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Ich überflog aus Zeitgründen einen Artikel, den ich noch genauer lesen und vielleicht sogar darauf antworten werde.

Geschrieben von einem Psychologen oder Psychotherapeuten, Letztere sind ja meist besser ausgebildet, haben auch mehr Selbsterfahrung, deshalb ist der Unterschied hier wichtig.

Der Artikel kam mir gerade recht, denn die Informationen über die Schlachthöfe, die Arbeitsbedingungen, das Leiden aller am Töten Beteiligten bewegen mich sehr.

Insgesamt kommen mir zwei Argumente zu kurz, wobei ich auch, wie alle anderen, nur über eine begrenzte Sicht verfüge. Leider, und das würde Buddha sicherlich nicht gefallen, bin ich noch nicht in der Lage, ausschließlich aus der Dharma-Perspektive zu sprechen und zu schreiben. Dann würden wir das Leiden aller betrachten, ohne Unterschied, also auch das Leiden der Schlachthofbesitzer, der Arbeitgeber, der Verkäufer und Zwischenhändler. Wir würden uns mit dem Karma befassen, mit den Ursachen, die zu diesem traurigen und schaurigen Ergebnis geführt haben, alles, was wir gerade vor Augen geführt bekommen. Gleichzeitig könnten wir sehen, welche Samen wer durch welche Taten bewässert. Letztlich würden wir uns fragen, welche Samen wir bewässern wollen.

Diese nicht ausschließlich materielle Sicht auf unsere Esskultur fehlt mir zum Teil völlig in der Debatte, ob im kleinen oder größeren Kreis. Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Wie wollen wir leben? Wieso appellieren nicht mehr Denker*innen, Priester*innen, Psycholog*innen von einer größeren ethischen Perspektive aus, die noch nicht einmal religionsspezifisch sein muss? Was ist los mit uns und unserem Denken, dass es uns nicht mehr in den Sinn kommt, nach dem Sinn zu forschen, nach den ethischen Implikationen, auch für geschundene Arbeiter*innen in den betreffenden Betrieben zumindest einmal geistig da zu sein? Warum kommt es uns nicht mehr in den Sinn, in einer beherzten Weise über Verzicht, jawohl: über Verzicht, öffentlich nachzudenken.

Die Suchtkultur hat auch die Denker*innen und Fühler*innen qua Profession im Griff. Wieso ist immer vom limbischen System und von Belohnung die Rede und davon, die eine Belohnung durch die andere zu ersetzen? Wie billig ist das? Wenn wir ein wenig von unseren muslimischen und jüdischen sowie indigenen Schwestern und Brüdern lernen würden, dann würden wir nur so staunen, wozu diese in der Lage waren und – nicht alle von ihnen – sind. Bewusst einzukaufen, bewusst zu essen, an Feier- oder Sonntagen zu fasten oder zum Teil zu fasten, selbstverständlich und ohne Anspruch. Wie gut täte uns das, auch platt physisch-gesundheitlich, wie segensreich, uns wieder mit größerer Demut und Dankbarkeit dem Essen zu nähern, denen, die sich dafür geopfert oder krummgelegt haben, beim Bearbeiten der Erde und Ernten und Transportieren und Kochen ... Und überhaupt: uns auch mit denen zu verbinden, von denen wir in unserem Land mit so viel immer noch verschwendetem Überfluss ganz genau wissen, und mit denen, die, wenn es hoch kommt, nur eine Handvoll Reis oder Mais oder Bohnen am Tag zu essen haben. Ganz ehrlich, wenn ich nicht noch die andere Seite in uns Menschen nähren würde, das heißt, mein „Inneres Kind“, meine absolute Durchschnittlichkeit anerkennen würde, dann wäre ich angeekelt von unserer Maßlosigkeit, Arroganz und Blindheit.
 

Über Fleisch, das limbische System und die Esskultur
Der andere Aspekt will jedoch gleichzeitig mitbedacht werden: Der Aspekt „limbisches System“. Wenn dieser Aspekt in Erwachsenen jedoch genauso stark wie bei Babys und Kleinkindern gefördert und gefüttert wird, dann stimmt etwas nicht mit dem Erwachsenwerden in unserem Land, bei vielen von uns Weißen jedenfalls. Da auch weiße Menschen ohne Wohnung die Straßen unserer Städte säumen, will ich vorsichtig sein, und es gibt auch weiße Kinder, die hungrig in die Schule gehen. Ich möchte mich anders ausdrücken, mit mehr Barmherzigkeit, die wir alle so bitter nötig haben und die wir weiterverschenken könnten. Ja, in Krisen, und wir befinden uns in mindestens einer, wenn nicht in einer Doppelkrise aus Klima- und Corona-Notstand, fallen wir immer auf eine niedrigere Entwicklungsstufe zurück. Oft manifestiert sich die Krise im Essverhalten. Und da Konsumieren aus meiner Sicht auch im weiteren Sinne zum Thema „Essen = Sich-Einverleiben“ gehört, sind unsere Einkäufe davon auch betroffen. Sehr wahrscheinlich auch unser Trinkverhalten – ich glaube einfach, dass der Alkohol-, der Kaffee-, der Zigarettenkonsum in Zeiten wie diesen zunimmt, wie auch der Drogenkonsum insgesamt. Das alles gehört zum Thema Essverhalten, zur Esskultur.

Früher habe ich mich, die als Jugendliche einige Jahre in Spanien und viele Jahre mit Italienern und in deren wunderbarem Land zubrachte, für das deutsche Essen geschämt. Doch seit ich weiß, was die Weltkriege mit der Welt und mit Millionen Menschen, Tieren und der Erde gemacht haben. Seit ich weiß, was dies alles aber eben auch mit uns Deutschen selber gemacht hat: Denken wir an unsere eigenen Vertreibungsgeschichten, an Hunger, Eis, Frieren und Tod ohne Ende, Vergewaltigungen, Folter, Angst und Verlust ohne Ende, Erinnerungen an Kannibalismus, die niemand teilen möchte, was es mit unserem Gefühlshaushalt, der noch immer von Depression, Schuld und Scham gekennzeichnet ist, gemacht hat, im Untergrund webend: Seitdem wundert mich nichts mehr. Anfallsartig essen die einen, immer froh, etwas zwischen den Kiemen zu haben, die anderen, magersüchtig in jeder Beziehung, verbieten sich jeden Genuss. Eigentlich sind beide Extreme genussfeindlich, denn wahres Genießen hat mit Achtsamkeit und Wählen-Können, mit wirklichem Da-Sein zu tun. Da-Sein, Wach-Sein für das, was ich kaufen, zu mir nehmen möchte.

Und so verstehe ich, traurig über die gierige, ängstliche Seite in mir, erfreut über die andere, die erwachende Seite, dass wir dieses Ringen in uns haben: Welchen Wolf von den beiden, den bitteren, angriffslustigen oder den sanften, freundlichen füttere ich?

Verständnisvoll und geduldig sollten wir sein. Sollten aufklären über die tieferen Zusammenhänge: Überall. In Kindergärten, Schulen, an Elternsprechtagen, sollten Lehrern und Erwachsenen Fortbildungen im Fernsehen, im Internet nahelegen, die Freude machen und nicht nur beschämen und niedrige Instinkte bedienen, sondern an unsere innere Güte erinnern und uns ermutigen. Ich finde, wir sollten und dürfen an das Höhere in uns appellieren. Früher versuchten das die Kirchen, für manche mögen die Identifikationsfiguren Jesus, Maria und ein gütiger Gott, eine höhere heilsame Kraft noch wegweisend sein. Oder weise Menschen, deren Bücher wir lesen.
Doch die Kirchen verzeichnen Mitgliederschwund, und ich führe das auf die Missbrauchsskandale zurück. Mögen sie aufräumen, wir alle müssen das, das gehört zum Menschsein dazu. Aufräumen heißt: still werden. Einen ehrlichen Blick in den Spiegel werfen und ihn aushalten. Tun, was zu tun ist. Was ich sehe, mit der Gemeinschaft teilen und zuhören. Warum? Weil bewusster Verzicht Körper und Seele reinigt. Vor allem die Seele.

Unsere Seele könnten wir öfter einmal befragen, was sie essen möchte. Während das limbische System sich ausruht vom Kampf ums Überleben.

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