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Achtsamkeit & Meditation

Sexualität ist Teil des Lebens. Und doch wird sie überbetont und tabuisiert. Sexualität ist mehr als ein Mittel zur Fortpflanzung und zum Lustgewinn. Sexualität hat auch eine energetisch-spirituelle Komponente, mit der man reifen und wachsen kann.

Das Leben bringt uns weiter, wenn wir ungewohnte Wege gehen. Bleiben wir im Althergebrachten, wird sich nichts ändern. Achtsamkeit ist die Methode, durch Innenschau die eigenen Probleme zu erkennen und sie zu lösen. Das kann man in allen Lebensbereichen tun, auch in der Sexualität. Sie ist nicht nur körperlich, sondern kann auch eine spirituelle, eine geistige Praxis sein. Sexualität hat eine stark energetische Komponente.

Diese zu entfalten und zu kanalisieren, ist Teil der Übung. Achtsamkeit übt man auf den Körper, die Gefühle, das Bewusstsein und die Gedanken aus. All das ist auch in der Sexualität von Bedeutung.

Das völlig Neue am Sex als Übung ist, dass er nicht nur in der herkömmlichen Weise praktiziert wird, wenn einen oder hoffentlich beiden gerade die Lust dazu überkommt, sondern der ganze Akt bewusst gestaltet wird. Das beginnt bei Gesprächen davor, führt über die Gestaltung des Raums zu einer neuen Form der sexuellen Tätigkeit. Nicht zu einem raschen Höhepunkt zu kommen, sondern diesem sich langsam steigernd zu nähern, ihn nach hinten zu verschieben oder ganz aufzugeben.

Alle haben Sex, doch kaum jemand hat Sexualität richtig gelernt.

In meinem Buch „Sexualität und Achtsamkeit“ habe ich Sexualität mit den buddhistischen Paramitas verknüpft. Den sogenannten transzendenten Tugenden, die ans andere, „para“, Ufer, „mita“, der Weisheit, also zum Erwachen, führen. Die Kapitel lauten neben „Achtsamkeit“ auch „Freigebigkeit“, „Ethik“, „Entsagung“, „Weisheit“, „Anstrengung“, „Geduld“, „Wahrhaftigkeit“, „Entschlossenheit“, „Meditation“, „Liebende Güte“ und „Gleichmut“.

Alles Tugenden, die man auf dem spiri tuellen Weg übt, um das Leben gelingen zu lassen. Um ein ausgeglichener und liebvoller Mensch zu werden.

Freigebigkeit, Entsagung und Wahrhaftigkeit verbinden wenige mit Sex, eher schon mit Anstrengung. Doch die ist nicht gemeint, sondern wie wir negative Eigenschaften überwinden und positive entfalten können. Auch das ist im Sex möglich. Das Buch gibt neue Einblicke in die Sexualität, die wichtig sind, um sie bis ins hohe Alter zelebrieren zu können und zu einer Quelle der Erneuerung der Liebe in der Paarbeziehung werden zu lassen.

Vor Jahren saß ich in Neviot am Strand. Der Sinai hat damals noch zu Israel gehört. Am Nachbartisch saß einer, der im Wiener Dialekt geredet hat. Wir kamen ins Gespräch. Er sagte, er heiße Karl. „Und ich heiße Peter“, habe ich erwidert. Was wir beruflich machen, haben wir uns gefragt. Ich sei Radiologe und er hat gesagt, er sei Sexologe. Das hat mich gewundert. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt.

Er hat mir von einem Kurs erzählt, den Ray Stubbs abhält, ein Doktor der Advanced Human Sexuality an der University of San Francisco. Der würde nach Österreich kommen, um ein Seminar über sensitive Massage abzuhalten. Ich habe damals geglaubt, doch alles über Sex zu wissen. So ein Seminar, das brauche ich nicht.

Nichts habe ich gewusst. Eine völlig neue Welt hat sich mir aufgetan. Sex ist viel mehr als Fortpflanzung und Lustgewinn, mehr als Stellungen und Ausdauer.

Alle haben Sex, doch kaum jemand hat Sexualität richtig gelernt. Alle sind Autodidakten, weil es die Kunst der Sexualität überhaupt nicht gibt.

Wir müssen alles lernen. Gehen, Dreiradfahren, Lesen und Atomphysik, warum nicht auch Sex?

Mit der Sexualität sind ein paar schlimme Dinge passiert. Einmal ist da die Pornografie, doch die ist vor allem Sex im Kopf, weckt falsche Erwartungen und ist im schlimmsten Fall nur abwertend und gewalttätig. Sexualität ist körperlich und geistig, sie hat mit Berührung, Spüren, Bewusstheit und Liebe zu tun. Vor allen Dingen hat sie aber mit Begegnung auf Augenhöhe zu tun. Noch besser mit körperlicher und geistiger Vereinigung.

Sexualität wurde oft von oben nach unten missbraucht. Deshalb ist die #MeToo-Bewegung wichtig. Ein Machtgefälle hat mit gutem Sex nichts zu tun. Schön ist er, wenn er auf Augenhöhe gelebt wird. Dafür müssen beide Partner die eigene Bewusstheit und Persönlichkeit entwickelt haben. Beide kann man auch im Sex schulen.

Sex ist körperlich, also ist es gut, sich zart und bewusst berühren zu können. Das haben wir seinerzeit auf dem Seminar bei jenem Ray gelernt: die Kunst der sensitiven Massage am ganzen Körper auch im Bereich von Penis und Vagina.

Beide Worte, Penis und Vagina, führen zum nächsten Thema. Es gibt in der deutschen Sprache keine schönen Ausdrücke für eine gute Sexualität. Neben den oben erwähnten medizinischen Fachworten landen wir rasch im Schmuddeleck oder bei infantilen Bezeichnungen. Finden Sie für sich selbst doch hübschere Ausdrücke.

Hilfsmittel, wie Viagra, haben in reifer Sexualität nichts verloren, sofern keine medizinische Notwendigkeit besteht. Wenn die Erektion nachlässt, gibt es Sexualität immer noch.

Wir sind viel zu sehr auf den sogenannten Koitus fixiert. Es geht beim Sex um eine Vereinigung von Körper und Geist. Man muss dazu nicht unbedingt die Geschlechtsorgane vereinen.

Richten Sie sich den Raum hübsch mit Kerzen, Düften, Tüchern und angenehmer Musik her. Nehmen Sie sich Zeit. Streben Sie keinen Höhepunkt an, sondern genießen Sie die gesamte Dauer der sexuellen Vereinigung. In der spirituellen Praxis der Sexualität ist Orgasmuskontrolle eine wesentliche Übung. Sie hat in unserer Kultur kaum Bedeutung, und nur wenige kennen und beherrschen sie. Mit ihr kann man Konzentration und Bewusstheit üben, ohne diese beiden wird das Leben nicht gelingen.

Konzentration und Bewusstheit braucht man für alles: den beruflichen Erfolg, in der Politik und in den Beziehungen.

Für den älter werdenden Menschen ist die Orgasmuskontrolle ebenfalls von Bedeutung, weil sie den langsam vergehenden körperlichen Reaktionen, der Erektionsschwäche des älteren Mannes und der Scheidentrockenheit entgegenwirkt. Sie gilt für beide Geschlechter und ist ein wunderbares Hilfsmittel, um die Begegnung zu verlängern und in neue Bereiche vorzudringen.

Neben dem sogenannten Spitzenorgasmus kann man auch den Talorgasmus erlernen, bei dem der ganze Körper über längere Zeit hin in orgastischen Wellen schwingt.

Natürlich ist Sex schön, wenn man verliebt ist. In den Niederungen des Alltags jedoch kann es schwierig werden, dieses Verlangen aufrechtzuerhalten. Das Verlangen kann auch ganz aufhören, wenn sich das Paar nichts mehr zu sagen hat. Die Sexualität kann immer wieder zu einem Neubeginn in der Paarbeziehung beitragen.

Paare können sich wieder liebevoll entdecken und erfinden.

Sexualität und Achtsamkeit, Meditation, Weisheit, Geduld, Freigebigkeit, Ethik, Gleichmut und Liebe. Es gibt viele Bereiche, in denen man sich sexuell begegnen und üben kann. Lassen Sie sich auf das Abenteuer der Sexualität ein, tauchen Sie tief in das eigene Sein, den eigenen Körper und Geist. Lassen Sie Ihren Gefühlen und Sehnsüchten freien Lauf.

Dann wird die gegenseitige Anziehung in der Paarbeziehung gelingen und Sex bis ins hohe Alter ein Mittel sein, die Liebe immer wieder neu zu beleben.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 132: „Liebe, Sex und Achtsamkeit"

Cover UW132 Liebe Sex Achtsamkeit


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Univ.-Prof. Dr. Peter Riedl

Univ.-Prof. Dr. Peter Riedl

Peter Riedl ist Universitätsprofessor für Radiologie und seit über 30 Jahren Meditations- und Achtsamkeitslehrer. Er ist Gründer und war bis Juni 2019 Herausgeber der Ursache\Wirkung, hat W.I.S.D.O.M., die Wiener Schule der offenen Meditation und das spirituelle Wohnheim Mandalahof gegründet. S...
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