Als wäre es gestern gewesen, sehe ich mich in einem schwarzen Jumpsuit über eine Tanzfläche wirbeln, höre mich Reden lauschen, die mein Leben nach fünf Jahrzehnten zusammenfassen. Seit diesem Tag sind zehn Jahre vergangen.
Aus vollstem Herzen kann ich sagen, dass das letzte Jahrzehnt das beste meines Lebens war. Doch manchmal trügt das Herz ja, weshalb ich mich hingesetzt und auf die einzelnen Abschnitte meiner persönlichen Zeitrechnung geblickt habe – nur zur Sicherheit. Und natürlich habe ich überall etwas Großartiges gefunden, nur um das vorauszuschicken.
Nennen Sie es Erinnerungspositivismus oder Vergesslichkeit.
Für mich fällt es in die Kategorie "Nichts Schlechtes, wo nicht auch etwas Gutes um die Ecke kommt".
Mein erstes Jahrzehnt war geprägt von Landleben und Schule. Und wie vermutlich jedes Kind habe ich gelernt, die ersten Schritte in die Gesellschaft zu machen, Regeln zu erkennen und sie zu lernen. Es war eine ruhige, gute Kindheit mit viel Liebe und Fürsorge, auch viel Förderung meiner durchscheinenden Neigungen, die hauptsächlich dem Lesen und Musikhören galten. Es gab Klavier- und Ballettstunden, wöchentliche Fahrten zu den Großeltern und jährliche Urlaube am Meer. Erst kürzlich war ich in diesem Ort, den wir als junge Familie immer anfuhren, und ich war erstaunt, wie viel er mir damals in meiner Kindheit und beginnenden Jugend bedeutet hatte. Der Strand, die von Wurzeln aufgerissenen Straßen dorthin, das Hotel – Erinnerungen an eine Zeit, die von viel Freude an den einfachen Dingen geprägt war und in keinster Weise mangelhaft scheint, auch nicht nach 50 Jahren.
Das zweite Jahrzehnt war stürmischer, weil es in mir selbst stürmischer war. Ja, genau - die Pubertätsjahre. Nicht dass das in meiner Familie groß thematisiert oder benannt wurde, doch dass sich das Teenager-Mädchen plötzlich anders "aufführte", war wohl offensichtlich. Ich wechselte die Schule, wurde zur Pendlerin und damit auch zur Beobachterin anderer Halbwüchsiger, die sich wie Bestien in den Bus drängten, um einen Platz zu ergattern.
Ich merkte, dass die Regeln des Landlebens nur bedingt anderswo galten, und das verwirrte mich. Es gab also Parallelwelten? Interessant. Ob ich da auch bestehen konnte? Ich versuchte es, auf vielfältige Art und Weise. Und wie bei allen Teenagern gab es selbstverständlich keine Kongruenz zwischen dem Innen und Außen.
Was in meinem Kopf möglich war, hielt der Realität nicht stand.
Und was die Realität von mir verlangte, wollte ich immer weniger: lernen, gehorchen, mich anpassen. Stattdessen: Freiheit! Doch natürlich die falsche, nämlich jene, die Freiheit VON etwas bedeutet und nicht Freiheit FÜR etwas. Mit 19, an der Schwelle zum dritten Lebensjahrzehnt, hatte ich beides geschafft.
Nun begann das wirkliche Lernen, nämlich jenes, das herausfinden wollte, wer ich wirklich bin - zumindest in Ansätzen. Ist ja nichts, was einem über Nacht vom Sandmännchen geschenkt wird. Das Weggehen von Zuhause, das Kennenlernen von Menschen, die nichts mit meiner Familie zu tun hatten, das Leben alleine – mein Dasein war plötzlich eine Spielwiese, die zwar innerhalb der Struktur eines Uni-Studiums stattfand, aber ausreichend Platz für Experimente in fast alle Richtungen bot. Liebschaften trugen ihren Teil dazu bei, mein selbstgewähltes Leben in eine Achterbahn zu verwandeln, die ich mir ausgesucht hatte – auch beruflich.
Ein Leben im Mittelmaß war mir ein Greuel, und immer wieder führte ich mit meinem Vater das gleiche Gespräch: "Warum sich mit Zufriedenheit begnügen, wenn es das Glück gibt?" Für mich sollte es nur das große Glück sein, mit der Zufriedenheit würde ich zufrieden sein, wenn ich 80 würde. Hildegard Knef und ihre Hymne "Für mich soll's rote Rosen regnen" war mein heimliches Mantra. Einmal warf tatsächlich jemand rote Rosenblätter über meinen Kopf, in der Nacht von einer Statue. Das war's dann mit dem Rosenregen.
Leider war es der falsche Mann.
Als das vierte Jahrzehnt begann, schien der richtige Mann gekommen zu sein. Er machte mich zur (Leih-)Mutter, war kompromisslos und lehrte mich endlich, was es bedeuten konnte, frei zu sein. Er brach meine Grenzen auf, die mir von der Gesellschaft und meinem eigenen Mindset gesetzt worden waren. Plötzlich wurde möglich, was ich bisher nur in Filmen gesehen und in Büchern gelesen hatte.
Plötzlich entdeckte ich aber auch Qualitäten in mir, die ohne Kinder verschüttet geblieben wären. Ihre Neugierde, ihr Vertrauen, ihre Begeisterungsfähigkeit brachten eine Seite in mir zum Klingen, die ich noch nicht gekannt hatte. Mein Leitsatz bis dahin war: "Ich mag keine Babys und keine Tiere, denn sie können nicht antworten."
Schnell änderte sich das.
Ich wurde Teil von etwas, was damals noch als Konzept in den Kinderschuhen steckte, nämlich einer Patchwork-Familie. Wir waren zwar kein Dorf, das die drei Kids beim Aufwachsen unterstützte, doch zumindest mehr als zwei Menschen. Und das änderte sich auch nicht, als mein Partner einen signifikanten Persönlichkeitswandel vollzog, der schlussendlich zum Ende unserer Liebesbeziehung führte. Eine Familie und Freunde sind wir bis heute geblieben.
Nun war ich 48, Single und voller Tatendrang. Doch in welche Richtung? Ich hatte für eine Situation wie meine keine Vorbilder, keine Orientierungshilfe. Was sollte ich mit den gut 30 Jahren anfangen, die vor mir lagen? Ich beschloss, mich endlich zu definieren – der letzte Schritt eines Prozesses, der vor 30 Jahren begonnen hatte und offenbar nirgendwohin geführt hatte. Denn mir wurde klar, dass ich nun genau jene Freiheit in den Händen hielt, von der ich während meines Teenager-Landlebens geträumt hatte.
Ich musste mich mit niemandem mehr abstimmen, konnte bis 5 Uhr früh tanzen gehen, in Länder reisen, die ich immer schon anziehend fand.
Ich traf Menschen, die zu Freund:innen wurden, lernte Mentalitäten kennen, die ich in mein Leben integrierte, entdeckte Seiten an mir, die ich mochte – egal, was andere dazu sagten. Kurz: Ich ließ nichts aus, was mir Freude bereitete und mich wachsen ließ.
Und ich war glücklich dabei, in so vielen Momenten wie nie zuvor in meinem Leben. Aber auch zufrieden mit dem, was ich in mir entdeckt hatte und wie ich mein Dasein meisterte. Die Meinungsverschiedenheit mit meinem Vater über Zufriedenheit und Glück hatte ein Ende gefunden.
Am 12. Januar 2022 hatte ich wieder so einen glücklichen Moment an einem Strand in Kapstadt. Die Musik in meinen Ohren war gut, der Wind spielte mit den Wellen, meine Füße spazierten durch den Sand. Alles war perfekt. Und plötzlich stand da ein Mann, an dessen Existenz ich nicht mehr geglaubt hatte. Einer, der alle Erlebnisse meines bisherigen Lebens wegwischte und etwas völlig Neues auf meine Leinwand pinselte: Liebe, Zugewandtheit, Loyalität und Verlässlichkeit. Diese Leinwand füllte sich schnell, 19 Monate später haben wir geheiratet. Vor zwei Jahren ist er von Kapstadt zu mir gezogen.
Wenn ich auf diese fast vollendeten sechs Jahrzehnte meines Lebens schaue, empfinde ich sehr viel Dankbarkeit für alles, was ich an privaten und beruflichen Erfahrungen sammeln durfte. Ich bin mehr als einen Umweg gegangen, um zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin. Manche meinen, dass ich mir den einen oder anderen Kilometer hätte sparen können.
Ich bin anderer Meinung, denn es sollte alles so sein, wie es war. Gleichzeitig weiß ich, dass dieser runde Geburtstag nur ein Zwischenstopp ist, denn es gibt noch vieles zu sehen, zu erleben, zu lernen. Doch mit der ersten Bilanz bin ich zufrieden – und glücklich.
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