Rituelle Tanzpädagogik ist ein völlig neues Feld. Sie bezieht sich auf afrikanische Tanztraditionen und zeigt, wie Musik und Rhythmus Zugang zu Heilung und Spiritualität schaffen können.
Ich war auf der Suche nach einer spirituellen Heimat, um selbstheilende Erfahrungen zu machen. Meine schönsten und intensivsten Erlebnisse hatte ich stets im Tanz. So traf man mich häufig in Diskos, auf Konzerten oder in Tanzkursen an.
Ob Salsa, Tango oder Hip-Hop, alle meine Versuche mit den verschiedensten Kursangeboten befriedigten mein Bedürfnis nach einem ganzheitlichen Tanzerleben nicht.
Mir war klar, dass ich meine Heilung durch eine Spiritualität finden würde, die Tanz als wichtigen Zugang zu göttlichen Welten nutzt.
Doch wie mich im Tanz an das Göttliche anbinden? Wie wird Tanzen zu einer heilenden Erfahrung?
Ich erhielt das erste Mal 1992, während meiner Tanzpädagogik-Ausbildung, von einem senegalesischen Gastlehrer eine Unterweisung in Djembe-Tänzen. Dies ist eine afrikanische Tradition der Mandinka, einer Ethnie Westafrikas.
Ich war sofort begeistert von der vibrierenden Intensität, die durch die Livemusik entstand. Ich fühlte mich von den Trommelrhythmen der Djemben und den Musiker*innen mit ihrer offenen, lockeren und direkten Art auch als Frau angesprochen und anerkannt. Ich erlebte meine Kraft und Weiblichkeit im tänzerischen Dialog als energiegeladen, spielerisch und leicht.
Hier wurde ich gesehen, musikalisch beantwortet und rhythmisch herausgefordert.
Die Musiker*innen reagierten auf meine Bewegungen durch ihre Art zu spielen. So entstanden Akzente und Phrasierungen in ihrem Spiel und in meinem Tanz. Ein ständiges gegenseitiges Zuhören, Zusehen, Reagieren, Beantworten, Unterstützen und Aufladen. Die peitschenden Rhythmen inspirierten mich zu expressiven und ausladenden Bewegungen. Ich kam in Verbindung mit meinen Aggressionen, zu denen ich so bislang noch keinen Zugang hatte. Dies ermöglichte mir, meinen eigenen Raum mehr einzunehmen, mich zu zeigen und daran zu erfreuen, gesehen zu werden.
So konnte ich mir eine vollkommen neue Kraftquelle erschließen.
Ich tanzte nicht mehr, um schöne Bewegungen vor einem Spiegel zu vollführen, sondern um eine lebendige Unterhaltung mit Musiker*innen einzugehen. Tanz wurde zu einer permanent dialogischen Verbindung und erhielt für mich so eine neue Sinnhaftigkeit. Die Möglichkeiten, mich durch das Tanzen mit Livemusik intensiver zu erleben, die ich in den Mandinka-Tanztraditionen gefunden hatte, ließen mich nicht mehr los.
Ich verstand, dass Gefühle Energie und auch Aggression sind, also pure Lebensenergie, die im afrikanischen Tanzen willkommen ist. Wieso habe ich diese Aggressionen nicht vorher in den anderen Tanzstilen gespürt? Vielleicht, weil es ein lebendiges Gegenüber braucht, das mich mit seiner musikalischen Reaktion provoziert und hält. Außerdem werden aggressive Menschen, und erst recht aggressive Frauen, in unserem kulturellen Umfeld eher negativ bewertet.
Ich kam meiner kulturellen Prägung immer mehr auf die Spur. Ich lernte später in meiner Therapieausbildung, dass allen psychischen Dysbalancen auch immer ein gestörter Umgang mit den eigenen Aggressionen zugrunde liegt. Ich erkannte, dass der kreative Ausdruck unterdrückter Aggression ein echter Booster für heilende Erfahrungen ist.
Ich wurde zwar sehr locker und nur minimal christlich erzogen, doch als ich die Weltsicht der Yoruba, ebenfalls eine westafrikanische Ethnie, kennenlernte und tanzte, empfand ich sie als eine große Befreiung von meiner eigenen Prägung.
Ich tanze aus der Weltsicht heraus, die alles als beseelt betrachtet – auch geistige und emotionale Kräfte wie Schmerz, Krankheit, Lust, Sinnlichkeit, Stolz und Gerechtigkeit.
In diesen Tänzen konnte ich je nach dargestellter Gottheit stolz, arrogant, aggressiv, wild, lasziv, alt, krumm und dick sein und dies göttlich nennen. Diese Gottheiten werden getanzt, und zwar so, dass die Tanzende oder der Tanzende nicht wie „Yemanja“, die Göttin des Meeres und der Mutterschaft in Yoruba, tanzt, sondern selbst zu Yemanja wird.
Wir können göttliche Kräfte spüren, weil wir sie in uns haben.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"
Musik, Tanz und Imagination – geistige Kraft erwecken sie und lassen sie lebendig werden. Tanzen als Feiern der Lebenskraft, die göttlich ist. Denn jede Gottheit hat ihre Eigenarten und will getanzt werden. Gott in den Menschen zu verlagern, anstatt als ein äußeres Wesen zu begreifen, entspricht den mystischen Richtungen vieler Religionen. Der Mythos als Teil animistischer Traditionen ist die Basis vieler alter Tanztraditionen weltweit.
Animistische Denkweisen gibt es in allen Kulturen, und sie besagen, dass alles miteinander vernetzt ist. Das heißt, ändert sich ein Mensch, hat dies Auswirkungen auf alles andere. Oder: Nichts ändert sich, bis du dich veränderst – und plötzlich ändert sich alles.
Denn jeder Gedanke, jedes Wort und jede Handlung haben eine Ursache und eine Wirkung. Im Kosmos funktioniert alles nach energetischen Gesetzen – ganz ohne Moral. So kommt es auch, dass animistische Traditionen Musik und Tanz zur Kommunikation mit der geistigen Welt nutzen. Genauso verstehe ich auch meinen Tanz.
Wenn mich jemand fragt, „Woran glaubst du?“ oder „Was ist deine Religion?“, antworte ich: „Tanzen“. Tanzen bedeutet für mich, ein Zuhause in meinem Körper zu finden. Ich glaube an die Heilkraft von Tanz. Das Leben zu tanzen wie die Atome, wo Gottheiten und Energien tanzen und sich in diesem miteinander gegenseitig halten.
Tanzen ist meine Verbindung zur Welt und meine Rückverbindung zu meiner göttlichen Quelle. Ich glaube an die Kraft des Mitgefühls für mich selbst und an dere. Ich glaube an den ureigenen Weg jedes Wesens und an unsere Sehnsucht, in unserer menschlichen Göttlichkeit gesehen und gefeiert zu werden.
Dieser Text ist auf Wunsch der Autorin in der aktuellen Genderschreibweise verfasst.
Hintergrund
In der „Rituellen Tanzpädagogik“, die Stephanie Bangoura entwickelt hat, spiegelt sich die Essenz des gesamten Schaffens und Unterrichtens von Stephanie Bangoura wider. Diese Methode vereint über 25 Jahre Erfahrung aus ihrem Leben und Tanzen in Städten wie Dakar im Senegal, Salvador in Brasilien, Havanna, Paris und New York. Ihre umfassenden Ausbildungen in Gestalttherapie, Rhythmik, Psychomotorik, Pilates, Spiraldynamik, Bioenergetik, Gyrokinesis, TakTiNa sowie ihr Master in Performance Art bilden das wissenschaftliche Fundament dieses einzigartigen Konzepts.
Bangoura lehrt ihre Methode an Universitäten, Tanzschulen und soziokulturellen Bildungsstätten weltweit. Diese tanzpädagogische Methode hat auch eine emanzipatorische Sprengkraft, die sich in verschiedenen Seminarformaten mit internationalen Kunstschaffenden ständig weiterentwickelt. „Eine Tradition bleibt nur dann lebendig, wenn man sie den wechselnden Umständen entsprechend erneuert“, sagt Joseph Campbell, ein US-amerikanischer Mythenforscher. In diesem Sinne schafft die Rituelle Tanzpädagogik Neues aus altem, tradiertem Wissen. An Wochenenden finden berufliche Weiterbildungen in Hamburg statt. Einstieg jederzeit möglich. Termine für Tanztage in Deutschland und Tanzreisen weltweit siehe: www.tanz-der-kulturen.de
Bilder © unsplash.com



