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Konsequenz entlastet das Gehirn, habe ich kürzlich erfahren. Das erklärt meine temporäre zerebrale Überlastung. Da kommt einiges an Arbeit auf mich zu.

Am Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, dieses Jahr auf Kleidershopping zu verzichten. Angesicht meines ganz persönlichen Klamottenlagers schien mir das eine leichte Aufgabe zu sein, weil ich ja tagtäglich mit diesem Anblick konfrontiert bin. Und überfüllte Kleiderbügel so zu platzieren, dass sich weder die Bügel noch die Blusen verheddern, ist eine stete Herausforderung für mich. Zugegebenermaßen keine, die meinen Intellekt überfordert. Doch das tun Zahnpastatuben auch nicht, und trotzdem zerbrechen daran Beziehungen. Insofern stellte das Quetschen ein Ärgernis dar, für das ich ganz alleine verantwortlich bin. Und das wollte ich eben 2021 verhindern, wenn nicht gar abschaffen.

Jetzt haben ja die Einzelhändler lautstark geklagt, dass durch die Geschäftsschließungen auch deren Lager übervoll sind und dass „SALE“ das Gebot der Stunde sei, weil man den Platz für die Frühjahrsware brauche. Im Januar türmten sich beispielsweise in Deutschland Modeartikel im Wert von 300 Millionen Euro. So viel ist mein Kleiderschrank nicht wert – nicht einmal, wenn man den Schrank mitrechnet -, doch ich kann die Situation nachvollziehen. Und als ich gestern einen Abstecher ins nahe gelegene Einkaufszentrum (was man in Österreich mittlerweile wieder machen kann) machte, merkte ich, dass sehr viele Menschen Mitleid mit den Modehändlern hatten. Vor nahezu jedem Klamottenladen reihten sich Kaufwillige, um die Lager leer zu kaufen. Da war ich froh über meinen Neujahrsvorsatz und marschierte in den Bücherladen. Heute musste ich wieder hin, und leider gab es ein Geschäft, zu dem der Zugang uneingeschränkt möglich war. Ich brauchte Geschenke, das ist meine Entschuldigung. Doch ich habe keine dafür, dass sich zwischen diesen Geschenken auch zwei für mich selbst befanden. Gingen einfach so mit, schrien mich fast an: „Nimm mich mit!“ Der Kassiererin ging es übrigens gleich, der Glitzerrock hatte auch sie angeschrien. Das Einkaufszentrum werde ich künftig nur noch in Gesellschaft betreten, die mir verspricht, mich von allem fernzuhalten, das sich nach Stoff anfühlt.

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Mein Jahr 2020 war auch deshalb so erfolgreich, weil ich das ganze Jahr über nichts anderes tat, als mich auf die Arbeit zu fokussieren. Natürlich verbrachte ich Zeit mit den Menschen, die mir nahestehen, doch grundsätzlich habe ich stetig vor mich hingearbeitet. Auch weil ich erfahren durfte, dass das Einzige, was in meinem Leben – mit einer Ausnahme – einigermaßen linear verlaufen ist, der Beruf ist. Das gibt Kraft, glauben Sie mir. Wenn man weiß, dass man etwas tut, weil man‘s kann. Und dabei nichts eine Plage ist. So wollte ich es auch 2021 halten, mich von nichts ablenken lassen, was diesem linearen Weg abträglich ist. Weil es einfach nichts bringt und das Gehirn nur unnötig belastet, wenn man jede Situation aus Konsequenzlosigkeit neu bewerten muss. Darin – dachte ich – wäre ich inzwischen ganz gut. Doch auch hier wurde ich eines Besseren belehrt. Seit einer Woche gehe ich wieder später ins Bett, höre mir Geschichten an, die keinerlei Schnittstellen zum Leben vor meinen Füßen haben und frage mich, was andere Menschen auf meiner Stirn lesen, was ich selbst nicht sehen kann.

Heute Morgen bin ich also aufgestanden und war grantig. Zuerst, weil mir andere die Zeit stehlen, dann über mich selbst. Über meine Konsequenzlosigkeit vor allem. Und schon war mein Gehirn beschäftigt mit Selbstvorwürfen und -geiselungen. Sie verschoben meine Meditation, mein Frühstück, und fast hätte ich ein Zoom-Meeting im Morgenmantel geführt, weil ich einen Interviewtermin verschwitzt hatte. Vor lauter Unmutswallungen über mich selbst. Das hat aber jetzt ein Ende. Back to the roots, zu meinen Wurzeln. Zu dem, was mir Freude und Wohlbefinden schenkt, egal, was andere davon halten. Sollen sie auf der Stirn anderer Menschen lesen – noch besser auf ihrer eigenen Stirn. Dahinter liegt nämlich meist die Lösung für all jene Probleme, die ich mir nur mehr sehr selektiv ausdenken möchte und die vor allem jenen vorbehalten bleibt, die wichtig in meinem Leben sind. Flasche leer, habe fertig.

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