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Achtsamkeit & Meditation

Der Sufismus lehrt, das Spirituelle im Alltäglichen zu sehen und die Einheit von Materie und Geist zu erfahren. Die Natur und der Mensch sind Teil einer lebendigen göttlichen Ordnung, die durch Achtsamkeit und Verbundenheit wieder sichtbar wird.

Sufismus ist Teil einer weltumspannenden Mystik, aus der die verschiedenen Religionen hervorgehen. Als Mystiker sehen wir Menschen und Dinge nicht nur materiell, sondern als licht- und wesenhaft, durchdrungen und umgeben von Kraft und Intelligenz. Wie mit unsichtbaren Fäden sind wir mit der Welt über Gesetze der Resonanz und der Harmonie in unsichtbarer Einheit verwoben.

Unser zentrales Gebet drückt dies mit einfachen Worten aus: „Dem Einen entgegen, der Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit, dem einzigen Sein (…)“ Wir alle leben in dieser Einheit, so, wie die Welle Teil des Ozeans ist, aus dem sie sich erhebt und in den sie wieder eintaucht. „Ich werde Euch meine Zeichen zeigen an den Horizonten und in Euch selbst“, heißt eine Zeile des Heiligen Korans.

Dies ist ein Grundgedanke für Sufis.

Er drückt aus, dass Gott nicht irgendwo da oben, sondern hier in dieser Welt ist, in der Spuren auf ihn oder sie verweisen. Wir Menschen sind mit allem Sein verbunden und gestalten die Welt mit.

Jahrtausendelang haben unsichtbare Wesen unsere Entwicklung gefördert und begleitet. Sie haben beim Bauen, bei der Kultivierung von Saatgut und der Domestizierung von Tieren Pate gestanden und uns geholfen, Werkzeuge dafür selbst in die Hand zu nehmen. In den letzten Jahrhunderten haben wir diese Werkzeuge verfeinert. Aber wir haben uns zugleich in eine materialistische Welt eingesponnen, indem wir die spirituelle und die materielle Welt voneinander getrennt haben.

Um diesen Trennungsschmerz zu betäuben, stumpfen wir Sinne, Wahrnehmung und Gewissen ab. Heilung entsteht, wenn wir unsere Wahrnehmung verfeinern und Verantwortung für das Denken, Reden und Handeln übernehmen.

„Ich war ein verborgener Schatz, der liebte, bekannt zu werden, darum schuf ich die Welt“, heißt ein Hadith, ein Ausspruch des Propheten Mohammed. Darin gründet unser Auftrag, die Erkenntnis und die Liebe zur Welt in den Mittelpunkt zu stellen. „Viele Naturwesen haben sich zurückgezogen, manche sind uns inzwischen sogar feindlich gesonnen und können sich eine Welt ohne den Menschen gut vorstellen“, sagte Pir Zia Inayat Khan kürzlich. Zunehmende Umweltkatastrophen gründen in der Missachtung der Einheit der materiellen, der feinstofflichen und der geistigen Welt.

Indem wir mit wachen Sinnen das Lebendige, das Spirituelle, das Zauberhafte wieder in der Welt wahrnehmen, erwecken wir es aus dem Schlaf. Wir werden Zeugen unserer Verbundenheit mit der Ganzheit der Schöpfung. Feinsinnig werden heißt, nicht nur nach einem Ergebnis zu streben, sondern den Weg dorthin achtsam zu gehen und durch diese Fein-Sinnigkeit im Handeln den „Spiritual Bypass“ spirituell Suchender zu verhindern.

Durch Mitgefühl und Achtsamkeit nehmen wir unsichtbare Wesen und deren Signale im Alltag wahr und erhalten Hilfe von ihnen. Wir nennen es „unsere Intuition“, wenn wir von ihnen geführt oder begeistert werden. Erneuern wir den Bund mit Natur und Naturwesen, finden wir im Sinne von Religion wieder zu einem Miteinander.

Hazrat Inayat Khan sagt: „Es ist das heilige Buch der Natur, das seinen Leser erleuchtet. Sufismus ruft uns Menschen auf, uns für unsere Mitmenschen, für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen. Wir leben auf dieser Welt als körperliche, geistige und spirituelle Wesen. Diese drei Ebenen gilt es, in Einklang zu bringen.“


Hintergrundinfos 129

Die Inayatiyya – ein Sufi-Weg spiritueller Freiheit

Hazrat Inayat Khan, geboren in Indien, lehrte von 1910 bis 1926 als erster Sufi-Meister in Europa und USA. Ihm folgten Noor Inayat Khan, die als Mystikerin, Autorin und Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg verehrt wird, und sein Sohn Pir Vilayat Inayat Khan, der den Sufi-Orden bis 2004 leitete. Heute ist Pir Zia Inayat Khan Oberhaupt der Inayatiyya. Er leitet alljährlich in Deutschland zu Ostern ein Frühjahrs-Retreat und lehrt beim Sufi-Sommercamp. www.inayatiyya.com | www.zenithinstitute.com

Wer ist „Inayatiyya„?

Die Inayatiyya besteht aus sieben Zweigen, die der Menschheit dienen:

Kindship: Das soziale Miteinander, so wie die Geschwisterlichkeit mit Menschen und Gemeinschaften sowie mit allen Wesen der Erde.

Universal Worship: Als Ritual gestaltet. Texte werden gelesen, Lieder werden gesungen und Gebete gesprochen.

Heilen: Ein zentraler Zweig. Ein Ritual mit gemeinsamen Gebeten für Menschen, die leiden. Heilung ist spirituelle Gnade und ganzheitlicher Prozess.

Innere Schule: Dienst der Anleitung und des spirituellen Erwachens durch das Studium von Texten, Meditation, Retreats und Übungen.

Musik: Studium des musikalischen Erbes Hazrat Inayat Khans.

Zirat: Ein Ritual mit den vier Elementen und deren Wesenheiten.

Weg der Ritterlichkeit: Schärft unser Gewissen und verfeinert unser Handeln mithilfe von Leitsätzen für das tägliche Leben.


Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"

Vom Alten lernen


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Gerhard Kittel

Gerhard Kittel

Raqib Gerhard Kittel geht seit 1980 den Sufi-Weg der Inayatiyya. Er ist verantwortlich für die Koordination des Ziraát-Zweigs in Europa. Raqib arbeitet als Supervisor, ist verheiratet und hat zwei Töchter.  
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