Die radikale Lebens- und Glaubenspraxis der Wüstenmütter und -väter inspiriert viele bis heute. Sie tut es nicht durch Theorie, sondern durch gelebte Gottesnähe.
Der Titel dieses Beitrags hätte bei den Wüsteneltern mit Sicherheit für Stirnrunzeln gesorgt. Denn strukturiertes Lernen im Sinne traditioneller Bildungsvorstellungen war eines der Kulturgüter, das sie als viel zu weltverhaftet ablehnten. Dennoch stehen sie bis heute für eine ganzheitliche Lebens- und Glaubenspraxis. In ihrer Eindringlichkeit löst sie nicht nur staunende Bewunderung aus, sondern regte durch die Jahrhunderte hindurch auch immer wieder zur Nachahmung an.
Als erster Wüstenvater gilt Antonius, der vor allem durch seine von Athanasius von Alexandrien verfasste Lebensbeschreibung, die Vita Antonii, bekannt und berühmt wurde. Antonius wuchs im 3. Jahrhundert n. u. Z. in Ägypten auf. Gerade erwachsen geworden, musste er nach dem Tod seiner Eltern die Vormundschaft für seine Schwester übernehmen.
In dieser Zeit des Umbruchs hörte er im Gottesdienst einen Bibelvers, der für ihn lebensverändernd werden sollte: „Wenn du vollkommen sein willst, geh hin, verkaufe alles, was dein ist, und gib den Erlös den Armen und folge mir, und du wirst einen Schatz im Himmel haben“ (Matthäus 19,21).
Das „verkaufe alles“ nahm der junge Antonius auf seinem Weg zur Vollkommenheit wörtlich.
Für ihn bedeutete Vollkommenheit die vollständige Konzentration auf seinen Gott und spirituelle Einung mit ihm. Er entsagte allem, was ihn noch mit der säkularen Welt verband: gesellschaftlichen Erwartungen, finanziellem Streben, freundschaftlichen und familiären Verpflichtungen.
Da sein großes Ziel in der Stadt nur schwer zu erreichen war, zog er sich in die Wüste zurück. „Wüste“ ist in diesem Fall und auch in den direkt nachfolgenden asketischen Generationen noch ganz wörtlich zu verstehen. In den folgenden Jahrhunderten, in denen das Phänomen des christlichen Mönchtums weit über Ägypten hinaus populär wurde, wurde die Wüste jedoch zu einem immer stärker verinnerlichten, metaphorischen Rückzugsort.
Aber auch in der realen ägyptischen Wüste, in der Antonius zunächst zwischen verlassenen Gräbern hauste, bevor er sich immer weiter zurückzog, sollte er nicht ohne Weiteres die innere Ruhe zur ungestörten Kontemplation finden können.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"
Sein Biograf berichtet von zwei großen Störfaktoren, die Antonius auf seinem Weg zur Heiligkeit immer wieder hinderten und in Versuchung führten: Dämonen und Menschen.
Gleich dreimal erzählt die Vita, wie der Teufel durch Dämonen, eingeflüsterte Gedanken und Trugbilder versuchte, Antonius von seinem gewählten Weg abzubringen. Der Teufel führte Antonius dabei allerlei weltliche Versuchungen wie Goldschätze und schöne Frauengestalten vor Augen. Antonius jedoch blieb standhaft, erkannte die Täuschung und vertiefte sich noch entschiedener ins Gebet.
Das wiederum sprach sich trotz seines zurückgezogenen Lebensstils schnell und anerkennend herum, so dass ein regelrechter Wüstentourismus entstand.
Menschen sahen in Antonius jemanden, der in besonderer Gottesnähe lebte und dadurch als Ratgeber in allerlei Lebenslagen qualifiziert erschien. Sie baten ihn um Hilfe, wollten von ihm lernen und eiferten ihm nach. Der Asket reagierte auf diesen Zustrom an Lernwilligen eher verhalten, er blieb seinem ursprünglichen Vorsatz treu und suchte weiterhin Distanz zur Welt. Die nun folgende historisch-theologische Entwicklung wird sehr anschaulich in einem anderen Werk der Spätantike präsentiert, den Apophthegmata Patrum. Hierbei handelt es sich um gut 1.000 Sprüche von Wüstenvätern und Wüstenmüttern, die in verschiedenen Sammlungen erhalten sind.
Auch wenn die Authentizität dieser Sprüche durch den komplexen Überlieferungsprozess nicht völlig außer Frage steht, geben sie doch einen guten Eindruck, wie das Lernen von den Wüsteneltern anfänglich aussah: Neben Antonius hatten sich bald weitere Asketinnen und Asketen in den Wüsten angesiedelt. Diese wurden von umherziehenden Schülerinnen und Schülern aufgesucht.
Der berichtete Kontakt begann meist mit der folgenden Bitte: „Vater/Mutter, gib mir ein Wort …“, manchmal ergänzt um ein konkretes Anliegen. Hierauf antworteten die Wüsteneltern entweder in kurzen, sentenzartigen Sprüchen oder auch in längeren, von Beispielerzählungen durchzogenen Reden. Nachdem die Jüngeren diese Worte der Älteren gehört hatten, zogen sie weiter und bedachten das Gehörte bei sich.
Dieses monastische Lernen ist dabei keinesfalls als regulierter Schulbetrieb zu denken, so wie man ihn etwa aus mittelalterlichen, europäischen Klöstern kennen mag.
Vielmehr ist er durch Spontanität und Situativität gekennzeichnet.
Die Wüsteneltern werden durch ihre eigene Frömmigkeitspraxis zu Expertinnen und Experten in Fragen der Gottessuche und Gottessehnsucht. Es geht nicht darum, theoretisches Wissen weiterzugeben, sondern Erfahrungen zu vermitteln. Lern- und Lebensformen sowie asketische Praktiken sind dabei niemals Selbstzweck, sondern immer – wie bereits bei Antonius, dem ersten Mönch – dem individuellen Streben nach Vollkommenheit nachgeordnet.
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