Das Daodejing des Laozi ist eine mehr als 2.000 Jahre alte Spruchsammlung aus China. Der Schweizer Musiker Balts Nill und der Benediktinermönch David Steindl-Rast haben zwei neu übersetzte Versionen veröffentlicht.
Balts Nill, geboren 1953 in Bern, ist als Musiker und Autor an zahlreichen musikalisch-literarischen Projekten beteiligt. 1996 erhielt er den Deutschen Kleinkunstpreis.
Seine Berndeutsch-Übertragung des Daodejing erschien 2020 unter dem Titel „vo wäge DO“, das gemeinsame Buch mit David Steindl-Rast unter dem Titel „Der Fließweg“ 2024 im Tyrolia Verlag.
U\W: Was fasziniert Sie am Daodejing? Warum sollte man es heute noch lesen?
Balts Nill: Ich weiß nicht, ob man sollte. Ich habe das Daodejing schon früh für mich entdeckt, als ich ungefähr 25 Jahre alt war, und es hat mich seither nicht mehr losgelassen.
Die erste Fassung, die ich gelesen habe, war die von Ernst Schwarz, die damals in einem DDR-Reclam-Verlag herauskam. Keine der vielen anderen Übersetzungen, die ich mir im Laufe der Jahre angeschaut habe, ist für mich so treffend und berührend. Der Text hat eine lange Rezeptionsgeschichte. Das hat damit zu tun, dass man mit diesem Text nie fertig wird. Wenn man ihn liest, hat man das Gefühl, keine Ahnung davon zu haben, wovon gesprochen wird. Irgendetwas spricht einen tief im Inneren an, aber es ist unglaublich schwierig, es inhaltlich auf den Punkt zu bringen.
Es ist keine Handlungsanweisung, aber auch kein abstrakt philosophisches Werk. Vielmehr eine wunderbar komponierte Sammlung von Spruchweisheiten, die zur Zeit ihrer Niederschrift zum großen Teil wohl bereits als Volksweisheiten vorhanden waren.
Doch es ist keine bloße Kalendersammlung von gut klingenden Sprüchen, sondern ein poetischer Text, hinter dem ein Konzept steckt.
Wie kamen Sie auf die Idee, den Text ins Berndeutsche zu übertragen?
Nill: Die Idee stammt nicht von mir, sondern von einem Verleger. Zuerst habe ich es für eine dumme Idee gehalten. Dann habe ich aber doch den ersten Vers genommen und bin recht flott reingekommen.
Trotzdem habe ich zunächst abgesagt.
Die Verse sind mir aber wie ein Ohrwurm im Gedächtnis geblieben, sodass ich für mich allein weitergemacht habe. Eigentlich nur, um herauszufinden, wann die Stelle kommt, an der ich kapitulieren muss. Gänzlich unerwartet bin ich dann doch bei Kapitel 81 angelangt und habe den Verleger gefragt, ob er sich noch erinnere. Das tat er. Und so wurde „vo wäge DO“ veröffentlicht.
Wie wurde die Dialektfassung aufgenommen?
Nill: Ich bekomme immer wieder Post von Leuten, die mir schreiben, sie würden das Daodejing schon lange kennen, aber diese Version habe ihnen einen neuen Zugang verschafft. Es ist vielleicht so, dass ich im besten Sinn ein niederschwelliges Angebot mache. Eine Triebfeder für mich war, herauszufinden, was ich an diesem Text verstehe. Wenn ich es in meinem Dialekt würde ausdrücken können und es mich dann immer noch überzeugt, habe ich es wohl integrieren können. Ich weiß nicht, ob das dem Original wirklich ganz gerecht wird, aber für mich hat es etwas Erfrischendes, Belebendes.
Sinologen haben einen Riesenrespekt vor diesem Text, ich bin da leichtsinniger rangegangen. Ich habe keinen Ruf zu verlieren. Vielleicht spürt man diese Frechheit und den gewissen Übermut, den ich hatte, weil ich es zunächst nur für mich gemacht und nicht an die Öffentlichkeit gedacht habe.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit David Steindl-Rast?
Nill: Wir kannten uns vorher nicht. Er hat meine Dialektversion geschenkt bekommen und war ganz begeistert davon. Als gebürtiger Österreicher konnte er sie recht gut verstehen. Sie habe ihm einen Zugang zum Text eröffnet, wie er ihn bislang nicht gefunden hatte. Er hat die Poesie und wohl auch den Rhythmus wahrgenommen.
Er fragte, ob er das auf Deutsch übersetzen dürfe. Ich war sehr berührt und geehrt. Da ist er auch ein Risiko eingegangen. Seine Alltagssprache ist jedoch eine andere als meine, die eines Mönchs, eines Ordensbruders. Seine Kommentare haben eine solche Schlichtheit und eine solche Tiefe.
Können Sie noch etwas zu dem Ohrwurm sagen, von dem Sie vorhin sprachen?
Nill: Im Grunde war das gleich der allererste Vers:
SEISCH DO
VERSCHWINDETS
GISCH IHM E NAME
KENNSCHES SCHO NÜMM
Ein Problem war, einen Begriff für das Dao zu finden. Zuerst wollte ich ihn auslassen oder durch drei Punkte ersetzen, weil er mir zu geheimnisvoll erschien. Bis ich an Stellen kam, wo es nicht mehr anders ging. Da fiel mir ein, dass DO in meinem Dialekt „Hier“ heißt, und gleichzeitig der Grundton der Tonleiter ist. Diese Doppelbedeutung gefiel mir.
Spielte es eine Rolle beim Übersetzen, dass Sie Musiker sind?
Nill: Mag sein. Der Text hat einen Rhythmus, und der Dialekt erlaubt mir eine andere Rhythmik. Er hat sehr viele ein- und zweisilbige Wörter und wie jede mündliche Sprache die Tendenz, Wörter manchmal abzukürzen und Sätze nicht ganz auszuformulieren. Das Chinesische, wie das Berndeutsche, hat viele Zischlaute. Es besteht also auch eine phonetische Nähe.
Rhythmus und Klang spielen also eine wichtige Rolle, nicht nur die Wörter und Begriffe. Der Text selbst beginnt damit, dass Worte nicht das Ganze sind, man mit Worten immer nur den Rand des Gefäßes beschreiben kann, nicht den geheimnisvoll leeren Hohlraum. Dennoch folgen dann ja 81 Verse, quasi unter dem Vorbehalt, dass das, was hier steht, nicht das Ganze ist, wir aber dem Rand folgen können.
Die Worte werden wertgeschätzt, sind aber nicht das Ganze, sie deuten lediglich auf das Eigentliche hin. David Steindl-Rast hat das in den letzten vier Zeilen des ersten Verses so ausdrückt:
SCHWEIGEN UND WORT
HÜTEN DAS GEHEIMNIS
DAS GEHEIMNIS VOM GEHEIMNIS
IM URSPRUNG
Der Text lässt eine offene Interpretation zu
Nill: Ja, aber er ist nicht nur vage. Er ist auch sehr konkret. Wie im zweiten Kapitel:
SAGT MAN SCHÖN
MEINT MAN AUCH HÄSSLICH
UND DIE GUTEN SIND NUR GUT,
WEIL DIE SCHLECHTEN SO SCHLECHT SIND
Das ist fast wie eine mathematische Gleichung und eine absolut konkrete Beschreibung dessen, was durch wertende Begriffe erzeugt wird. Der Text hat aber auch einen gewissen Humor.
Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Nill: Vers 4 ist, finde ich, schon humorvoll formuliert.“ Auf einen tief philosophischen Vers folgt quasi ein Stilbruch: „keine Ahnung – Himmel – von wo“. Das ist so eine Redeweise, wie wir sie im Dialekt gebrauchen.
Ein bedeutungsschwerer Satz und dann so eine Art Achselzucken hinterher?
Nill: Genau, das Achselzucken ist ja eine Geste, der Text hat auch eine gewisse Gestik, die ich versucht habe herauszuarbeiten. Auch die Beiläufigkeit ist für mich sehr charakteristisch für diesen Text. Die habe ich versucht, im Titel zu fassen.
Ich wollte im Titel auf keinen Fall den Begriff ‚Weg‘ oder ‚Wegweiser‘ drin haben, weil er für mich ein zu starkes Pathos hat. Dann ist mir plötzlich eingefallen, wie wir im Dialekt „vo wäge“ sagen, im Sinne von „übrigens, schaut doch mal hierhin“. Solche Ambivalenzen höre ich in diesem Text und spiele ich gern damit.
Sie haben dem Buch „Die Legende …“ von Brecht vorangestellt.
Nill: Das war David Steindl-Rasts Idee, die mir sehr entsprochen hat. Brecht hat mal gesagt, er habe den Laozi immer bei sich. Brecht war einerseits Dramatiker und politischer Aktivist und auf der anderen Seite Lyriker.
Das Daodejing hat nicht zuletzt auch etwas Subversives. Es wird oft als eine Kritik an der Zivilisation gelesen. Beispielsweise mag Vers 80 nach einem „Zurück zur Natur“ oder zum Natürlichen klingen. Es wird dort eine Art politische Idylle gezeichnet, der ich mich sehr verbunden fühle. Aber ich weiß, ich darf den Vers nicht als Handlungsanweisung verstehen.
Ich neige häufig dazu, die Gegenwart zurückzuweisen. Ich bin skeptisch gegenüber Technologie. Aber ich weiß, dass ich einen Umgang damit finden muss. Ich kann nicht von einem goldenen Zeitalter träumen, das vielleicht irgendwann einmal war und in das man zurückgehen kann. Das Daodejing ist verführerisch für solche Gedanken. Doch ein Zurück gibt es nicht, man kann nicht an den Ursprung zurück. Dennoch gefällt mir das Bild und ich pflege es als einen inneren Sehnsuchtsort.
Es geht im Text meiner Ansicht nach nicht um eine Rückbesinnung in der Zeit. Ich kann eine Parallele zur Musik ziehen. Wann klingt Musik natürlich? Wenn ich unverkrampft übe, nicht auf ein Ziel hin, sondern um des Übens willen, kann ich in einen Zustand kommen, wo das Instrument wie ein natürlicher Teil von mir erscheint. Das ist für mich wie der Zen-Anfänger-Geist.
Ich übe nicht auf ein hohes Ziel hin, sondern so, als wäre es ganz frisch, ganz neu. So kann ich in einen Zustand kommen, wo ich das Üben auch fallen lassen kann, wo es zur Freiheit führen kann. Aber der Weg geht nur über das Üben, nicht verkrampftes, aber intensives Üben. In diesem Sinne ist das immer wieder angesprochene Zurück nichts Zeitliches, sondern ein Einüben, das sich anfühlt wie ein Geborenwerden.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 131: „Alte Weisheit neu entdeckt"
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