Wie ist das so, wenn man in einem Zen-Tempel arbeitet? Ein Erfahrungsbericht über neun Wochen als Volontärin im Felsentor auf der Rigi: zwischen Meditation, Arbeit und den alltäglichen Herausforderungen in einer Hausgemeinschaft.
Seit ich das erste Mal im Meditationshaus der Stiftung Felsentor auf der Rigi war, hatte ich den Wunsch, an diesem wunderschönen Ort in den Bergen einmal länger zu bleiben. Die Rigi ist ein Bergmassiv in der Zentralschweiz. Nicht als Kursteilnehmerin wollte ich bleiben, sondern Teil der Hausgemeinschaft, die dort lebt und das Haus unterhält, sein. Ich wollte miterleben, wie sie miteinander arbeiten und praktizieren.
Dann endlich hatte ich genug Freiraum, neun Wochen als Volontärin mitzuarbeiten.
6:15 Uhr, es ist stockdunkel und regnerisch. Noch schlaftrunken prüfe ich, ob ich alles dabeihabe: Uhr, Hammer, Ohrschützer. Heute bin ich an der Reihe, das Holzbrett, Han genannt, zu schlagen. Wie in einem traditionellen japanischen Zen-Kloster wird auch am Felsentor so die Morgenmeditation angekündigt. Ich bin nervös, aber nach dem ersten kräftigen Schlag entspanne ich mich. Die Hausgemeinschaft und die Kursgäste haben nun noch längstens eine Viertelstunde Zeit, sich im Meditationsraum auf ihren Kissen einzufinden.
Um 6:30 Uhr beginnt die Morgenmeditation. Sie besteht aus zwei Sitzperioden mit einer Runde Gehmeditation dazwischen. Darauf folgen Niederwerfungen und das Rezitieren des Herzsutra. Zu Anfang wirkten diese Abläufe ungewohnt und etwas befremdlich auf mich. Während der Meditation kreisen meine Gedanken um die anstehende Arbeit.
8:00 Uhr, nach einer kurzen Arbeitsbesprechung gibt es Frühstück. Inzwischen ist es hell geworden, und ich genieße den Ausblick vom Essraum: milchiges Licht, die weiter entfernten Berggipfel leuchten rot in der Morgensonne. Es duftet nach frischgekochtem Apfelkompott mit Zimt. Wie immer gibt es auch etwas Warmes zum Frühstück. Das tut mir gut, und ich möchte es mir auch zu Hause zur Gewohnheit machen. Wie alle Mahlzeiten ist auch das Frühstück komplett vegan. Aus Gründen des Tierwohls und der Nachhaltigkeit kommen keinerlei tierische Produkte auf den Tisch. Ein wichtiger Teil des Felsentors ist die Tierschutzstelle, in der ehemalige Nutztiere einen artgerechten Lebensabend verbringen dürfen.
Um 9:00 Uhr beginnt die Arbeit. Wir Volontär:innen werden zur Mitarbeit in der Küche, dem Garten, dem Gartencafé, der Tierschutzstelle und im Haus eingeteilt, dazu kommen noch Spüldienste und Tätigkeiten, die mit der Meditationstradition zusammenhängen, wie das oben beschriebene Schlagen des Han oder das Reinigen des Altars im Zendo. Ich habe mir vorgenommen, keine Vorlieben zu äußern und nicht zu meckern.

Häufig werde ich in der Küche eingeteilt. Ein Großteil der verwendeten Lebensmittel besteht aus Gemüse, das von einem Biohof weiter unten am Berg angebaut und von Eseln heraufgetragen wird. Allein Waschen, Putzen und Schnippeln benötigen viel Zeit. Die Köche legen große Sorgfalt und Hingabe in die Zubereitung der Mahlzeiten. Alles wird verwendet, über die Abfälle freuen sich die Schweine oder Hühner von der Tierschutzstelle. Was sie nicht fressen, wandert in den Kompost und der wiederum in den Kräutergarten.
Der wertschätzende Umgang mit den Nahrungsmitteln und die Arbeit in der Küche gefallen mir. Nicht immer arbeiten wir in Stille, manchmal geht es auch sehr munter zu. Man tauscht sich aus, lernt sich kennen. Nebenbei schnappe ich die ein oder andere Rezeptidee auf. Je näher der Uhrzeiger auf 12:30 Uhr vorrückt, kommt manchmal spürbar Hektik auf. Wir müssen uns sputen, damit das Mittagessen für 40 Leute pünktlich auf dem Tisch steht.
12:30 Uhr, ein Räucherstäbchen wird entzündet und ein kurzer Text gesprochen, der so beginnt: „Dieses Essen ist ein Geschenk des ganzen Universums, des Himmels, der Erde und vieler menschlicher Arbeit.“ „Stimmt“, denke ich, mit Schweiß auf der Stirn und der feuchten Schürze noch um. Sind Kursgäste da, finden die Mahlzeiten im Schweigen statt. Das Essen schmeckt wie immer lecker – Zufriedenheit breitet sich in mir aus.
Heute habe ich keinen Spüldienst, sodass ich gleich nach dem Mittagessen aufs Zimmer kann. Dort liegt schon meine Zimmernachbarin im Bett und döst. Als Volontärin muss man sich ein kleines Zimmer teilen, wovor ich ziemlich Respekt hatte. „Werde ich die andere stören?“ „Was ist, wenn wir uns auf die Nerven gehen?“ Doch ich vertraue einfach darauf, dass die Menschen, die hier mitarbeiten, auch die Bereitschaft mitbringen, aufeinander Rücksicht zu nehmen.
Es dauert ein paar Tage, bis wir uns miteinander eingeschwungen, uns mit unseren Vorlieben und Macken etwas kennengelernt haben. Durch das Teilen des Zimmers wird das Thema Nähe und Distanz, das für mich hier ohnehin ständig präsent ist, noch einmal konkreter.
Wie viel möchte ich von mir mitteilen, was von der anderen erfahren? Wie viel Rückzugsraum nehme ich mir? Seit ich wieder zu Hause bin, wird mir bewusst, dass diese Auseinandersetzung für mich eine der gewinnbringendsten Erfahrungen war. Die freie Zeit bis 15:30 Uhr fülle ich je nach Anstrengung und Wetter mit einem Mittagsschlaf oder Sonnenbad auf unserer Terrasse. Der Blick auf den Vierwaldstätter See und den Pilatus, den Hausberg von Luzern, ist buchstäblich atemberaubend. Ich kann mich gar nicht sattsehen und mache fast jeden Morgen und Abend ein Foto.
Dann geht es zurück in die Küche, das Abendessen vorbereiten.
Nach dem Essen um 18:00 Uhr bleibt noch ein wenig Zeit bis zur Abendmeditation. Um 19:15 Uhr stehe ich wieder am Han. Um 19:30 Uhr das letzte „tok“, dann bringe ich die Utensilien wieder zurück und schleiche leise in den Meditationsraum. Zum Abschluss der Abendmeditation singen wir die traditionelle Zufluchtnahme. Danach gehen wir schweigend in unsere Zimmer, noch kurz ins Bad und löschen gegen 21:00 Uhr das Licht. So folgen die Tage einer festen Struktur. Die Morgen- und Abendmeditation gibt dem Tag seinen Rahmen. Von den Volontär:innen wird erwartet, dass wir daran teilnehmen, was ich auch richtig finde. Diese Verbindung aus Leben und Arbeiten in einer Gemeinschaft und der Meditation ist es ja, was ein Volontariat am Felsentor für mich und viele andere so anziehend macht. Während der Tagesablauf von Meditation und Arbeit bestimmt wird, richtet sich der wöchentliche Ablauf danach, wann die Kursgäste an- und abreisen.
Am Sonntag ist Abreise. Sowohl für die Gäste als auch die Hausgemeinschaft ist das eine Herausforderung. Nachdem sie eine Woche in Schweigen vertieft waren, sollen die Gäste nun rasch ihre Zimmer räumen. Unsere Aufgabe besteht darin zu erklären, was zu tun ist. Ich bin jedes Mal gestresst von der plötzlichen Unruhe, dem Durcheinander, den Fragen der Gäste.
Manche in der Hausgemeinschaft gehen damit gelassener um. Ich frage mich, warum ich so genervt bin, denn nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Die Rucksäcke stehen gepackt im Flur und das legendäre „Zopffrühstück“ auf dem Tisch. Traditionell gibt es am Sonntag frisch gebackenen Hefezopf. Obwohl ich eigentlich gar nicht so sehr auf Hefezopf stehe, freue ich mich von Woche zu Woche mehr darauf. Um 10:00 Uhr reisen die Gäste ab, und alle atmen merklich auf. Wir haben das Haus für uns!
Doch die Freude währt nur kurz.
Manche Kurse reisen schon am Montag an, die meisten am Dienstag. Bis dahin muss die Wäsche gewaschen und müssen die Zimmer wieder tipptopp hergerichtet sein. Schon als Kursteilnehmerin habe ich mich gefragt, wie es die Hausgemeinschaft schafft, sich so schnell und immer wieder aufs Neue auf neue Menschen einzulassen und ihnen offen und freundlich zu begegnen.
Mir bereiten solche Übergänge Mühe, vor allem das Abschiednehmen, und ich will versuchen, damit besser umgehen zu lernen. Nur selten gibt es mehrere Tage hintereinander, an denen keine Kursgäste da sind. Ein Thema, das auch in der Hausgemeinschaft diskutiert wird. Müssen so viele Kurse sein? Wäre es nicht schön, es gäbe mehr Zeit für Stille, Meditation und Austausch?

Die Arbeit am Felsentor sei eine Möglichkeit, den Zen Weg zu gehen und gleichzeitig seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sagt einer. Einige wünschen sich mehr körperliche Bewegung im täglichen Ablauf. Manche nehmen sich längere Auszeiten, weil es aufgrund des herausfordernden Tagesablaufs und der abgeschiedenen Lage des Hauses schwierig ist, persönliche Interessen zu verfolgen oder Kontakte zu pflegen.
Dem Austausch von persönlichen Gedanken und wichtigen Informationen dient die Morgenrunde am Montag. Hier besteht die Gelegenheit, mit den anderen zu teilen, was eine:n beschäftigt, wie die momentane Stimmung ist, ob etwas geklärt werden muss oder Konflikte da sind. In der Morgenrunde konnte ich die anderen näher kennenlernen und miterleben, wie mit Kritik umgegangen wird. Wenn ich Punkte angesprochen habe, die für mich schwierig waren, wurden sie offen angenommen. Das war wichtig, damit ich mich wohlfühlen und öffnen konnte.
Die Kurse sind nicht zuletzt deswegen so voll, weil viele Menschen gerne herkommen, die Atmosphäre schätzen und sich gut aufgehoben fühlen. Kursteilnehmende sowie Lehrende haben immer wieder ihre Wertschätzung für die Hausgemeinschaft ausgedrückt, die den Rahmen halte und die Grundlage schaffe, dass sie sich in Ruhe ihrer inneren Arbeit widmen können. So empfinde ich Wärme und Freude bei dem Gedanken, dass ich dazu einen bescheidenen Beitrag leisten durfte.
Dieser Text ist auf Wunsch der Autorin in einer der aktuellen Genderschreibweisen verfasst worden.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"
Bild Teaser & Header © Unsplash.com
Fotos © Ursula Gramm

