„Wer bin ich?“ – eine scheinbar einfache Frage, die in Wahrheit das Tor zu einem tieferen Verständnis des Menschseins und zur Erkenntnis unseres universellen Seins öffnet.
In dieser Rubrik beantwortet MoonHee Fragen des alltäglichen Lebens oder Fragen, die ihr schon immer einmal stellen wolltet.
In ihrem allerersten Beitrag „Wie geht es dir heute? Danke, gut!“ findet ihr mehr Informationen dazu.
Die Frage nach sich selbst, man könnte meinen, sie sei so alt wie die Menschheit selbst, ist eine Frage des modernen Menschen. Der Homo sapiens, der moderne, verständige oder weise Mensch, existiert seit ca. 300.000 Jahren. Das Aufwachen eines Ich-Bewusstseins begann, als der Mensch sesshaft wurde.
Als Jäger und Sammler stand das Überleben an vorderster Stelle. Man lebte hier und jetzt: Man besaß nur das, was man mit sich tragen konnte. Erst mit dem Ackerbau entstand so etwas wie eine Zukunftsvorstellung. Mit der Unterscheidung von vorher und nachher begann ein neues Zeitgefühl, das mit der Sorge um das Morgige und der Sorge um sich selbst einherging. Wie konnte man das, was man hatte, nicht nur sichern, sondern auch vermehren?
Durch Überproduktion und Handel wurde das Überleben sicherer und leichter. Dadurch wurden Räume für Geistiges frei. Kultur, Kunst und Religionen wurden etabliert. Geistige Strömungen nahmen sich der Frage nach dem Ich, verbunden mit der Frage: Wer bin ich?, bewusst an. Mit der Aufklärung wurde das Ich als Ratio institutionalisiert. „Sapere aude.“ (Immanuel Kant) Wer vernünftig ist, denkt – und wer denkt, ist. „Ich denke, also bin ich“, wie René Descartes im Jahr 1637 schon deklarierte.
Der indische Heilige vom Berg Arunachala, Ramana Maharishi, ist mit der Fragestellung „Wer bin ich?“ weltberühmt geworden. Wer hierauf die Antwort findet, ist erleuchtet oder nach Sokrates weise. Der große griechische Philosoph rief aus: „Erkenne dich selbst.“ Nur wer sich selbst erkennt, sieht, wie die Dinge wirklich sind, bzw. erlangt wahres Wissen. Im Thomas-Evangelium heißt es: „Wer das All erkennt, sich selbst aber verfehlt, der verfehlt das Ganze.“
Die Frage „Wer bin ich?“ mag banal anmuten, aber die Suche nach der Antwort ist es nicht. Die Tragweite der Frage lässt sich erahnen, wenn wir ehrlich darauf antworten wollen. Wer bin ich? ist eine Frage, die über uns selbst hinausführt. Denn es geht weniger um das Wer als vielmehr um das Was.
Auf die Frage nach dem Wer? könnte man mit Mensch, Mann, Frau, jung, alt, hetero, homosexuell, arm, reich, erfolgreich, nicht erfolgreich, gesund, krank, glücklich, unglücklich etc. antworten. Allerdings geht die Frage weitaus tiefer.
Die Frage zielt nicht auf die Persönlichkeit (Persona, lat. Maske) mit bestimmten Eigenschaften, Vorstellungen und Werten ab. Vielmehr geht sie über jegliche Selbstdarstellung und jegliches Meinen hinaus. Sie demaskiert. Sie ist die Frage nach unserem innersten Kern, das, was uns in unserem Wesen – unabhängig aller Begrenzung und allem Vergänglichen – wahrhaftig ausmacht.
Je mehr man sich dem Was annähert, desto mehr wird das Wer dekonstruiert und umgekehrt. Schwindet das Wer, offenbart sich das Was. Ebenso erhalten wir die Antwort auf die Frage: Wie viele?
In den fernöstlichen Traditionen ist der Grund allen Leidens, die Illusion als Wirklichkeit anzusehen. Der Megafehlschluss liegt darin, zu glauben, dass wir voneinander getrennte, isolierte Wesen seien, statt zu erkennen, dass in Wahrheit nicht nur alles miteinander verbunden ist, sondern dass darüber hinaus alles in seiner Wesensnatur eins ist.
Das Wesen aller Dinge und mein Wesen sind eins, nicht verschieden. Die Vielheit und Unterschiedlichkeit, die wir sehen, sind nur verschiedene Erscheinungen des EINEN. Das Wesentliche allen Seins wird jedoch davon nicht berührt. Das Eine ist unantastbar und unveränderlich.
Einzigartigkeit und Vielfalt existieren nur auf der Makroebene. Die Buddhisten sprechen von der konventionellen Wahrheit, die aber nicht die letzte Wirklichkeit ist. Auf der Mikroebene fließen alle Trennungen zu einem großen Verbund zusammen.
Der Grund des Wer ist das Was. Dieses Was ist nicht individuell, es ist universell. Nicht Ich, sondern Wir. Wir können wählen zwischen „alles ist Ich“, dem „universellen Selbst“ oder „alles ist eins“. Wichtig ist nur, dass alles auf eins hinausläuft. Im Einen gibt es weder Abgrenzung noch Trennung. Verschiedenheit bedeutet nicht Unterschiedenheit.
Die Frage: Wer bin ich? Und wie viele? erübrigt sich im Einssein. In der letzten Wirklichkeit, im vollkommenen Einssein, werden alle Fragen nach sich selbst hinfällig. Das Ich erlischt. Das, was bleibt, ist mehr, als man fassen kann: Ich bin nicht nur viele – ich bin alles. Jenseits eines Ich-Ichs ist Alles-sein.
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Bilder Teaser und Text© Pexel
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