Die legendäre Begegnung von Kaiser Wu der Liang-Dynastie und Bodhidharma prägt das Fundament des Chan-Zen: Leere, Weite und die Essenz der Zen-Praxis in China und Japan.
Wir schreiben das Jahr 464 unserer Zeit, als Wu in China die Bühne der Welt betrat. Es sieht so aus, als machte er schnell Karriere, denn schon im Jahr 502 bestieg er den Thron des Himmels als Kaiser Wu der Liang-Dynastie. Seine Zeit als Kaiser währte jedoch nur 47 Jahre. Infolge der Kriegswirren starb er mit 85 Jahren im Jahr 549.
Wu war ein frommer Mann und Förderer des Buddhismus, der in China zu dieser Zeit schon fest etabliert war.
Er kannte die Sutren, förderte Klöster und baute Pagoden und Tempel. Er glaubte an die Wiedergeburt, die umso gesegneter sein sollte, je größer die karmischen Verdienste wären. Diese meinte er, sich durch ein besonders frommes Leben und die Unterstützung von buddhistischen Einrichtungen zu erwerben. Sich seiner karmischen Verdienste gewiss und in der Vertiefung der heiligen Schriften fortgeschritten, erhoffte Kaiser Wu seine Wiedergeburt.
Von Bodhidharma kennt man nur ungefähre Lebensdaten. Er soll China in schon höherem Alter um 470 unserer Zeit erreicht haben. Zu dieser Zeit bestand Wus Reich der Liang noch nicht. Bodhidharma soll sich bis zum Jahr 490 im Reich der nördlichen Wei aufgehalten haben und im Kloster am Sung Shan (Shaolin-Kloster) um 541 gestorben sein.
Die Begegnung zwischen Kaiser Wu und Bodhidharma kann also nicht stattgefunden haben.1 So ist diese Begegnung reine Erfindung – allerdings eine gute Erfindung, entfaltet sie doch ihre Wirkkraft bis zum heutigen Tag und ist fester Bestandteil der zum Zen gehörenden Erzählungen.
Im Bi Yan Lu nimmt sie den ersten Platz der Beispielsammlung ein. In der 100 Jahre später erschienenen Beispielsammlung Cong Rong Lu findet man sie an zweiter Stelle. Beide Verfasser der Sammlungen erachteten diese Erzählung als so wichtig, dass sie sie an die vordersten Plätze setzten.
Diese Erzählung gehört zum Fundament des chinesischen „Chan“, das in den folgenden Jahrhunderten über Japan – mit der japanischen Aussprache „Zen“ – in den Westen transferiert worden ist.
Kaiser Wu Liang, Sohn des Himmels, hatte von Bodhidharma als dem großen Meister der Lehre gehört und ihn an seinen Hof eingeladen. So eine Einladung durfte man nicht ausschlagen. Kaiser Wu fackelt nicht lange und kommt gleich zur Sache:
„Wir haben Klöster gebaut und Mönche bestätigt; was für ein Verdienst wird uns dafür?“
Bodhidharma antwortet kurz und knapp: „Kein Verdienst.“ 2
Dieser Hieb sitzt. Er, Kaiser Wu, der die eingesessenen chinesischen Lehren des Daoismus und Konfuzianismus als irrig bezeichnet und dem Buddhismus den Weg geebnet hat, ihm soll laut Bodhidharma kein Verdienst zukommen?! Stille.
Hier erleben wir Kaiser Wu als den frommen Mann, der er ist. Er stellt nun jene Frage, die in den folgenden Jahrhunderten in unterschiedlicher Form den Meistern immer wieder gestellt werden wird:
„Was ist der eine Sinn der heiligen Wahrheit?“ 3
Darum ist es ihm wichtig, Bestätigung zu bekommen für seinen Stand der Erkenntnis. Und wieder kurz und knapp die Antwort von Bodhidharma:
„Leer und weit. Nichts Heiliges!“ 3
Oder in anderer Übersetzung: „Offene Weite – nichts von heilig.“ 2
Kaiser Wu reagiert vermutlich empört:
„Wer ist das da uns gegenüber?“ 3
Bodhidharma:„Ich weiß es nicht.“ 3
Der weitere Verlauf der Geschichte darf hier verschwiegen werden. Er ist nachlesbar, wie alles Vorhergehende.
Tiefe Nacht,
kein Laut
innen wie außen
kein Innen, kein Außen
leer – weit 3
Es sollte rund drei Jahrhunderte dauern (so lange währte die Tang-Dynastie 617–907), in denen sich im Chan eine Metaphysik etablierte, die auf eine verborgene, heilige Wahrheit hinweist, die unter größten Bemühungen zu verwirklichen war.
Während der Song-Dynastie (960–1279) begann ein grundlegender Wandel des chinesischen Chan. Meister traten auf, die die Chan-Praxis von Metaphysik und allem befreiten, was den Blick auf ein Chan „ohne alles“ verstellen konnte.
„Sich auf nichts stützen“ bedeutet „spirituell obdachlos“ zu sein. Wenn nichts mehr da ist, woran man sich halten kann, dann zieht das die Aufgabe nach sich, „sich zu überlassen“. Sich dem Sitzen zu überlassen, dann aufzustehen und sich der Welt zuzuwenden, wie sie nun einmal ist. Hand anzulegen, wann, wo und wie es notwendig ist.
Wenn das Leben selbst zu einem immerwährenden Koan wird, also ein mit unserem analytischen Verstand nicht zu Lösendes, dann beinhaltet es, das Sitzen, Stehen, Liegen und Gehen als Zen-Praxis zu verstehen und auszuüben.
Zen-Lebenspraxis als säkulares Zen braucht nichts Überwärtiges, nichts Jenseitiges, Transzendentes. Mit Augen zu sehen, mit Ohren zu hören, mit Händen zu greifen.
Sich nichts „zurechtsehen“, „zurechthören“ ... kurz – sich nichts „zurechtdenken“. Sich nichts „zurechtheiligen“.
Am Gesehenen nicht haften, am Gehörten nicht haften, am Ergriffenen nicht haften. Weder am Verneigen haften noch an jenem, vor dem sich verneigt wird. Nichts Heiliges und nichts Geheiligtes.
Was bleibt – leer und weit.
Offener Geist – offenes Herz
Offener Geist – offenes Herz
Freies Schweben, nicht festgemacht
in Zeit und Raum,
sich frei bewegend,
in allem sich begegnend 4
1 siehe Bi Yan Lu/Übersetzung Gundert, 1. Band, Seite 52 // Übersetzung Roloff, Seite 55
2. Bi-Yan-Lu Aufzeichnungen vor der smaragdenen Felswand, 1. Auflage 1964, Bi-Yan-Lu Aufzeichnungen vor der smaragdenen Felswand, 1. Auflage 1964, Verlag Hanser, übersetzt und kommentiert von Wilhelm Gundert, S40
3 .Bi-Yan-Lu Aufzeichnungen vor smaragdener Felswand, 1. Auflage 2013, Bi-Yan-Lu Aufzeichnungen vor smaragdener Felswand, 1. Auflage 2013, Verlag Windpferd, übersetzt und kommentiert von Dietrich Roloff, S54
4. Henry Vorpagel
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