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Den Geist fassen wollen ist wie den Schatten ergreifen zu wollen, als wäre er ein Ding.

Durch das Erklären des Unsagbaren wird es zum Sagbaren. Das Sagbare ist nicht das Unsagbare.
Wie soll man das Unsagbare sagen? Sag ich es nicht, bleibt es ungesagt und ungehört – wenn es aber niemand hört, ist es, als wäre es nicht.
Geist entzieht sich dem Zugriff, wie immer dieser auch geartet ist. Wird invasiv zugegriffen, entsteht ein „geschaffener“ Geist. Ich habe ihn wortwörtlich erschaffen.
Erleuchtung ist das radikale Aufgeben des Anhaftens von Begriffen und Vorstellungen von Erleuchtung. Welt ist Wandel, Wandel ist Welt. Zu erkennen, dass es nur den Wandel gibt und ich selbst Teil dieses Wandels bin, führt zur Erkenntnis, dass es auch nichts gibt, das ich besitzen kann, kein Selbst und kein einziges Ding.
Ursprünglich ist da kein Geist, kein Unsagbares. Kein einziges Ding.

GeistMu Ichi Motsu

Kein einziges Ding
Kalligrafie Karl Obermayer


Durch das Wort, den Gedanken erst entsteht das Unsagbare. Durch das Wort, das Denken entsteht der „Geist“. Es ist ein entstandener, ein erschaffener Geist.
Obschon – Begriffe geben uns Orientierungsbedürftigen „Trittsicherheit“. Diese ist auf luftigen und schmalen Pfaden unabdingbar. Leider neigen wir zu der Tendenz, Begriffe zu verdinglichen und Bezeichnungen zu zementieren. Durch Bezeichnungen entsteht das Gefühl des Getrenntseins und damit die unstillbare Sehnsucht nach dem Erreichen des „anderen Ufers“, dem „ursprünglichen Quell“, zu dem ich zurückkehren muss und soll, in die Geborgenheit des Ungeborenen. Begriffe führen zu weiteren Begriffen. Jene führen zu Erklärungen, diese zu weiteren Fragen und damit zu weiteren Erklärungen. All dies führt durch Zuneigungen und Abneigungen zum Anhaften und damit zum Kreislauf der Verirrungen. Im buddhistischen Sprachgebrauch wird es Verblendung genannt. Das steuerlose Dahintreiben im Samsara. Anders gesagt: mein Leiden an meiner Welt.


„Seid euch im Klaren, dass da kein einziges Ding existiert, weder Mensch noch Buddha. Dass ohne das feinste Härchen zu erwägen bedeutet, sich nicht auf etwas zu stützen und nicht an irgendetwas gebunden zu sein.“

(Huang-Po, jap. Obaku, +850, Lehrer des Lin Chi, jap. Rinzai. In der Übersetzung Dietrich Roloff 2016)


Mein Bedürfnis, ein Jemand zu sein in dieser meiner Welt im Zusammenspiel mit meiner Angst, ein Niemand zu werden, blockiert die Möglichkeit der Erfahrung, nichts von beidem zu sein und neu zur Welt zu kommen. Oben der Himmel, unten die große weite Erde mit allen mir gegebenen Umständen. Sich auf nichts stützend die Umstände meistern, einfach das zu tun, was ansteht. Auf diese Weise sich den Umständen zu stellen bedeutet im Alltags-Zen zu Hause zu sein.
Die Welt sehen, wie sie ist:

„A primrose by the river’s rim.
A yellow primrose was to him –
and it was nothing more.“
William Wordsworth (1770–1850)

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