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Wenn ich im Leben vor wichtigen, oft schwierigen Entscheidungen stehe, wie kann ich die geistigen Welten am besten um Hilfe bitten?

MoonHee beantwortet hier Fragen des alltäglichen Lebens oder Fragen, die ihr schon immer einmal stellen wolltet. In ihrem ersten Beitrag „Wie geht es dir heute? Danke, gut!“ findet ihr mehr Informationen dazu. 

Antwort MoonHee:

Eine Bitte ist wie ein Gebet. Ein aufrichtiges Gebet entwickelt seine Stärke in der Fülle des Herzens und in der Leerheit des Geistes.

Im-Gebet-Sein bedeutet Sich-Versenken und Hören. Kontemplation und Meditation sind praktische Formen davon. Im Neuen Testament heißt es: „Wer Ohren hat, der höre.“ Das ist jedoch nur möglich, wenn unsere Gedanken leise werden. Wahrhaftiges Hören setzt die Stille des Geistes voraus. Im Schweigen meines Geistes, dem Erlöschen meines Egos, eröffnet sich mir eine Welt, die weit über meine Begrenztheit hinausgeht. Diese Welt ist keine neue oder eine meiner Welt übergeordnete – sie ist mein ureigenes, universelles Sein. Indem ich mein Ich, meine persönlichen Vorstellungen, Anhaftungen, Sympathien und Antipathien loslasse, geschieht das Gebet.

Die Mystik weiß: Wenn Ich entwerde, werde ich. Wir alle sind Mystiker – Mensch-sein bedeutet, Mystiker zu sein – je nach Bewusstseinsoffenheit oder der Fähigkeit zum Hören der eine mehr, der andere weniger. Wunderbar treffend sagt der Benediktiner Mönch David Steindl-Rast: „Ebenso wie wir Kontemplation nicht den Kontemplativen überlassen dürfen, so können wir die Mystik nicht den Mystikern überlassen. Das hieße, die Wurzel menschlichen Lebens abzuschneiden. Setzen wir die Mystiker in unseren Gedanken auf ein Podest, hoch oben und außerhalb unserer Reichweite, dann werden wir weder ihnen noch uns selbst gerecht. Ein Mystiker ist keine besondere Art Mensch, vielmehr ist jeder Mensch eine besondere Art Mystiker. Warum sollte ich mich der Herausforderung nicht stellen und jener einzigartige, unersetzliche Mystiker werden, der nur ich werden kann?“1

Hilfe

Mystik ist keine metaphysische, schöne Utopie und Mystiker sind keine Weltflüchtigen. Mystik ist die Hinwendung zum Wesentlichen, zum Menschsein – und das betrifft uns alle. Die größte Gefahr des Menschen ist, zu sterben ohne gelebt zu haben. Dabei lebt er, als würde er niemals sterben. Diese Haltung ist genau das Gegenteil eines Gebetes.

Bete ich, dann sterbe ich – und werde; werde ich – dann sterbe ich. In der Bereitschaft, mich selbst ein Stück zurückzunehmen und mir mit aufrichtigem Herzen einzugestehen, dass ich nicht alles weiß und bin, dass ich in ein Größeres eingebettet bin, erhalte ich die Antwort auf mein Beten und Bitten. Doch teilt sich alles Sein ein und dasselbe Wesen. Alles hat Buddha-Natur, oder wie es bei dem christlichen Mystiker Angelus Silesius heißt: „Eines tut not.“ Der einzige Unterschied zwischen einem wesentlichen und einem noch nicht wiedergeborenen Menschen liegt in dem tiefen Erkennen, dass alle Dinge eins sind. Je mehr ich wirklich (hin-)höre, dem Leben lausche, erfahre ich im tiefen Urgrund meines Seins: Das ganze Leben ist ein Gebet. Daran teilzunehmen, sind wir herzlich eingeladen – nicht nur eine Stunde die Woche oder wenn „Not am Mann“ ist, sondern vierundzwanzig Stunden am Tag. Das Menschsein ist schwerlich auszusetzen, warum dann das Gebet?

1 David Steindl-Rast Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik. 1994, 78.

 

Weitere Fragen & Antworten von MoonHee Fischer finden Sie hier.

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Bild Header © Sigurd Döppel 

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