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Eine der Kardinaltugenden ist die Ehrlichkeit. Doch jeder Mensch lügt. Sicherlich nicht 200-mal am Tag, wie ein Gerücht fälschlicherweise behauptet, aber doch immer wieder.

MoonHee beantwortet hier Fragen des alltäglichen Lebens oder Fragen, die ihr schon immer einmal stellen wolltet. In ihrem ersten Beitrag „Wie geht es dir heute? Danke, gut!“ findet ihr mehr Informationen dazu.

Antwort MoonHee:

Forscher erklären Lügen als evolutionsbedingt und gesellschaftlich notwendig. Sogar Tiere entwickeln Strategien, um sich Überlebensvorteile zu verschaffen. Weiterhin heißt es, Lügen seien der Kitt oder das Schmiermittel einer gut funktionierenden Gesellschaft. Sind Lügen also natürlich und gut und gar nicht schlecht?

Wenn dem so ist, warum trifft es uns so sehr, wenn wir belogen werden, statt uns darüber zu freuen? Und warum schämen wir uns für unsere Lügen und verheimlichen sie? Richtig und Falsch, Wahrheit und Unwahrheit als rein gesellschaftlich-moralische Konditionierungen abzutun, ist bestimmt etwas kurzsichtig. Wir empfinden Lügen nicht als etwas Schlechtes, weil wir so erzogen werden, sondern weil wir Menschen ein natürlich angeborenes Gefühl für Gerechtigkeit und Ordnung haben. Kein Mensch, unabhängig von seiner Zeit und seinem Alter, von seiner Kultur, Bildung und sozialer Schicht, möchte angelogen, übervorteilt oder betrogen werden. Lügen mögen Überlebens- und Anpassungsstrategien sein, jedoch strebt der Mensch von Natur aus nach Wahrheit und nicht nach einem angepassten und für ihn allein vorteilhaften Leben. Würde das Gespür für Wahrheit und Ordnung nicht überwiegen, so wäre überhaupt kein soziales Leben möglich. Kulturen und Gesellschaften, so wie wir sie heute kennen, gäbe es nicht. Wir alle wünschen uns ein wahres und kein falsches Leben. Konditionierung hin oder her – tief in uns fühlen wir: Lügen ist falsch.

Wahrheit ist keine moralische Größe, vielmehr ist sie in der Matrix des Universums eingeschrieben. Richtig und Falsch entsprechen einem universellen natürlichen Ordnungsprinzip, welches Dinge ins Sein setzt. In der Frage nach dem Sinn des Lebens versuchen wir diese zu ergründen. Sein geschieht nicht durch Willkür oder Chaos, sondern folgt gewissen Abläufen, Gesetzmäßigkeiten und Mustern. Dinge manifestieren sich weder durch Zauberhand noch lösen sie sich einfach auf. Einer Wirkung geht immer eine Ursache voraus. Auch wenn die Verbindung zwischen diesem und jenem für uns nicht immer ersichtlich sein mag, existiert doch kein Sein isoliert für sich alleine. Wo A, dann auch B und C usw. Aus nichts wird nichts. Weil das eine ist, ist auch das andere, wie umgekehrt. Alles steht in Wechselwirkung zueinander. Sein ist relational.

Das, was Leben hervorbringt und ausmacht, ist allumfassende Verbundenheit. Somit ist sie auch die Antwort auf all unsere Probleme. Denn ist alles miteinander verbunden, ist die Welt in Ordnung.

Die Verbundenheit ist also die Wahrheit, nach der wir suchen. Sie ist der Grund, das Ziel und der Maßstab für Richtig oder Falsch. Richtig ist alles, was die Verbundenheit fördert, und falsch ist alles, was sie verhindert oder zerstört. Das, was verbunden ist, ist wahr, in dem Sinne, dass sich alles an seinem ordnungemäßen Platz befindet. Hingegen ist das, was nicht verbunden ist, falsch, da es sein natürliches Sein und somit seine rechtmäßige Bestimmung nicht erfüllt. Universelle Ordnung, Wahrheit und Selbsterfüllung entsprechen einander. Entitäten streben nach Seinserfüllung. Denn das, was ist, möchte sein und nicht nicht sein. Darüber hinaus will das, was ist, sich selbst erfüllen, und das bestmöglich. So sucht auch der Mensch nach Seinsfülle. Indem er seinen rechten Platz in der Welt findet, findet er sich selbst – findet er sich selbst, so findet er alles.

Diese Wahrheit versuchen alte Weisheitslehren zu vermitteln. Das Erkennen und Einhalten der universellen Ordnung wird geboten. Die Unwissenheit und Verblendung über unsere wahre Selbstnatur wird als Schlafzustand bezeichnet, welches sich als Ego manifestiert. Egoismus ist keine übertriebene Selbstliebe, sondern stellt einen Mangel an Selbst dar. Die Ich-Bezogenheit, die Ausgrenzung, Ablehnung oder Nichtachtung des anderen führt nicht zur Seins- oder Selbsterfüllung, sondern zur Selbstverleugnung. Die Selbstbestimmung, die Erfüllung seines Selbst, geschieht nicht durch die Reduzierung auf sich selbst (Ich), sondern offenbart sich in der Öffnung und Erweiterung zum anderen. Selbstsein ist immer zugleich ein Mit-dem-anderen-Sein.

lügen

Unter diesem Aspekt können wir entscheiden, ob eine Lüge okay ist oder nicht. Im Englischen werden Notlügen mit dem schönen Ausdruck „white lies“ übersetzt. Sicherlich gibt es mehr als Schwarz oder Weiß. Doch heiligt der Zweck die Mittel? Ist eine Lüge nicht schon ein Zeichen, dass etwas im Argen liegt? Müssten wir lügen, wenn alles in Ordnung wäre?

Die Lügenforschung hat herausgefunden, dass junge Menschen und Männer im Allgemeinen mehr lügen als ältere Menschen und Frauen. Lügen scheinen mit fehlendem Selbstvertrauen, dem Bedürfnis nach Anerkennung, Ehrgeiz, Berechnung, Konkurrenz, Wettbewerb, Ignoranz und Bequemlichkeit gekoppelt zu sein. Hauptsächlich wird aus den oben genannten Gründen gelogen und weniger aus Not oder um andere zu schützen, auch wenn wir das glauben. Eine Lüge ist überwiegend mir dienlich und selten notwendig. Lügen aus Höflichkeit mögen gut gemeint sein, entstehen aber ebenfalls aus einem Mangel heraus. Jemandem zu sagen, dass er fantastisch aussieht, obwohl er es nicht tut, ist kein schönes Kompliment, sondern Schmeichelei, Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit. Bin ich an dem anderen wahrhaftig interessiert, frage ich nach, was los ist. Das könnte allerdings zur Folge habe, dass ich Zeit oder sogar Hilfe anbieten müsste. Höflichkeit ist schön, aber sie darf kein Deckmantel für unsere eigenen Unzulänglichkeiten sein. Die Lügen, andere schützen zu wollen, gelten weniger dem anderen als meiner eigenen Sicherheit (Komfortzone). Die (Auf-)Richtigkeit einer Handlung erkennen wir nicht an der Tat selbst, sondern an dem Grund, der dahintersteckt. Selten geht es um Leben und Tod, wo eine Lüge lebensrettend wäre. Einen Unschuldigen vor einem wütenden Mob zu verstecken, ist durchweg ehrenwert und mutig.

Jedoch ist Lügen eher eine feige Angelegenheit – hinter Lügen versteckt man sich bzw. verstecken sich Angst und Unsicherheit. Je sicherer wir mit uns selbst sind, desto weniger tun Lügen not. Ehrlichkeit ist deshalb eine Tugend, weil der Ehrliche, im Gegensatz zum Lügner, er selbst ist. Indem wir mit uns selbst ehrlich sind, sind wir es auch mit anderen. Belüge ich mich selbst, dann belüge ich auch andere; belüge ich andere, so belüge ich mich selbst.

Nicht die Wahrheit verletzt; es ist die Art und Weise, wie man sie zum Ausdruck bringt. Der Ton macht die Musik. Welchen Ton wir anschlagen, richtet sich nach der Qualität, mit der wir Verbundenheit leben. Je selbstbezogener oder unbewusster ein Mensch, desto unehrlicher ist er. Nur wo wir selbstbestimmt wir sind – kann es eine Wahrheit geben.

Weitere Fragen & Antworten von MoonHee Fischer finden Sie hier.

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Bilder Teaser und Text© Pexel
Bild Header © Sigurd Döppel 

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