Begriffe und Annahmen formen die Wahrnehmung. Unsere Autorin erläutert dies am Begriff Vipassana, der je nach Kontext verschiedene Bedeutungen haben kann. Wir sollten selbst herausfinden, was hilfreich und heilsam ist.
Spirituelle Praxis berührt das ganze Menschsein.
Sie ist holistisch und umfasst ethische Abwägungen ebenso wie pragmatische Handlungsstrategien; sie hinterfragt übliche Annahmen und Wahrnehmungen, lädt ein, zu lernen, wie man sich nährt und sammelt; sie wirkt therapeutisch und hinterfragt das Selbstbild; sie bietet Wege zur Impuls- und Affektregulation, betrachtet Beziehungsdynamiken und eröffnet Wege in die Erfahrung von Mystik und Transzendenz.
Der menschliche Geist hat die Tendenz, Komplexität zu vereinfachen, um das Leben praktikabel zu machen.
Das trifft auch auf das Verständnis von Dharma zu. Seit jeher haben Traditionen und Lehrende einzelne Aspekte herausgegriffen und betont, woraus mit der Zeit „die“ Praxis, „der“ Weg entsteht, oft genug versehen mit Attributen wie „richtig“, „einzig“, „authentisch“ oder „korrekt“.
Selten genug werden Praktizierende eingeladen, zu hinterfragen, welche Annahmen und Perspektiven ihr Verständnis von Praxis und Dharma formen und worauf diese Annahmen basieren.
Auch das Verständnis von Dharma-Praxis ist dem bedingten Entstehen unterworfen. Was man unter Praxis und Weg versteht, ist nicht statisch, sondern formt und verändert sich zusammen mit uns als Individuum und Gemeinschaft.
Sehen, was wirklich ist
Ein Begriff, an dem diese Dynamik sichtbar wird, ist Vipassana.
Dieses Wort birgt in sich eine Vielzahl an Bedeutungen, die jeweils eine unterschiedliche Sichtweise auf die Dharma-Praxis offenbaren. So ist ein mögliches Verständnis des Begriffs „Vipassana“ das einer Meditationstechnik, die man mit dem Wunsch um schreiben kann, „die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“.
Diese Art, das Erleben zu betrachten, soll, wie es der Mönch Nyanaponika beschreibt, die „Naturgesetze, die unser Denken, unsere Gefühle, unsere Urteile und Empfindungen steuern“ aufzeigen.
Als Naturgesetze werden die drei Daseinsmerkmale der Vergänglichkeit, der Leidhaftigkeit und des Nicht-Selbst verstanden. Ziel der Betrachtungsweise sei es, dass die gewonnene Einsicht eine Form der Leidenschaftslosigkeit erweckt, die als befreiend erfahren wird.
Weiter kann Vipassana eine Tradition oder buddhistische Linie beschreiben, im Englischen auch „Insight Meditation“ genannt. Diese hatte ihren Ursprung in Südostasien. Es war dort bis ins späte 19. Jahrhundert insbesondere in der Laiengemeinschaft üblich, Praxis vornehmlich als religiöse Riten, Großzügigkeit und ethische Handlung zu verstehen. Meditation als Technik wurde, wenn überhaupt, in monastischen Gemeinschaften praktiziert.
Die Vipassana-Tradition kehrte dieses Verständnis um und betonte, dass jeder selbst erfahren kann, was heilsam und befreiend ist. Eine Praxis, die für jeden zugänglich sein soll und die sich an Lehrreden, die konkrete erfahrbare Anleitungen vermitteln, orientiert, wie dem Satipatthana Sutta.
Diese buddhistische Tradition der Einsichts-Meditation beeinflusste maßgeblich das gängige Verständnis von Achtsamkeit und Praxiskonzepten wie dem MBSR.
Zuletzt sei noch ein Verständnis von Vipassana genannt, das auf der wortwörtlichen Übersetzung des Begriffs basiert.
Der Begriff aus den Pali-Überlieferungen der Lehrreden des Buddhas setzt sich aus dem Präfix vi- (intensiv oder besonders) und dem Verb passana zusammen, was so viel wie „sehen“ oder „wahrnehmen“ bedeutet. Persönlich übersetze ich den Begriff daher gerne als bewusst wahrnehmen oder hinspüren. Wie relevant ist das Hinterfragen von Konzepten für Praktizierende? Handelt es sich lediglich um semantische Spitzfindigkeiten, die gar von der Praxis ablenken?
Es ist spannend, zu beobachten, wie Begriffe, Konzepte und die darunterliegenden Annahmen mitbeeinflussen, welches Bild wir uns von Dharma- oder Achtsamkeitspraxis machen, was wir als Ziel der Praxis ansehen und wie Praktizierende handeln und sein sollten.
Eine solche Bedeutungsvielfalt, wie sie sich um das Wort Vipassana eröffnet, lädt ein, hinzuschauen, wie Begriffe und nicht hinterfragte Annahmen die Wahrnehmung formen.
Dieser Artikel erschien in der Ursache\Wirkung №. 128: „Verbundenheit"
Wir sind nicht an die Tradition gebunden
Dabei ist es weder nötig noch möglich, die Bedeutungsvielfalt dadurch aufzulösen, dass man versucht, die „richtige“ Bedeutung herauszufinden. Statt „Was ist richtig?“ zu fragen, ist es besser, sich nach der Frage „Was ist hilfreich?“ auszurichten.
Ein Perspektivwechsel, den auch der Buddha im Kesamutti Sutta vorschlägt: Diese Lehrrede erzählt von Bewohnern eines Dorfs, den Kalamern, die von Asketen, spirituellen Lehrern und Philosophen besucht wurden.
Diese teilen ihre Ansichten und Lehren mit ihnen. Den Bewohnern kamen ob der Vielzahl an teilweise widersprüchlichen Ideen und Anleitungen irgendwann Zweifel. Zweifel, die uns im Angesicht der Fülle an psychologischen, Achtsamkeits-, Meditations- und Dharma-Konzepten vielleicht bekannt vorkommen.
Die Antwort des Buddha lautete (meine Übersetzung aus dem Pali): „Recht habt ihr, dass ihr da im Unklaren seid und Zweifel hegt. Bitte richtet euch nicht nach mündlicher Überlieferung oder Tradition, nicht nach Hörensagen oder kanonischem Wissen, nicht nach Logik oder rationaler Herleitung, nicht nach Reflexion und nicht nach Akzeptanz einer Ansicht nach reichlichem Überlegen, nicht nach scheinbarer Kompetenz oder weil jemand ein Lehrender ist.“
Stattdessen schlägt er vor: „Erfahrt für euch selbst: Etwas ist nicht hilfreich, etwas ist zu missbilligen, wird von weisen Menschen kritisiert, und wenn ich danach handele, führt es zu Stress und Leid.“
Wer diesem Ratschlag folgt, dem eröffnet sich eine große Freiheit und auch Verantwortung.
Wir sind nicht gebunden an Form und Tradition oder Verstandeskraft (allein), sondern dazu eingeladen, im Anwenden und Erleben herauszufinden, was hilfreich und heilsam ist. Ergänzt wird dieses subjektive Abwägen durch die Ermutigung, sich mit anderen auszutauschen, die wir als klug und lebenserfahren erleben.
Genau hinspüren
In Bezug auf Vipassana führt das für mich weg von der Überlegung, welche nun die „richtige“ Praxisform oder Technik ist, hin zur Frage: „Welche Form der Praxis ist gerade angemessen oder hilfreich?“
In manchen Momenten wird dies eine eher beobachtende Haltung sein, manchmal das Einnehmen einer bestimmten Perspektive, wie das bewusste Wahrnehmen dessen, was veränderlich ist, manchmal die Wahl eines bestimmten Ankers für die Aufmerksamkeit, etwa den Atem.
Teil der Praxis ist, herauszufinden, wie ich auf hilfreiche, befreiende, beruhigende und klärende Weise praktiziere. Das ist für mich kein Denken über etwas, sondern ein unmittelbares Erfahren der Dynamiken und wie sie den Körper, das Herz und den Geist berühren.
Dieses Hinspüren hat in der formellen Praxis, der Meditation, ebenso einen Platz wie im Alltag.
Vipassana ist für mich lebendige Praxis – mittendrin in den Beziehungen und Herausforderungen, die der Alltag mit sich bringt. Veränderlichkeit, die Grenzen des Selbst, die nicht zufriedenstellende Natur der Erfahrungen und die Interdependenz mit allem Erleben sind für mich im Zusammenleben mit anderen, im Klein-Klein des Tags, so erfahrbar wie in der relativen Stille der Meditation.
Um dafür das notwendige Maß an Klarheit und Nichtreaktivität zu haben, ist es für mich wichtig, die Vipassana-Praxis um die Fürsorge für den Herzgeist zu erweitern. Das Gewahrsein hat oft genug nicht die Qualität eines ungetrübten Spiegels, sondern wird von Perspektive, Präferenz, vergangenem Erleben und vielem mehr beeinflusst und verzerrt.
Die Möglichkeit, mit etwas verweilen zu können und es aus angemessener Distanz zu erfahren, ist abhängig von der Stabilität und Ruhe des Herzgeists. Teil der Praxis ist deshalb ein fortlaufendes Zwiegespräch mit Körper, Herz und Geist, das es ermöglicht, herauszufinden, was jetzt dazu beitragen kann, den Herzgeist zu beruhigen, zu nähren, zu erfreuen und zu sammeln.
Aber die Praxis umfasst noch mehr
Was ich wahrnehme, erspüre und erlebe, enthält auch immer die Einladungen, tätig zu werden und zu handeln. Dharma-Praxis ist keine Praxis der Passivität, des bloßen Beobachtens.
Vielmehr lädt sie uns ein, mit dem Erleben in Kontakt zu kommen und aus einer relativen Gelassenheit und Geistesklarheit heraus mitzugestalten. Die Dharma-Praxis wirkt auch befreiend, indem sie lehrt, wie wir im Handeln mittlere Wege finden können.
Sie löst den Eindruck auf, dass wir unabhängig vom Erleben existieren und es kontrollieren könnten.
Praxis lässt uns erfahren, wie alles Erleben zusammenhängt und wie Umstände im Innen wie im Außen unsere Wahrnehmung und die Reaktion darauf formen. Sie lehrt uns auch, wie wir als Teil dieser Interdependenz in eine Haltung des Mitgestaltens kommen können, einen mittleren Weg zwischen dem Versuch, zu kontrollieren und das Erlebte zu erdulden.
Vipassana bedeutet hinzuspüren
Vipassana-Praxis ist die Einladung, genau hinzuspüren.
Sie sollte in weitere wichtige Aspekte der Praxis wie Fürsorge und nicht reaktives Handeln eingebettet sein. So wie man in einem gut bestückten Werkzeugkoffer Hammer, Schraubenzieher, Zange findet, so ist es gut, auch in der Dharma-Praxis aus einer Fülle an Werkzeugen zu wählen.
Geschickte Handwerker zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie wissen, bei welcher Gelegenheit sie welches Werkzeug brauchen.
Wer würde schon auf die Idee kommen, zu sagen, dass ein Hammer wertiger ist als ein Schraubenzieher?
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