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Eine in der deutschen Ostseestadt Stralsund ansässige Sex-Sekte versucht derzeit, einen Zen-Priester juristisch unter Druck zu setzen. Dieser hatte die Leiterin der Sekte als „Erleuchtungshochstaplerin“ bezeichnet.

Es gibt eine Reihe von Merkmalen für die differenzierte Beurteilung, ob eine Gruppe als sektiererisch einzuordnen ist. Wird eine guruhafte Führungsgestalt angepriesen, werden überteuerte Kurse angeboten, exklusive Erlösungs- und Heilsversprechen gemacht; wie ist der Umgang mit Kritik? Viele der gängigen Sektenkriterien passen auf eine Gruppe, die derzeit massiv in den sozialen Medien, vor allem in buddhistischen Gruppen bei Facebook, für sich wirbt: „Tempel der Orchidee“ alias „Roter Lotus“ alias „Eden Spirit“.

Dagegen regt sich Widerstand von vielen Buddhisten. Man fragt, was das Angebot der Sekte mit Buddhismus zu tun habe. Tatsächlich hält die Sekte einige zweifelhafte Offerten bereit, die eher an Aktivitäten von Swingerclubs erinnern und Prostitution beinhalten. Die Leiterin „Wang Lin – Jasmin“ bietet sich gegen Geld als Sexualpartnerin an. Und dies nicht nur auf den Websites der Sekte selbst, sondern auch auf einschlägigen Swinger- und Sexportalen im Internet. Da heißt es zum Beispiel: „Unser Angebot umfasst eine vielseitige Auswahl (...) exklusiver Massagen zum Entspannen und Loslassen, zum Teil in Kombination mit sinnlicher Erotik. (Sexuelle Vereinigung ist kein Bestandteil der meisten Massagen, kann auf Wunsch aber SEHR SEHR GERN gegen geringen einmaligen Aufpreis dazu gebucht werden.)“ Die Angebote sind im Hochpreisbereich angesiedelt. So kostet etwa die anderthalbstündige Massage „mit Vereinigung“ 300 Euro oder die Teilnahme an einer Swingerparty mit dem Titel „Nacht der Sexual-Magie“ bis zu 333 Euro pro Person.

Ein Kurs für eine „urbuddhistische“ „Weiße Knochen Meditation“ schlägt gleich mit insgesamt 4.100 Euro zu Buche. „Jasmin“ sei selbstverständlich „weltweit die letzte Dozentin, die diese einzigartige Technik intensiv studierte und ihre Schüler heute noch UMFASSEND und VOLLSTÄNDIG lehrt“, klärt die Werbeseite der Sekte über das kostspielige Kursangebot auf. Im eigenen Onlineshop gibt es Merchandising-Artikel, wie Poster, Bücher, „stärkende Tonika“ und Massagezubehör, sowie FSK-18-Filme. Es wird um Spenden gebeten und es sind private Darlehensgeber „für den Erwerb eines größeren sanierten und harmonischen Objektes“ gesucht.

Die Frage, was das alles mit Buddhismus zu tun habe, beantwortet ein „Axel Springer“, offenbar Mitglied der Sekte und mutmaßlich eine Art Sprecher, bei Facebook, dass das halt „Tantra“ sei. Das buddhistische Tantrayana beinhaltet tatsächlich sexuelle Elemente, und die Verehrung des Weiblichen spielt eine große Rolle – aber nicht gegen Honorar. Das bleibt profane Prostitution. Die Anhänger der Sekte treten in den sozialen Medien äußerst aggressiv auf. Kritiker werden beschimpft, geblockt oder – wie in diesem Fall – juristisch bedrängt. Vor allem ebendieser „Axel Springer“ tut sich dabei hervor. Der Name „Axel“ taucht häufiger auf: Als Pseudonym des genannten Facebook-Accounts ebenso wie als „Axel aus Ribnitz“, der das überteuerte Meditationsangebot der Sekte auf deren Website lobt. Der Anwalt, der den Sektenkritiker und Zen-Priester Thomas S. im Namen der Sekte abmahnte, ist „Axel Günther“, Sitz der Kanzlei: unter anderem in Ribnitz.

Die Sekte tut einiges, um ihrem zweifelhaften Wirken Legitimation zu verschaffen. So ist „Jasmin“ nach eigener Auskunft „Vorstandsmitglied des Deutschen Tantra-Verbands“ und „Vorstandsvorsitzende der Daoistischen Vereinigung Deutschland“. Der „Deutsche Tantra-Verband“ scheint gar nicht zu existieren. Der Link zur Website führt ins Leere, und die „Daoistische Vereinigung Deutschland“ ist laut Impressum eine Eigenveranstaltung der Sekte. In allen Impressen der Sekten-Websites finden sich gleichlautende Kontaktadressen in Hamburg und Stralsund. Die meisten Sekten-Websites, nach derzeitigem Recherchestand fünfzehn an der Zahl, referenzieren sich gegenseitig – darunter Verlage, Firmen und Vereine. Mit den echten Verbänden, etwa dem „Tantramassage Verband e. V. – Berufsverband für zertifizierte tantrische Körperarbeit und sexuelle Gesundheit“ und der „Deutschen Daoistischen Vereinigung e. V.“, haben jene Vereinigungen jedenfalls nichts zu tun. Der Berufsverband für zertifiziere tantrische Körperarbeit erklärt auf Anfrage der Ursache\Wirkung, dass man einen „Deutschen Tantra-Verband“ nicht kenne. Patrick Liu, Vorstand der „Deutschen Daoistischen Vereinigung e. V.“, distanziert sich gegenüber der Ursache\Wirkung von „Jasmin“: „Ich kenne diese Gruppe zwar, wir wollen aber mit ihr nichts zu tun haben.“

Die Leiterin der Sekte, „Jasmin“, bezeichnet sich überdies selbst als „Spirituelle Lehrerin, daoistische Priesterin des Ursprungs-Dao, tantrische Yogini und Schamanin“. Sie sei „Hohepriesterin des MING TANG SI (der archaische ‚Tempel des Lichts‘)“. Und vor allem: Die weltweit erste erleuchtete Frau seit 155 Jahren – Letzteres hat man nach der Kritik des Zen-Priesters auf der Website schnell in „erreichte tatsächlich den Zustand der Erleuchtung“ geändert. Wie auch immer. Die Erleuchtung sei durch die „Daoistiasche Vereinigung in Nord-China“ und eine „tibetische buddhistische Vereinigung (...) anerkannt“. Einen Beleg für die Anerkennungen blieb die Sekte aber, auch nach mehrmaliger Anfrage, schuldig. Ebenso blieb eine Bitte der Ursache\Wirkung-Redaktion um Stellungnahme hierzu von „Jasmin“ unbeantwortet. Patrick Liu von der „Deutschen Daoistischen Vereinigung e. V.“ erklärt: „Meines Wissens gibt es die behauptete Anerkennung durch die ‚Daoistiasche Vereinigung in Nord-China‘ nicht.“

Erst an dieser Stelle entzündete sich nun die Kritik des Zen-Priesters. „Es ist mir vollkommen egal, ob jemand Sex-Dienstleistungen anbietet“, meint der Zen-Priester gegenüber der Ursache\Wirkung. Wer sich aber auf Übertragungslinien und Anerkennungen berufe, die in vielen buddhistischen Traditionen sehr wichtig sind und sehr ernst genommen werden, müsse diese nachweisen können, sonst handele es sich um Hochstapelei. Für die Bezeichnung „Hochstaplerin“ fordert der Rechtsanwalt Axel Günther von dem Zen-Priester mit Schreiben vom 04.11.2020 im Namen der Sekte Schmerzensgeld in Höhe von 1.200 Euro sowie Gebühren in ähnlicher Höhe. Zudem wolle er ein Zwangsgeld in Höhe von 25.000 Euro durchsetzen, falls der Zen-Priester wiederhole, dass „Jasmin“ eine Hochstaplerin sei (das Schreiben liegt der Redaktion vor). Der Rechtsanwalt schließt mit dem wenig professionellen Satz, der Zen-Priester möge „sich im Übrigen schämen“.

Die ganze Veranstaltung scheint nur einen Zweck zu haben: Kapitalbeschaffung. Die erfundenen Titel und das spirituelle Tamtam sollen wohl das Geschäft mit Sex, heilenden Wässerchen und überteuerten Meditationskursen ankurbeln. Und Kritiker sind immer schlecht fürs Geschäft. Der Zen-Priester Thomas S. sieht der juristischen Attacke der Sekte gelassen entgegen: „Bei mir ist nichts zu holen, das habe ich dem Anwalt auch geschrieben. Und einschüchtern lasse ich mich schon gar nicht.“

Last Update: 11. Dezember 2020.

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Zen-Priester

Foto © unsplash

 

Kommentare  
# Jörg Shosan Kogetsu 2020-12-09 13:20
Satori, Kensho, Erwachen oder Erleuchtung. Weltweit erst erleuchtete Frau seit 155 Jahren. Was soll dieser
Mist. Diese Dame soll machen was sie will , aber sich ein buddhistischer Mantel anziehen. Im Dojo gibt es eine Regel: Was immer Du bist, lass Deinen Mist draussen, das interessiert niemand und über Erleuchtung heisst es: Sprichst Du über Erleuchtung, dann weist du gar nicht von was du sprichst. Sie soll kopulieren mit wem sie will, ja man kann sicher spirituell Vögeln, das interessiert aber niemand. Schon gar nicht in Zen-Kreisen.
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# bettina achilles 2020-12-09 17:52
Vor einigen Wochen warb sie auf ihren Seiten und bei FB noch damit anerkannte Inkarnation der Tara zu sein und ihr Lehrer war auch eine Inkarnation, ich glaube Maitreya. Beides ist leider auf den Seiten nicht mehr zu finden
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# Andreas Fischer 2021-09-21 12:41
Ich hatte vor Jahren schonmal eine Recherche zur Gruppe durchgeführt. Damals nannten sich alle Vereine des undurchsichtigen Konglomerat gemeinnützige Vereine in Gründung. Und das über Jahre. Keine Überprüfung der Gemeinnützigkeit dauert Jahre. Das war damals wohl eher als Vorgaukelung einer Gemeinnützigkeit einzuordnen. Damals bin ich ziemlich im Internet durch Gruppenmitglieder, welche verschiedene buddhistische Foren für ihre Werbezwecke nutzen wollten angefeindet worden.
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