeschäft todernst schauen angesichts der Farbenpracht und Auswahl an Pflanzen, die Freude machen sollen. Viele Antworten finden wir nicht, ehrlich gesagt. Außer der, dass wir – obwohl zwei Generationen angehörend – kaum mehr etwas verstehen. Möglicherweise hängt das aber auch damit zusammen, weil wir niemanden fragen können. Oder – was wahrscheinlicher ist – mit der etwaigen Antwort nichts mehr anzufangen wissen. Meine Mutter und ich verstehen uns über Werte, und die zu erfragen, scheint heutzutage schwierig. Vor allem an einem Ort, dessen Wert darin zu bestehen scheint, Werte mit einem Preisschild zu versehen.


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Bilder © Pixabay

 

Claudia Dabringer

Claudia Dabringer

  Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg mit allem, was zu einer Studentenzeit dazugehört. Mehrjährige Konzentration aufs Radiomachen, bis alles durchexerziert war und das Schreiben wieder im Kopf präsent wurde. Seitdem freie Journalistin, Autorin und Vortragende sowie als Sc...
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